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Lebenslinien - Erkan Inan: "Fremd bin ich nur dann, wenn mich andere zum Fremden machen." Türkische Wurzeln, bayerisches Herz

Als Sohn türkischer Gastarbeiter in München wächst Erkan bei einer bayerischen Pflegemutter in Reichertshofen in der Hallertau auf. Türkisch kann er kaum. Seine Eltern sieht er nur am Wochenende, wenn sie gerade nicht Schicht arbeiten. Eines Tages aber stehen sie vor der Tür und wollen mit ihm in die Türkei zurück.

Stand: 09.03.2020

Als Erkan mit sechs Jahren aus seiner bayerischen Pflegefamilie gerissen wird, spürt er am eigenen Leib, was es bedeutet, sich in keiner Kultur dazugehörig zu fühlen. Seine Eltern schreiben ihn auf einer türkischen Schule ein, doch weil er die Sprache nicht kann, wird er auf eine Sonderschule geschickt.

Filminfo

Originalitel: Türkische Wurzeln, bayerisches Herz (D, 2020)
Regie: Daniela Agostini
Redaktion: Sonja Hachenberger
Länge: 45 Minuten
VT-UT, 16:9, stereo

Er sei "lernbehindert", heißt es. Nur mit viel Willenskraft und einer guten Lehrerin schafft er es, sich von diesem negativen Stempel des dummen und noch dazu ausländischen Förderkinds zu befreien. Er macht den Hauptschulabschluss und dann eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann.

Heute lebt Erkan mit seiner Frau und seinen drei Kindern in München und arbeitet in einem Eisenbahn-Transportunternehmen.

Erkan Inan mit seiner Frau Arzu im Garten der Familie in der Türkei.

Er hat es geschafft, seine schmerzhaften Erfahrungen in der Kindheit und Jugend in positive Bahnen zu lenken, indem er sich für Toleranz und die Begegnung der Kulturen und Religionen einsetzt: Er engagiert sich in der muslimischen Vereinslandschaft in München, ist Mitglied im Münchner Forum für Islam und sitzt im Münchner Migrationsbeirat.

Erkan sieht sich mittlerweile als Gastgeber – und nicht mehr nur als geduldeten Gast:

"Fremd bin ich nur dann, wenn mich andere zum Fremden machen."

Erkan Inan

Autorin Daniela Agostini zu den Dreharbeiten

Beim Dreh in der Türkei: Autorin Daniela Agostini (links) mit Team und Erkan Inan (rechts)

Was hat dich an der Geschichte von Erkan besonders beeindruckt?
Mich hat vieles beeindruckt. Ganz besonders aber, wie sehr Erkan seine Erfahrungen in Kindheit und Jugend in positive Richtung gelenkt hat und sich heute für den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen einsetzt. Dazu gehört viel Mut und Tatkraft. Wer einmal in der Sonderschule als „lernbehindert“ abgestempelt wird, für den ist es unglaublich schwer sich daraus zu befreien. Erkan hat es geschafft, hat einen Beruf gelernt und ist heute ein wichtiger und eloquenter Vertreter der muslimischen Kultur in München. Und all sein Engagement macht er auch noch ehrenamtlich neben seinem Vollzeitberuf und einer Familie mit drei Kindern.

Wie hast du Erkan bei den Dreharbeiten erlebt?
Das Schöne an den Dreharbeiten war, dass Erkan immer authentisch geblieben ist. Natürlich hat er viel darüber nachgedacht, ob er auch alles richtig macht und wie das bei den Zuschauern ankommt, was er im Film sagt und tut. Immer wieder hat er Inhalte und Aussagen auch kritisch diskutiert. Denn für ihn steht auch einiges auf dem Spiel: Immer wieder wird er durch seine Aktivitäten beim Münchner Forum für Islam, mit dem jüdischen Stammtisch und den Kulturfestivals in den Sozialen Medien beschimpft und mit Hass-Postings überschüttet. Aus diesem Grund hat er sich auch sehr genau überlegt, ob er sich grundsätzlich mit einem biografischen Film für die Lebenslinien privat zeigen möchte. Aber als er sich entschieden hatte, war er voll dabei und immer offen und konstruktiv für alles.

