BR Fernsehen - Kontrovers


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Die Story Die Kreuzfahrt boomt, die Umwelt leidet

Kreuzfahrten boomen, der Umsatz hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Gut für Reedereien und Anbieter, schlecht für die Umwelt. Der Aufwand für Luxus auf hoher See ist enorm, der Schadstoffausstoß der Riesenkreuzer gigantisch. Kontrovers über ein Megageschäft und seine Folgen ...

Von: Alexander Ihme

Stand: 16.11.2016

Kreuzfahrten haben Konjunktur. Schon seit Jahren wächst der Markt. Bei den in letzter Zeit besonders beliebten Hochseekreuzfahrten hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt. Lag der im Jahr 2005 bei 1,22 Milliarden Euro waren es zehn Jahre später schon 2,9 Milliarden - und das allein in Deutschland. Die Passagierzahlen haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Und auch der Preis pro Reise ist in den letzten 10 Jahren gesunken. Kreuzfahrten sind damit schon längst nicht mehr nur für die oberen Zehntausend erschwinglich.

Größere Schiffe - mehr Verdienst

Ein Grund für die immer weiter sinkenden Preise liegt unter anderem in den immer größeren Kreuzfahrtschiffen. Laut dem Journalisten Frank Behling, der seit Jahrzehnten Reedereien beobachtet, könne für größere Schiffe mit mehr Passagieren ganz anders kalkuliert werden. Denn die Grundkosten für eine Reederei blieben immer auf einem ähnlichen Level. Deshalb verdiene man natürlich mit einem großen Schiff auch unter dem Strich mehr Geld.

Nur wenige Kreuzfahrtschiffe filtern Feinstaub aus ihren Abgasen

Dreckschleuder Kreuzfahrtschiff

Die Mehrheit der Kreuzfahrtschiffe und Frachter wird mit einem der billigsten Kraftstoffe betrieben: Schweröl - also mit Resten der Erdölverarbeitung - mit einem Schwefelanteil von bis zu 3,5 Prozent. Je nach Größe des Schriffs und Dauer der Kreuzfahrt werden um die 400 Tonnen Schweröl pro Kreuzfahrt verbrannt. Dabei werden Feinstaub, Schwefel und Stickoxide tonnenweise in die Luft geblasen. Pro Tag sind in den Abgasen, die ein mit Schweröl betriebenes Schiff abgibt, enthalten:
- 7.500 kg Schwefeldioxid
- 5.250 kg Stickoxiden
- 450 kg Rußpartikel
- 476.850 kg Kohlendioxid

Doch die bunte Welt der Kreuzfahrten hat auch ihre Schattenseiten. Reedereien und Reiseanbieter werben gern mit Nachhaltigkeit und Umweltschonung. Dagegen werden Umweltorganisationen wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) nicht müde, immer wieder zu berichten, wie umweltschädlich Kreuzfahrtschiffe eigentlich sind. Malte Siegert vom NABU Hamburg kritisiert vor allem die Abgase: Rußpartikel und Feinstaub, den man mit bloßem Auge kaum sehen kann. Besonders erschreckend: Laut NABU stößt ein einziger Ozeanriese auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw auf der gleichen Strecke. Denn nur wenige Kreuzfahrt- oder Ausflugsschiffe verwenden wirksame Rußpartikelfilter gegen Feinstaub, wie sie im Straßenverkehr längst vorgeschrieben sind. Auf dem Wasser gibt es dafür keine gesetzliche Pflicht.

"Daran kann man mal sehen, wie erheblich die Emission von Schiffen insgesamt sind und wie wenig auf der anderen Seite die Schiffe reguliert sind. Wenn wir auf der Straße hier in Europa eine extrem scharfe Regulierung haben, mit Stickoxikatalysator, mit einem Rußpartikelfilter und mit sauberem Sprit, dann haben wir das bei der Seeschifffahrt so gut wie überhaupt nicht."

Malte Siegert, NABU Hamburg

Unerträgliche Luftverschmutzung an Land und auf See

zum Download NABU-Ranking der umwelt-unfreundlichen Kreuzfahrtschiffe NABU-Ranking der umwelt-unfreundlichen Kreuzfahrtschiffe

Der Naturschutzbund Deutschland hat Kreuzfahrtschiffe hinsichtlich ihres Schadstoffausstoßes bewertet. Hier können Sie das Ranking der Umweltschutzorganisation herunterladen. [mehr]

Der Naturschutzbund hat im Mai gemessen, wie viel gesundheitsschädlicher Feinstaub, wie zum Beispiel kleinste Rußpartikel, ein Schiff abgibt. Dafür sind Umweltaktivisten an Land der AIDAprima hinterhergefahren - immerhin das bestbewertete Schiff im Kreuzfahrtranking. Das Messgerät zeigt: Sobald das Schiff vorbeifährt, steigt die Zahl der Rußpartikel sprunghaft an. Der Wert ist fast siebenmal höher als an einer stark befahrenen Straßenkreuzung. Und zehntausende Containerschiffe fahren weltweit mit Schweröl.

Dabei wird nicht nur die Luft auf hoher See verschmutzt: Auch viele Anwohner klagen über eine unerträgliche Luftverschmutzung, denn die schwimmenden Hotels schalten auch im Hafen ihre Motoren nicht ab, um Strom für den Hotelbetrieb zu produzieren. Zudem fahren besonders Kreuzfahrtschiffe gerne an den Küsten entlang. In küstennahen Bereichen haben diese Emissionen etwa einen Anteil von 20 bis 50 Prozent an der gesamten Luftverschmutzung.

Es gibt bereits umweltfreundlichere Schiffsmotoren

Für ein paar hundert Kreuzfahrtschiffe, die in den Meeren unterwegs sind, will daran niemand etwas ändern, vermutet Prof. Dr. Michael Thiemke von der Hochschule Flensburg. Seiner Meinung nach sei der Druck viel zu gering. Dabei gibt es schon seit Jahren große Schiffsmotoren, die effektiver und umweltfreundlicher sind.

"Also das Dilemma ist definitiv vorhanden, dass Anlagen, die in Laboren getestet worden sind, oftmals kaum den Weg an Bord finden oder nur in ganz spärlichen Einzelanwendungen. Und damit hat man nicht die Möglichkeit, die Borderfahrung zu sammeln, die erforderlich wäre, um ein marktreifes Produkt anzubieten. Keiner möchte der erste sein, keiner möchte die Risiken tragen."

Prof. Dr. Michael Thiemke, Hochschule Flensburg

Werden also die Studenten von heute, die jetzt derzeit lernen, wie Hochseeschiffe gesteuert werden und wie die Motorentechnik funktioniert, also auch in Zukunft weiter mit schwerölbetriebenen Schiffen auf den Weltmeeren unterwegs sein? Es sieht ganz so aus. Denn die Einführung strengerer internationaler Regelungen wird Jahr für Jahr verschoben.


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