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Unruhe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie Vorwürfe gegen Klinikchef

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug, Mitarbeiter fühlen sich bedroht und gemobbt. Zudem prüft die Ludwig-Maximilians-Universität die Habilitationsschrift des Klinikchefs. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie herrscht große Unruhe.

Von: BR Recherche, Gabriele Knetsch, Lisa Wreschniok

Stand: 15.03.2017

Max Planck Institut für Psychiatrie in München | Bild: picture-alliance/dpa

Das renommierte Max-Planck-Institut für Psychiatrie feierte gestern sein 100 jähriges Jubiläum. Ausgerechnet jetzt rumort es heftig. Seit Monaten kursieren anonyme E-Mails, in denen immer neue Vorwürfe gegen den Klinikchef erhoben werden. Die Max-Planck-Gesellschaft bezeichnet sie als haltlos. Die E-Mails gingen auch an Journalisten, Politiker und die Staatsanwaltschaft.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugsvorwürfen

Bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmten Beamte vor kurzem Daten und Dokumente.

"Wir ermitteln seit Mitte 2016 zunächst aufgrund einer anonymen Anzeige. Während des Laufs dieser Ermittlungen hat sich ein konkreter Anfangsverdacht dahingehend ergeben, dass Verantwortliche des Max-Planck-Instituts möglicherweise Betrug begangen haben, nämlich in Form des Abrechnungsbetrugs."

Hildegard Bäumler-Hösl, Sprecherin Staatsanwaltschaft München I

Die Max-Planck-Gesellschaft verweist auf BR-Anfrage in ihrer Stellungnahme auf das Gutachten einer privaten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

"Der anonyme Vorwurf eines systematischen Fehlverhaltens wurde durch die Prüfung widerlegt, die aktuelle Abrechnungspraxis gab ebenfalls keinen Grund zur Beanstandung."

Stellungnahme Max-Planck-Gesellschaft

Doch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sie prüft auch, ob öffentliche Mittel veruntreut werden. Konkret geht es darum, ob Geld, das für Forschung vorgesehen ist, für Klinikzwecke eingesetzt wurde.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela De Ridder, parlamentarische Berichterstatterin zur Max-Planck-Gesellschaft, fordert, offen zu legen, welche Mittel in die klinische Forschung und  welche in die Patientenbetreuung fließen:

"Solange das nicht abgeschlossen ist, gilt natürlich immer auch die Unschuldsvermutung. Aber wir wissen auch, dass die MPG eine der hochrangigsten Forschungsgemeinschaften ist, die wir in der Bundesrepublik haben, die wir weitgehend alimentieren. […] Insofern haben wir schon ein Interesse daran zu wissen, was in dieser Institution passiert."

SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela De Ridder

Die Max-Planck-Gesellschaft erklärt auf BR-Anfrage schriftlich, die Bereiche Forschung und Klinik würden mit Hilfe einer sogenannten Trennungsrechnung sauber abgegrenzt.  

Probleme mit Mitarbeitern

Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie ist eines von 83 Instituten der Max-Planck-Gesellschaft. Sie wurde nach eigenen Angaben 2016 mit 1,8 Milliarden Euro von Bund und Ländern gefördert - und gehört zu den renommiertesten Forschungsinstitutionen weltweit.

Seit ein paar Jahren wird das Max-Planck-Institut neu strukturiert. Der Klinikchef, der 2014 aus der Schweiz kam, treibt den Umbau voran. Einige Mitarbeiter klagen seitdem über ein schlechtes Betriebsklima. Etliche haben das Institut schon verlassen, andere fühlen sich unter Druck gesetzt und gemobbt. Die Max-Planck-Gesellschaft weist Anschuldigungen gegen den Klinikleiter als haltlos zurück und erklärt, man habe Strafanzeige wegen Rufschädigung erstattet. Im Juni vergangenen Jahres legte jedoch der langjährige Vorsitzende des Kuratoriums, Prof. Paul Unschuld, seinen Vorsitz nieder - aus Protest darüber, wie am Institut mit einzelnen Mitarbeitern umgegangen werde.

Vorwurf des wissenschaftlichen Fehlverhaltens

Prüfung der wissenschaftlichen Arbeit

Und es stehen noch mehr Vorwürfe im Raum: Aufgrund eines anonymen Hinweises prüft die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) die wissenschaftliche Arbeit, mit der Klinikchef Martin Keck seinen Professorentitel erlangt hat. Diese weist Übereinstimmungen mit der Dissertation einer von ihm betreuten Doktorandin auf. Rund 30 Seiten doppeln sich. Keck bewertet dies in einer Stellungnahme gegenüber dem Ombudsmann der LMU als übliches Vorgehen innerhalb einer gemeinsamen Arbeitsgruppe.