Gab es besondere Momente bei der gemeinsamen Arbeit?
Ein besonderer Moment während unserer Dreharbeiten im letzten Jahr war sicherlich die gemeinsame Reise in die Türkei Anfang August 2019. Die ganze Familie war sehr aufgeregt und vor allem Arzu, Erkans Frau, freute sich so sehr, endlich wieder ihre Familie zu sehen. Und wir, die Kamerafrau Kathi, unser Assistent Atilla und ich, waren Teil dieses freudigen Ereignisses. Wir wurden auch unglaublich herzlich und offen von Arzus Familie in dem kleinen Dorf Konuralp empfangen und diese gute Stimmung hielt sich während der gesamten Dreharbeiten. Trotz intensiven Arbeitens hatten wir alle auch wenig Urlaubsgefühle. Nach einem gemeinsamen Drehtag aßen und tanzten wir zusammen und diskutierten lange. Im Garten der Eltern ist auch das schönste Interview von Erkan und Arzu entstanden, das auch sehr lange im Film enthalten ist. Man spürt sehr deutlich, dass die beiden hier glücklich sind.

"Münchner Form des Islam" der Kammerspiele | Bild: Bayerischer Rundfunk zum Video Lebenslinien-Extra Erkan Inan und das "Münchner Forum für Islam"

Für Erkan Inan ist das "Münchner Forum für Islam" heute ein offener Treffpunkt für die Muslime unserer Stadt, ein Ort des Gebets, aber vor allem auch ein Ort der Begegnung und der konstruktiven Auseinandersetzung mit der heutigen Realität. Die Münchner Kammerspiele unterstützen das MFI: Barbara Mundel, die neue Intendantin, und ihr Dramaturgen-Team beuschen das MFI und halten dort einen Workshop. [mehr]

Erkans ehrenamtliches Engagement beginnt bereits in jungen Jahren. 1999, mit 24 Jahren, gründet er gemeinsam mit Freunden einen Verein, um nach einem schweren Erdbeben in der Türkei Hilfe zu leisten. Er sammelt Sachspenden, macht Aufrufe im Radio und organisiert einen LKW, um in die Türkei zu fahren und vor Ort zu helfen. Das war für Erkan die Initialzündung, denn er erkannte, dass er etwas bewegen kann, dass sich Engagement lohnt. Seitdem engagiert er sich in seiner Freizeit gegen Rassismus und für die Begegnung zwischen den Kulturen und Religionen und ist vor allem in der muslimischen Gemeinde Münchens aktiv. Erkan möchte mitreden, in München, seiner Heimatstadt. Vor fünf Jahren gründet er die Initiative „Kritisch Denken“ und das AusArten-Kulturprogramm im Münchner Forum für Islam. Vor drei Jahren ruft er den Jüdisch-Muslimischen Stammtisch mit ins Leben und lässt sich für den Münchner Migrationsbeirat aufstellen.

Ein Gespräch mit Erkan Inan

Erkan Inan in der Kirche von Reichertshausen.

Was ist das Münchner Forum für Islam für dich?

Das MFI ist ein Verein von Muslime, seit 2014 mit Sitz in der Münchner Altstadt nur wenige Minuten vom Marienplatz entfernt. Ich bin seit ungefähr fünf Jahren dabei, damals als wir in dem neuen Gebäude eingezogen sind - ich habe sogar noch beim Renovieren mitgeholfen. Für mich und für uns alle ist das MFI heute ein offener Treffpunkt für die Muslime unserer Stadt, ein Ort des Gebets, aber vor allem auch ein Ort der Begegnung und der konstruktiven Auseinandersetzung mit der heutigen Realität. Das MFI bezeichnet sich selbst als innovativ und progressiv. Innovativ, weil es vollkommen abgekoppelt von Einflussnahmen durch die einstigen Herkunftsländer. Progressiv deshalb, weil es auf das Hier und Heute und auf den in Deutschland heimischen Muslim eingeht. Wir wollen auf allen Ebenen den Prozess der Integration unterstützen. In diesem Sinne versteht sich der Verein als eine Art Verbindungsstelle zwischen muslimischen Migranten und deren Nachkommen und der deutschen Gesellschaft. Wir organisieren viele Veranstaltungen, wie das AusArten-Festival, und können so mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Wir öffnen das Haus für alle Münchner und werden so zu Gastgebern – gerade auch durch unsere Kunst- und Kulturveranstaltungen und durch Kooperationen mit anderen Kulturschaffenden, wie zum Beispiel den Münchner Kammerspielen (Video zum Besuch von Barbara Mundel, der zukünftigen Intendantin der Kammerspiele für die Spielzeit 2020/2021), dem Jüdischem Museum oder dem Bellevue di Monaco. 

