BR Fernsehen - Kontrovers


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Islamisten in Bayern Wer stoppt die Radikalisierung?

Reportern des BR-Fernsemagazins Kontrovers und des BR-Hörfunks ist es gelungen, zwei Islamisten zu interviewen, die nach eigenen Angaben aus der Szene ausgestiegen sind. Beide beklagen, in Bayern fehle es an Strategien, dem Abgleiten in den Extremismus vorzubeugen und radikalisierte junge Menschen zurückzuholen.

Von: Marcus Schoft, Ulrich Hagmann und Joseph Röhmel

Stand: 04.03.2015

Ahmed S. (Name geändert) ist ziemlich dürr, trägt eine schwarze Mütze, eine schwarze Jacke in einem finsteren Waldstück irgendwo in Bayern. Ahmed S. – ein Mann mit einer düsteren Vergangenheit, verurteilt für Anschlagspläne und Mitgliedschaft in der islamistisch-terroristischen Vereinigung Ansar Al Islam. Mehr als sieben Jahre saß er deshalb im Gefängnis.

Todesstrafe droht im Irak

Jetzt müsste er eigentlich frei sein. Aber bei Ahmed S., der sehr gut deutsch spricht, ist das anders. Es ist wie in einer Warteschleife. Er sitzt in einem bayerischen Asylbewerberheim auf dem Land, streng überwacht von den Behörden, wartet auf seine Abschiebung in sein Heimatland Irak. Aber ob das wirklich passiert, ist fraglich. Im Irak droht ihm die Todesstrafe. Deshalb darf er nicht abgeschoben werden. Er könnte resignieren, aber er will ein neues Leben beginnen.

"Ich war einmal Terrorist, ich möchte nicht immer Terrorist sein. Ich habe so viele Briefe an die Behörden geschrieben, so viele Anrufe gemacht. Ich habe darum gebeten, dass sie mit mir reden sollen, mich nicht alleine lassen. Die haben zu mir gesagt: Wir haben keinen Plan."

Ahmed S.

Schon im Gefängnis, berichtet Ahmed S., habe er Hilfe bei Sozialarbeitern gesucht. Die hätten ihn aber allein gelassen. Dabei sei es drigend notwendig, im Gefängnis mit Islamisten zu arbeiten. Es sei dort ganz leicht, Menschen zu beeinflussen, sie zu rekrutieren und zu radikalisieren. Andere Orte, um Menschen zu verführen, seien Moscheen und Asylbewerberheime.

Anschlagspläne auf Facebook geschmiedet

Auch Stefan F. (Name geändert) hatte immer den Eindruck, dass er von den Behörden keine Hilfe erwarten kann. Stefan F. kommt aus Bayern, konvertierte 2008 zum Islam, radikalisierte sich, schmiedete Anschlagspläne. Auf Facebook sprach er darüber mit einer Frau. Später stelle sich heraus: Es war ein Mitarbeiter des Bayerischen Verfassungsschutzes. Jetzt ermittelt der Generalbundesanwalt gegen Stefan F..

Heute habe er sich vom Extremismus abgewandt, sagt er. Er habe andere Probleme, mehrere Psychiatrieaufenthalte hinter sich: "Ich hätte Hilfe gebraucht. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden soll, das war eine schwere Zeit."

Kritik von den Grünen

Kein Plan bei der Präventionsarbeit, kein Plan bei der Deradikalisierung mit Islamisten – genau das werfen die Grünen in Bayern dem Freistaat vor. "In anderen Bundesländern gibt es richtige Präventions- und Deradikalisierungsprogramme. In Bayern gibt es das alles nicht", kritisiert die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Katharina Schulze.

"Wir wissen, dass Handlungsbedarf da ist", betont Innenminister Joachim Herrmann. Justiz und Sicherheitsbehörden müssten alles tun, um islamistischer Propaganda entgegenzuwirken.

Präventionsprogramme auch in Bayern möglich?

Thomas Mücke vom Violence Prevention Network ist auch für Bayern zuversichtlich. Seine Organisation berät bundesweit Eltern, deren Kinder in die islamistische Szene abgedriftet sind. In Hessen und Nordrhein-Westfalen arbeitet das Netzwerk auch mit radikalisierten Jugendlichen zusammen.

Mücke steht vor dem Bayerischen Innenministerium, hat dort gerade über seine Arbeit gesprochen. Über Details der Konferenz will er aber nicht reden. Nur so viel verrät er: In der Vergangenheit sei in vielen Bundesländern wenig passiert, sagt er. Die Terroranschläge von Paris hätten viele Politiker zum Nachdenken gebracht.

Die Stadt Augsburg zumindest arbeitet gerade an einem Präventionsprogramm, beteiligt sich an einem europaweiten Projekt, das sich mit der Radikalisierung junger Muslime befasst. Ziel des Projekts sei es, Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter zu schulen, berichtet Diana Schubert vom kriminalpräventiven Rat der Stadt. Momentan gebe es da aber noch keinen richtigen Austausch mit den Behörden. Man wisse nicht, wer von den Jugendlichen in Augsburg eigentlich gefährdet sei:

"Wir bekommen keine Daten. Hier stehen natürlich Gespräche mit den entsprechenden Stellen des Freistaats an. Wir haben dringend das Bedürfnis, hier an die Daten zu gelangen, um mit den Personen auf sozialarbeiterischer Ebene Kontakt aufzunehmen."

Diana Schubert, kriminalpräventiver Rat der Stadt Augsburg

    


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