BR Fernsehen - Lebenslinien


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Lebenslinien - Najd Boshis Traum vom selbstbestimmten Leben Die syrische Kapitänin vom Tegernsee

Vor ihrer Flucht aus Syrien bekommt Najd von ihrer damals 12-jährigen Tochter einen Schal geschenkt, auf dem Teddybären ein Steuerrad halten. Heute steht sie in Uniform selbst am Steuer eines Schiffs. Die 44-Jährige ist die erste und einzige Kapitänin auf dem Tegernsee. Ihre beiden Kinder besuchen mittlerweile das Gymnasium und für Najd ist ein Traum in Erfüllung gegangen: ein sicheres und selbstbestimmtes Leben.

Stand: 04.05.2021 | Archiv

Najd wächst mit sechs Geschwistern in Aleppo auf. Schon früh orientiert sie sich an ihren Brüdern und lernt, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie studiert gegen den Willen ihrer Mutter, arbeitet dann in der Verwaltung der Universität und trennt sich mit zwei kleinen Kindern von ihrem Ehemann.

Filminfo

Originalitel: Die syrische Kapitänin vom Tegernsee (D, 2021)
Regie: Birgit Deiterding
Redaktion: Sonja Hachenberger
Länge: 45 Minuten
VT-UT, 16:9, stereo

Als 2011 der Bürgerkrieg in Syrien ausbricht, erlebt sie Jahre des Schreckens und der Machtlosigkeit, bis sie sich zu einer abenteuerlichen Flucht über das Mittelmeer entschließt. Ihre Kinder muss sie zurücklassen.

In Bayern angekommen, verbringt Najd fast ein Jahr in Asylbewerberheimen, bis sie am Tegernsee eine kleine Wohnung bezieht und endlich ihre Familie nachholen kann. In Tegernsee müssen sie nun ganz von vorne anfangen: andere Kultur, fremde Sprache, neues Leben.

Najd Boshi (Mitte) mit den Kindern und ihrer Schwester.

Um Geld zu verdienen, beginnt Najd als Kassiererin bei der Tegernseer Schifffahrt zu arbeiten. Zwei Jahre später bietet der Chef ihr an, den Bootsführerschein zu machen. Zunächst zögert sie. Doch sie nimmt das Angebot schließlich an.

Für die 44-Jährige ist nun das wichtigste, dass ihre 18-jährige Tochter und ihr 14-jähriger Sohn auch ihren eigenen Weg gehen – in Sicherheit.

Statement der Autorin Birgit Deiterding

Was fasziniert Sie besonders an Najd? 

Ihr Mut. Najd ist für mich eine sehr starke, selbstbestimmte Frau, die mutig ihren Weg gegangen ist. Sie stammt aus einer Kultur, in der Frauen wenig Rechte besitzen, flüchtete alleine, holte ihre Kinder nach und übernimmt hier die Verantwortung für das neue Leben ihrer Familie. Ich finde es sehr beeindruckend, wie Najd all das geschafft hat.

Was war besonders bei den Dreharbeiten?

Besonders war für mich das Vertrauen, das mir Najd und ihre Kinder bei den Dreharbeiten entgegengebracht haben. Es war sehr schön für mich, Najd, Nai und Ali ein Stück in ihrem Leben zu begleiten. Sie waren unglaublich offen, geduldig und neugierig. So konnten wir authentische und intensive Gespräche miteinander führen und ich bekam die Möglichkeit, in ihr Leben und ihre Gedanken einzutauchen. Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar dafür.

Welche Anekdote gibt es von den Dreharbeiten?

Sehr schön und lustig war der Drehtag bei Najds Schwester Samar. Samar ist sehr quirlig und temperamentvoll. Auch wenn ich oft kein Wort verstanden habe, musste ich trotzdem lachen, wenn ich die Beiden dabei beobachtet habe, wie sie sich unterhalten. Auch als sie mir im Gespräch davon erzählt haben, wie sich früher die ganze Familie in Aleppo bei ihrer Mutter getroffen hat, musste ich oft lachen, denn ich konnte es mir bildhaft vorstellen, wie lebendig und lustig die Familie miteinander umgegangen ist.


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