Warum einen Jüdisch-Muslimischen Stammtisch?

Der jüdisch-muslimische Stammtisch ist eine private Initiative von Anita Kaminski von der Israelitischen Kultusgemeinde und mir. Wir sind uns vor rund fünf Jahren zum ersten Mal begegnet und haben uns angefreundet. Aus dieser Freundschaft heraus ist die Idee entstanden, dass wir einen Dialog zwischen jüdischen und muslimischen Münchnern fördern möchten und gründeten den Stammtisch. Wir wollten, dass Muslime und Juden sich gegenseitig besser kennenlernen und Normalität im Umgang miteinander schaffen, mit dem Ziel uns gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu stärken, auch innerhalb unserer eigenen Reihen. Nur wer sich kennt und versteht, kann offen für das Andere, vermeintlich Bedrohliche sein. Wir glauben fest daran, dass dies nur gemeinsam möglich ist. Wir haben zum Beispiel für muslimische und jüdische Kinder eine Veranstaltung im Jüdischen Museum mit dem Künstler Eran Shakina aus Tel Aviv organisiert. Die Kinder sollten von Anfang an positive Erfahrungen im Umgang miteinander erfahren und dies als Normalität empfinden. Und während die Kinder zeichneten, konnten sich die Eltern bei Kaffee und Kuchen unterhalten und besser kennen lernen. Das klingt jetzt banal, aber das ist es nicht, wenn sich zwei Gruppen treffen, die sich oft genug, im Kleinen und in der großen Weltpolitik wie zwei Fronten ablehnend gegenüber stehen. Zuletzt haben wir eine Veranstaltung gemeinsam mit dem Holocaust Memorial Museum in Washington organisiert. Es gab eine Filmvorführung und anschließend in der Moschee des MFI eine Diskussion über Gedenkkultur, Holocaust, Flucht und Migration, mit Vertretern des NS-Dokumentationszentrums, des Holocaust Memorial Museum und der Anti-Diskriminierungsbeauftragten. Uns geht es bei all diesen Treffen und Veranstaltungen um den Dialog zwischen den unterschiedlichen Realitäten und um eine Allianz gegen jegliche Form von Intoleranz.

Was passiert bei der Initiative „Kritisch Denken“ und „AusArten“?

„Kritisch Denken“ ist eine Initiative von Münchner Musliminnen und Muslime des Münchner Forum für Islam. Wir haben uns vor circa vier Jahren zusammengeschlossen und organisieren Vorträge, musikalische Abende, gemeinsame Fastenbrechen und Hilfsaktionen. Ganz generell geht es uns darum, konkrete, positive Signale in und für unsere Gesellschaft in München zu setzen. Wir Münchner Muslime sehen uns als Teil dieser Gesellschaft, wir möchten zeigen, wer wir sind, wir möchten Verantwortung übernehmen und eine konstruktive und respektvolle Diskussion führen. Gleichzeitig möchten wir uns selbst in Offenheit und Toleranz üben, wir möchten lernen, über den Tellerrand zu blicken, Perspektiven zu wechseln, aber auch ein wertschätzendes Selbstbewusstsein als Muslime zu entwickeln. Zudem sollen die Veranstaltungen die politische und religiöse Bildung fördern und zum Demokratieverständnis beitragen – wichtige Aspekte, weil sie präventiv der Radikalisierung von Jugendlichen entgegenwirken.

Das dreiwöchige Kunstfestival AusARTen, das einmal im Jahr stattfindet, ist aus der Initiative „Kritisch Denken“ entstanden. Das Motto des Festivals ist Perspektivwechsel durch Kunst. Verschiedene Sichtweisen treffen hier aufeinander und können dem Betrachter neue Perspektiven eröffnen.


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