"Zusammenfassend ist festzustellen, dass die erwähnten Texte das Ergebnis gemeinsamer, von mir geleiteter Anstrengungen sind. Diese stellen die Ergebnisse einer Gemeinschaftsarbeit dar, welche als gemeinsame Textpassagen in die Dissertation [….] bzw. meine Habilitation [….] einfließen. Die identischen Textpassagen sind daher der allgemein akzeptierten und nicht anders zu bewerkstelligenden wissenschaftlichen Arbeitsweise meines Fachgebietes (hier explizit Grundlagenforschung) geschuldet."

Schreiben Prof. Martin Keck an LMU

Prof. Gerhard Dannemann von der Plattform VroniPlag Wiki kommt zu einer anderen Einschätzung. Er hat unabhängig von den Untersuchungen an der LMU die beiden Arbeiten geprüft. Sein Fazit: eindeutig wissenschaftliches Fehlverhalten.

"Manche deutsche Mediziner werten Textrecycling innerhalb von Forschergruppen als Kavaliersdelikt. In der internationalen Praxis ist das aber völlig inakzeptabel. Die deutschen Max-Planck-Institute betreiben internationale Spitzenforschung und können sich nicht leisten, international gültige Standards guter wissenschaftlicher Praxis zu ignorieren."

Prof. Gerhard Dannemann, VroniPlag Wiki

Es geht also um mehr als das Betriebsklima und Abrechnungspraktiken am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Es geht um den Ruf einer weltweit renommierten Institution. Auch die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern ist alarmiert: Sie wird sich auf ihrer nächsten Sitzung Anfang April mit den Vorwürfen gegen das Max-Planck-Institut für Psychiatrie beschäftigen.

Update, 14.12.2017

Der Untersuchungsausschuss der Ludwig-Maximilians-Universität München hat in seiner Sitzung am 04.12.2017 das Verfahren gegen Prof. Martin Keck eingestellt. Zwar könne ihm der Vorwurf gemacht werden, gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis verstoßen zu haben, jedoch nicht nachgewiesen werden, dass er dies bewusst oder grob fahrlässig gemacht hätte. Weiter heißt es in einer Stellungnahme des Ausschusses gegenüber BR Recherche:

"Auch bei der gemeinschaftlichen Erarbeitung von Forschungsergebnissen, um die es hier ging, erscheint es dem Ausschuss erforderlich, dass die Beiträge aller beteiligten Wissenschaftler durch korrekte Zitate gekennzeichnet werden, was in diesem Fall nicht hinreichend geschehen ist."

Stellungnahme des Untersuchungsausschuss der Ludwig-Maximilians-Universität München

Das sieht auch Professor Gerhard Dannemann von der Plattform VroniPlagWiki so. Er verweist darauf, dass Kecks Arbeit über zwanzig Seiten am Stück weitgehend wortgleich mit einer Dissertation sei, die in der ganzen Arbeit nicht erwähnt ist. Und diese Passage betreffe den Kernbereich der Arbeit. Also folgert Dannemann:

"Alle Kriterien, nach denen die ständige Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte von einer vorsätzlichen Täuschung ausgeht, sind nach den mir bekannten Tatsachen hier klar erfüllt."

Professor Gerhard Dannemann, VroniPlagWiki


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Aha, Montag, 20.März 2017, 18:13 Uhr

2. Ein Mobber und Hochstapler als Leiter in der Psychiatrie?

Das passt ja super!

Im Ernst: wahrscheinlich hat der Personaler, der für die Einstellung zuständig war, ihm ggü. eher moderierenden Mitbewerbern besonders "gute Führungsqualitäten" bescheinigt. Ähnlich wie bei VW, das kommt dann dabei raus, Mobbing, Betrug, wissenschaftliches Fehlverhalten. Die Affinität der renommierten Betriebe zu Blendern ist jedenfalls augenscheinlich. Und ungut, sowohl für den Ruf der Firma/des Instituts/der Klinik, als auch für die Motivation der Mitarbeiter und somit letztlich in diesem Fall für die Patienten.

Vielleicht den verantwortlichen Personaler mal gleich mitauswechseln?

Renate E., Sonntag, 19.März 2017, 21:45 Uhr

1. Hier hilft nur Aufarbeit.

Der Fische beginnt bekanntlich immer vom Kopf her zu stinken.