BR Fernsehen - Kontrovers


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Die Story Todtraurig und keine Hilfe

Mehr als 10.000 Menschen in Deutschland sterben jedes Jahr durch Suizid – weit mehr als durch AIDS oder Verkehrsunfälle. Trotzdem gibt die Politik kaum Geld für Prävention aus, obwohl sich so viele Leben retten ließen. Die Kontrovers Story über Menschen, die Hilfe suchen – und viel zu oft keine finden …

Stand: 24.05.2016

In Bayern sterben mehr Menschen durch ihre eigene Hand als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Aids, Mord und Totschlag zusammen. Die Ursachen, warum Menschen den Freitod wählen, sind vielfältig und komplex. Gefühle der Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit und Perspektivlosigkeit, Traumatisierungen, Konflikte in Beziehungen, psychische oder physische Erkrankungen, Depressionen, gesellschaftlicher Druck oder Kurzschlussreaktionen - all das können Gründe sein, die zu einem Suizid führen.

Zahlen und Fakten zu Suiziden

Alle 52 Minuten nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben.

12,5 Suizide gibt es bundesweit jährlich pro 100.000 Einwohner. Das Allgäu hat eine außergewöhnlich hohe Suizidrate: In Kempten im Allgäu sind es 18 Suizide pro 100.000 Einwohner.

Rund 10.000 Suizide gibt es jährlich in Deutschland. In den 70er-Jahren waren es noch 20.000 pro Jahr.

Von 10 Suizidversuchen ist einer tödlich.

Alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt.

In den letzten 10 Jahren gab es in Deutschland weit über 1 Million Suizidversuche.

Es nehmen sich dreimal so viele Männer wie Frauen das Leben.

Suizide sind nicht immer von langer Hand geplant – oft ist die Selbsttötung eine direkte Reaktion auf eine Lebenskrise und findet innerhalb von 24 Stunden nach dem Ereignis statt (z. B. bei Trennung, Bekanntwerden eines beschämenden Ereignisses).

Die Hälfte der Menschen, die sich umbringen, haben zuvor sehr klare Warnzeichen gegeben.

Wer vom Suizid abgehalten wird, überlebt langfristig: Eine Langzeitstudie belegt, 90 Prozent aller Menschen, deren Selbsttötung verhindert wurde, leben auch nach 20 Jahren noch.

Mit dem Alter wächst die Gefahr, sich das Leben zu nehmen: Während sich bei den 20- bis 25-jährigen Männern 11,3 von 100.000 das Leben nehmen, sind es bei den über 85-jährigen bereits 81,4.

Das durchschnittliche Sterbealter durch Suizid in Deutschland betrug im Jahr 2013 57,4 Jahre.

Dennoch: In Bayern ist bei Jugendlichen Suizid die zweithäufigste Todesursache gleich nach Verkehrsunfällen.

Die Angehörigen eines Menschen, der sich selbst getötet hat, haben im Anschluss ein erhöhtes Suizidrisiko. Selbsthilfegruppen können helfen.

In den letzten 10 Jahren waren in Deutschland zwischen 500.000 und 1 Million Menschen von dem Suizid eines ihm nahestehenden Menschen betroffen.

Alle 9 Minuten verliert in Deutschland jemand einen ihm nahestehenden Menschen durch Suizid.

Die durchschnittliche Wartedauer auf einen Therapieplatz beträgt derzeit in Deutschland 3 Monate.

Erste Warnzeichen ernst nehmen

Vielen Lebensmüden könnte geholfen werden, wenn erste Anzeichen ernst genommen würden. Laut einer Untersuchung suchen viele Personen, die einen Suizidversuch begehen, in den Wochen davor einen Arzt auf. Die Situation wird jedoch anscheinend von vielen Ärzten falsch eingeschätzt. Daher wäre es wichtig, bei diesem Thema eine viel höhere Sensibilität zu entwickeln.

So geschehen beispielsweise in einem Forschungsprojekt von Prof. Dr. Dr. Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Nürnberg: Er schulte vor 15 Jahren Nürnberger Hausärzte und machte sie sensibler für Depression und Suzidgedanken. Das Projekt war ein Erfolg: Die Zahl der Suizidversuche sank in Nürnberg im Anschluss um 22 Prozent. Doch das alleine reicht nicht! Für seine Forschung hat Prof. Dr. Peter Brieger, Chefarzt des Kemptener Bezirkskrankenhaus und Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie, 600 Akten von Suiziden im Allgäu untersucht - 47 Prozent hatten vorher sogar ihren Suizid angekündigt, trotzdem konnte er nicht verhindert werden.

"Ich glaube, wenn wir es schaffen würden, dass diese Signale besser aufgenommen werden würden. Dass die Menschen, die diese Signale aufnehmen - in unserer Studie waren das überwiegend Familienangehörige also Partner, Kinder, Eltern - die sind häufig überfordert mit diesen Signalen. Wir brauchen da eine bessere Krisenversorgung."

