BR Fernsehen - Kontrovers


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Tarifstreit Retten ohne Pause

Zu lange Arbeitszeiten, zu kurze Pausen – die gesetzlichen Ruhezeiten halten Bayerns Rettungsdienste nicht ein, kritisiert die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Und überanstrengte Retter bringen auch Patienten in Gefahr, heißt es. Das Bayerische Rote Kreuz hält dagegen, spricht von Falschinformationen wegen der laufenden Tarifverhandlungen. Was steckt hinter den Vorwürfen? Wie hoch ist der Druck auf Bayerns Retter?

Von: Astrid Halder und Adrian Roser

Stand: 19.10.2016

In der BRK-Rettungswache im oberbayerischen Agatharied: Helmut Berlinger und Kurt Holzapfel rücken zu einem Notfalleinsatz an einer Schule aus. Der Grund für den Einsatz lautet:

"Körperverletzung in der Berufsschule. Da sind zwei aneinandergeraten. Das müssen wir uns einmal anschauen. Die Polizei ist vor Ort. Mehr wissen wir momentan nicht."

Helmut Berlinger, Rettungsassistent BRK Agatharied

Die Sanitäter brauchen gute Nerven. Bis jetzt ist nicht klar, ist der Streit schon geschlichtet? Wie schwer sind die Verletzungen bei den Schülern? In den vergangenen Jahren wurde ihr Beruf gefährlicher. Was erwartet sie heute?
Die Kamera muss draußen bleiben, die Schulleitung möchte nicht, dass wir filmen.

Kurze Zeit später stellt sich heraus, niemand ist verletzt. Vorsichtshalber bringen die Sanitäter den Jungen zum Augenarzt.

Immer mehr Notfalleinsätze - auch bei Lappalien

Fahrten zum Arzt - eigentlich ist das nicht ihre Aufgabe. Immer öfter muss sich Helmut Berlinger um Lappalien kümmern.

"Die Einsätze, die steigen immens - auch mit Betrunkenen. Wo man sagt, das wäre jetzt nicht eher eine Blaulichtfahrt, sondern eher mit einem Krankentransport abzuarbeiten. Der Rettungswagen ist für die auch unterwegs - und auch immer, immer mehr."

Helmut Berlinger, Rettungsassistent BRK Agatharied

In den vergangenen zehn Jahren sind die Notfalleinsätze in Bayern um 45 Prozent gestiegen. Dazu kommen immer weitere Transportwege, weil auf dem Land viele Krankenhäuser geschlossen wurden. Eine Folge dieser Entwicklung: Die Sanitäter haben immer weniger Pausen.

Keine Zeit für Vorbereitung oder Nachbearbeitung

Das geht an die Substanz, sagt Marisa Ernst. Seit fast 20 Jahren ist sie im Rettungsdienst. Oft fehlt selbst die Zeit, Medikamente wieder aufzufüllen.

"Naja, ich sag mal: Neun Stunden durcharbeiten, ohne Pause: Einfach nur Auffüllen, zum nächsten Einsatz ausrücken, rausgerufen werden, obwohl man noch gar nicht einsatzklar ist - es stresst einfach! Das Auto ist nicht unbedingt zwingend aufgefüllt. Es muss alles in Hektik geschehen! Man vergisst dann vielleicht auch mal was, was dann natürlich dem nächsten Patienten schaden könnte."

Marisa Ernst, BRK-Mitarbeiterin

"Rettungsdienst ist immer eine Notfallsituation."

Eine 45 Stunden-Woche ist üblich. Sechseinhalb Stunden davon gelten aber als Arbeitsbereitschaft und werden nicht extra bezahlt. Obwohl auch dann immer wieder gearbeitet wird. Außerdem fehlen oft Pausen. Begründet mit der Notfallsituation. Für die Gewerkschaft ver.di ist das ein Skandal.

"Rettungsdienst ist immer eine Notfallsituation. Aber gerade deshalb darf der Arbeitgeber seine Betriebsdefizite der Organisation nicht auf Kosten der Beschäftigten abwälzen. Er hat Vorkehrungen zu treffen, dass eben auch diese Notsituationen, die bestehen, die zur Natur des Rettungsdienstes gehören, gelöst werden - und nicht auf Kosten der Beschäftigten und letztendlich auch der Patienten realisiert werden."

Robert Hinke, ver.di Bayern

Auch die Bayerischen Gewerbeaufsichtsämter sehen Handlungsbedarf, sie haben jetzt sogar eine Handreichung für die Arbeitgeber geschrieben. Die Gewerbeaufsicht Niederbayern hat bei einigen Rettungsdiensten "Verstöße gegen die zulässigen Höchstarbeitszeiten, die Pausenregelungen und die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten" festgestellt.

Das System lässt sich kaum umstellen

Laut ver.di trifft das Thema alle Rettungsdienste. Als größten Anbieter aber vor allem das Bayerische Rote Kreuz. Hier sind die Verantwortlichen offen, sprechen von einem Dilemma.

"Man könnte natürlich hergehen und könnte für alle bayerischen Rettungsdienstfahrzeuge, die tagsüber und nachts im Einsatz sind, zu den festen Pausen immer ein weiteres Rettungsmittel einsetzen, auch weitere Mitarbeiter, dann müssten wir mal aus dem Stand 100 Fahrzeuge wahrscheinlich mehr beschaffen und auch 200 Leute mehr. Das ist schlechterdings weder zu organisieren noch zu finanzieren. Wir müssen also einen anderen Weg finden."

Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer BRK

Akuter Nachwuchsmangel im Rettungsdienst

Tatsächlich ist es schwierig, das System umzustellen. Bei Helmut Berlinger und Kurt Holzapfel in Agatharied, gibt es auch immer wieder Leerlauf, weil sich Einsätze nicht planen lassen. Nach zwei Stunden Warten kommt erst der nächste Einsatz. Ein zusätzliches Team wäre heute nicht sinnvoll. Und woher nehmen? Es gibt akuten Nachwuchsmangel. Das liegt auch an der Bezahlung von nur 2.000 Euro Brutto am Anfang.

"Ich seh es schon so, dass die Leistung, die man erbringt, auch von der Verantwortung her - mit den ganzen Nachtschichten und Wochenenden ist es ja sozial etwas eingeschränkt mit den Freunden, die man hat - ist das schon ein bisschen wenig. Wenn ein bisschen mehr gehen würde, hätte man auch wieder mehr Nachwuchs an Personal."

Helmut Berlinger, Rettungsassistent BRK Agatharied

Noch zögern die Arbeitgeber. Dabei wissen alle: Der Beruf ist anstrengend - körperlich und psychisch. Nur ein Prozent der Rettungskräfte ist über 60 Jahre alt. Und das hat Gründe.

"Die Frage ist: Wie lang kann man das überhaupt machen? Das muss man auch sehen, ja."

Helmut Berlinger, Rettungsassistent BRK Agatharied

Höchste Zeit, den Helfern zu helfen!


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