BR Fernsehen - Kontrovers


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Die Story Gefährdet die Pharmaindustrie Menschenleben?

An deutschen Kliniken verzögern sich Krebstherapien, weil Medikamente fehlen. Und das, obwohl Krankenhausapotheker enorme Anstrengungen unternehmen. Die Hersteller liefern einfach nicht. Die Kontrovers-Story über ein fragwürdiges Verhalten der Pharmaindustrie.

Von: Philipp Grüll, Ulrich Hagmann

Stand: 03.05.2016

Die Krebspatientin Franziska Jung konnte es kaum fassen. Kurz bevor ihre Therapie mit dem Medikament Alkeran beginnen sollte, hieß es plötzlich: Der Hersteller kann das Medikament nicht liefern.

"Ich hatte das Gefühl, das ist jetzt erst mal mein Todesurteil und es interessiert eigentlich keinen, was weiter passiert, weil es einfach dieses Medikament nicht gibt und man auch kein anderes nehmen kann."

Franziska Jung, Krebspatientin

Das Krebsmedikament Alkeran wird für die Vorbereitung von Stammzelltransplantationen benötigt. Die Nürnbergerin Franziska Jung hat  ihre Therapie mittlerweile bekommen – mit Verspätung. Doch seit Anfang April gibt es einen neuen dramatischen Lieferengpass. Franziska Jungs Arzt, der Erlanger Professor Stefan Krause, muss deshalb jetzt wieder Krebstherapien verschieben:

"Wenn es sich länger zieht oder die Versorgung eventuell ganz abbricht, wird sich die Überlebenschance der Patienten verschlechtern."

Prof. Stefan Krause, Onkologe, Universitätsklinikum Erlangen

48 Knochenmarktransplantationen verschoben

Bundesweit mussten seit vergangenem Sommer mindestens 48 Knochenmarktransplantationen verschoben werden. Dies hat eine Umfrage der Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation (DAG-KBT) unter deutschen Transplantationszentren ergeben. Bei weiteren 15 Patienten mussten seit dem vergangenen Sommer Therapiepläne geändert werden. Sämtliche Transplantationszentren gaben in der Befragung an, sie hätten aktuell Schwierigkeiten bei der Beschaffung des Medikaments. So sei für den Mai noch nicht klar, wie viele Dosen des Wirkstoffes man bekommen werde.

Firma lässt in Italien produzieren

Die Firma Aspen, die das Medikament in Deutschland vertreibt, bezieht den Alkeran-Wirkstoff Melphalan von einem Auftragshersteller in Italien. Dort ruht nach Informationen von report München seit mehreren Wochen die Produktion. Bereits zuvor war es immer wieder zu Liefereinschränkungen gekommen. Aspen teilte auf report-Anfrage mit, im Produktionsbereich des Herstellers sei ein neues Problem aufgetreten, das derzeit untersucht werde. Bis zum Abschluss der Überprüfung habe der Auftragshersteller vorsorglich die Produktion und Auslieferung jeglicher Ware ausgesetzt. Derzeit könne man keine gesicherten Aussagen treffen, wann die Produktion wieder aufgenommen werde.

Nach Ansicht des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach ist der Produktionsstopp unentschuldbar. "Das ist ein sehr wichtiges Medikament und die Verschiebung der Therapie ist hochriskant für den Patienten", sagte Lauterbach. Besonders unverständlich seien die Produktionsprobleme, weil Alkeran vergleichsweise einfach herzustellen sei.

"Im Einzelfall kann man sogar nicht ausschließen, dass der Patient verstirbt, weil er das Medikament nicht rechtzeitig bekommt."

Karl Lauterbach,  SPD, Gesundheitsexperte Bundestagsfraktion

Eine Ursache für die immer häufiger auftretenden Medikamentenengpässe sieht der Mediziner im Profitstreben der Konzerne. Die Hersteller seien enorme Gewinne gewohnt. Daher verkaufen sie Lauterbach zufolge oft lieber neue und teure Produkte. Die Gewinnspannen bei Medikamenten wie Alkeran, deren Patentschutz abgelaufen ist, sind eher gering. Auch deshalb werden solche Wirkstoffe weltweit nur noch in wenigen  Fabriken produziert. "Geldschneiderei spielt auf jeden Fall auch eine große Rolle", so Lauterbach.