Professor Dr. Peter Brieger, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie

Symbolbild: Depressionen | Bild: picture-alliance/dpa zum Video mit Informationen Therapeutenmangel Krank und allein gelassen

Psychisch kranke Menschen warten oft monatelang auf einen Therapieplatz. Weil die Politik die Zahl der Psychotherapeuten deckelt. Für Menschen mit Depressionen ist das eine Katastrophe. Wenn die Seele krank ist und niemand hilft ... [mehr]

Zu einer besseren Krisenversorgung gehören unter anderem einfacher erreichbarere Hilfen und Therapieplätze. Denn mit professioneller Hilfe und Therapie sind viele Krisen zu verarbeiten. Doch tatsächlich gibt es viel zu wenig psychotherapeutische Praxen – und das ist politisch so gewollt. Denn nach der offiziellen Bedarfsplanung gelten 85 Prozent aller bayerischen Regionen als überversorgt und das bedeutet, dass es keine kassenärztliche Zulassung für neue Praxen gibt. Dadurch müssen verzweifelte oder psychisch kranke Menschen oft monatelang auf einen Therapieplatz warten. Zu lange, für jemanden, der sich überlegt, einfach alles zu beenden ...

Suizid ist ein großes gesellschaftliches Problem

Was ist dem Staat der Schutz vor Suiziden wert?

Ein Vergleich:

  • In Deutschland starben 2014 973 Personen in Folge einer HIV-Erkrankung. Die Bundesregierung gab im Folgejahr 12 Millionen Euro für Prävention aus.
  • Bei Verkehrsunfällen starben 3.368 Menschen. Für Aufklärungskampagnen gab es anschließend 13 Millionen Euro.
  • Durch Suizid starben über 10.000 Menschen. Aber hierfür gab es für Prävention gerade einmal 246.000 Euro vom Bundesgesundheitsministerium.

Die Folgen dieser Politik haben jährlich für tausende Menschen in Deutschland schreckliche Folgen. Dabei kann die offizielle Statistik nur einen Richtwert liefern. Denn die Dunkelziffer liegt nach Meinung des Psychologen Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf um einiges höher. Fiedler, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention ist, schätzt, dass man zu den offiziell registrierten Fällen noch einmal bis zu 25 Prozent hinzuzählen muss, die zum Beispiel als Verkehrsunfälle eingestuft werden. Ganz abgesehen von den Suizidversuchen, die laut Schätzungen zehnmal so hoch sind.

Die WHO hat außerdem errechnet, dass von jedem Suizid oder Suizidversuch noch insgesamt sechs weitere Menschen wie Angehörige oder Freunde betroffen sind. Eigene Schuldgefühle, Schuldzuweisungen aus dem Umfeld und die Frage nach dem Warum summieren sich für viele trauernde Angehörige zu einem Problemberg. Häufig sind Depressionen und eigene Selbstmordgedanken die Folge. Suizid ist somit ein großes gesellschaftliches und gesundheitliches Problem, das nicht nur viel persönliches Leid, sondern auch immense Gesundheitskosten mit sich bringt.

Die Wahrheit zu Suizidmythen

1. Mythos

Wer über Suizid redet, nimmt sich nicht das Leben.
Wahrheit: Menschen, die über Suizid reden, dürften auf der Suche nach Hilfe sein. Die meisten Menschen mit Suizid-Gedanken durchleben Angstzustände, Depressionen und Phasen der Hoffnungslosigkeit. Und möglicherweise haben sie das Gefühl, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt.

2. Mythos

Die meisten Suizide passieren plötzlich und ohne Warnzeichen.
Wahrheit: Für die meisten Suizide gibt es vorab Warnzeichen – entweder durch Äußerungen der Person oder durch entsprechendes Verhalten. Natürlich geschehen Suizide auch plötzlich ohne irgendwelche Hinweise vorab. Aber es ist wichtig, die Warnzeichen zu erkennen und zu verstehen.

3. Mythos

Wer suizidal ist, will sterben.
Wahrheit: Im Gegenteil - Suizidale Menschen haben häufig ein eher zwiegespaltenes Verhältnis zu Leben und Sterben. Manche handeln eher impulsiv. Einige Tage später sterben sie daran, obwohl sie dann eigentlich weiter leben wollen. Wer zur richtigen Zeit Zugang zu psychologischer Unterstützung hat, dem kann oftmals geholfen werden.

4. Mythos

Wer einmal suizidal ist, bleibt es.
Wahrheit: Erhöhte Suizid-Gefahr ist oft an kurze Zeiträume und Situationen gebunden. Suizid-Gedanken können immer wieder kommen, sie sind nicht dauerhaft. Eine Person, die bereits Suizid-Gedanken hatte oder sogar versucht hat, sich das Leben zu nehmen, kann danach weitermachen und ein langes Leben vor sich haben.

5. Mythos

Nur psychisch Kranke sind suizidal.
Wahrheit: Suizidales Verhalten deutet darauf hin, dass ein Mensch sehr unglücklich ist. Es muss aber nicht gezwungenermaßen heißen, dass er psychisch krank ist. Viele Menschen, die psychisch krank sind, haben keine Suizid-Gedanken und nicht alle Menschen, die sich das Leben nehmen, sind psychisch krank.

6. Mythos

Über Suizid zu reden ist eine schlechte Idee und kann als Ermutigung dazu verstanden werden.
Wahrheit: Die meisten Menschen, die über Suizid nachdenken, haben niemanden zum Reden. Offen darüber zu sprechen, kann dem Betroffenen viel eher helfen, andere Auswege zu finden und nochmals in Ruhe über die Entscheidung nachzudenken, als dass es zum Suizid ermutigt. Und kann so Suizid verhindern.
Quelle: WHO (2014): Preventing suicide. A global imperative.


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