Ärztevertreter fordern Maßnahmen

Ärztevertreter fordern von der Politik Maßnahmen gegen die immer häufiger auftretenden Lieferengpässe wie beispielsweise eine verpflichtende Bevorratung durch die Hersteller. Außerdem solle der Gesetzgeber die Unternehmen unter Androhung von Strafen dazu zwingen, Lieferengpässe so schnell wie möglich zu melden. Derzeit gibt es lediglich ein freiwilliges Melderegister, das viele Unternehmen nur sporadisch benutzen. "Man muss mit der Strafe klar an die Schmerzgrenze rangehen", sagte Diana Lüftner von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). "Das muss weh tun, damit sich die einzelnen Firmen daran halten, denn daran hängt die Gesundheit von Menschen."

Das Bundesgesundheitsministerium aber setzt weiterhin auf die Freiwilligkeit der Hersteller. Beim kürzlich zu Ende gegangenen Pharmadialog der Bundesregierung habe sich die Industrie "dazu verpflichtet, die Zulassungsbehörden und Kliniken frühzeitig über drohende Lieferengpässe zu informieren", schreibt das Bundesgesundheitsministerium auf report-Anfrage – eine freiwillige Selbstverpflichtung also. "Sollten diese Maßnahmen nicht greifen, werden wir eine gesetzliche Meldepflicht prüfen." Für die Ärztevertreter reicht das nicht aus.

"Das sind zwar wohlgemeinte Absichtserklärungen, aber eine konkrete Veränderung der aktuellen Situation kann ich da beim besten Willen nicht rauslesen."

Prof. Diana Lüftner, Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie

Dabei ist man sich offenbar auch im Gesundheitsministerium über den Ernst des Problems im Klaren. Dem BR liegt ein Sachstandsbericht zum Thema Lieferengpässe aus dem vergangenen Sommer vor. Darin heißt es, es könne "jederzeit eine Verschärfung der Situation eintreten." Ein Interview wollte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) dazu nicht geben.


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Das Leihschwein, Mittwoch, 11.Mai 2016, 16:41 Uhr

3. Bekommen Pharmakonzerne ihre Mondpreise für Medikamente nicht durchgesetzt

werden sie künstlich verknappt und die Politik sieht tatenlos zu. Ich nenne so was Erpressung. Hätte ich niemals gedacht das in Deutschland Medikamente nicht Lieferbar sind kennt man nur aus Entwicklungsländer. Hier geht es um die Gesundheit der Bevölkerung und es kann doch nicht sein das sich unsere Regierung gegen einen Konzern nicht durch setzen kann.

Holger, Mittwoch, 11.Mai 2016, 16:03 Uhr

2. Pharmaindustrie

Seit jeher sind dieser " VEREIN " und die anderen Konzerne das Übel schlechthin. Nur diese Herrschaften bestimmen über Völker. Doch auch deren Aktionäre fördern den Mißstand, Gewinne, Gewinne, Gewinne. Nichts anderes zählt. Vermutlich wird sich auch hier in Zukunft nichts ändern. Und der Arzneimittel-Betrug wird dadurch angeheizt. Und die Politik hofiert.

Schindler Peter, Mittwoch, 11.Mai 2016, 10:31 Uhr

1. Lieferengpässe bei Medikamenten / Gefährdet die Pharamindustrie Menschenleben?

Nicht nur bei Medikamenten gibt es Lieferengpässe,sondern auch bei Impfstoffen.
Bei mir wird im Oktober 2016 eine Auffrischung der Dreifach-Schutzimpfung für Tetanus, Diphterie und Poliomyelitis nötig.
Nun hat mich meine Hausärztin bereits im April darauf aufmerksam gemacht, dass der Impfstoff knapp ist und wir ihn rechtzeitig - etwa 4 - 6 Wochen vorher - bestellen müssen.
Erst dachte ich, dass der Engpass durch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge verursacht wäre. Aber nach Ihrem Artikel glaube ich nicht mehr daran.