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Homöopathie Akademische Weihen für Kügelchen-Medizin?

Homöopathie: für die einen echte Alternative zur Schulmedizin, für die anderen unwissenschaftlicher Humbug. Die Ludwig-Maximilians-Universität in München bietet jetzt eine Ringvorlesung mit dem Titel "Homöopathie - von der Theorie zur Praxis" an. Wird damit eine Pseudomedizin durch eine Spitzenuni wissenschaftlich geadelt?

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 16.11.2016

Die Homöopathie ist umstritten und doch beliebt bei den Menschen. Und die Frage "wirkt sie oder wirkt sie nicht?" ist ein Streitthema nicht nur in der Medizin. Die Lehre des Arztes Samuel Hahnemann gilt vielen Wissenschaftlern mittlerweile als widerlegt. Dennoch führen Tausende von Ärzten in der Bundesrepublik den Zusatztitel Homöopath, bieten diese Leistungen in der Arztpraxis an. Auch die Ärztin Natalie Grams hat Homöopathie praktiziert. Bis sie anfing gründlicher zu recherchieren.

"Das hat sich alles so toll angehört, ich habe das nicht besonders kritisch hinterfragt und habe einfach geglaubt, was man mir beigebracht hat über die Homöopathie: Dass sie ganz toll wirkt und dass eben manche Sachen noch nicht erklärt werden können, dass aber das gerade das besondere daran ist. Und ich bin davon abgekommen, als ich mich wirklich mit den Hintergründen beschäftigt habe und auch mit dem wissenschaftlichen Denken über die Homöopathie. Und da bleibt nicht viel übrig, außer dass es eine tradierte Scheintherapie ist."

Dr. Natalie Grams, Ärztin

Ringvorlesung Homöopathie an der LMU sorgt für Debatten

Als junge Ärztin war sie leichtgläubig. Auch deswegen ist Natalie Grams so erschrocken über die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Denn dort gibt es eine Ringvorlesung Homöopathie. Es referieren homöopathische Ärzte über ihre angeblichen Heilerfolge. Veranstalter sind die Universität und der deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte.

"Es scheint uns als wäre das eine reine Werbeveranstaltung für Homöopathen und für Studenten und es geht eben - wenn man sich das Vorlesungsprogramm anschaut - nicht um die kritische Auseinandersetzung. Und das stört uns massiv, weil das wirklich jedem Anspruch, den eine Universität haben sollte, widerspricht."

Dr. Natalie Grams, Ärztin

Missbrauch der Vortragsreihe für kommerziellen Erfolg befürchtet

Natalie Grams hat einen offenen Brief an den Dekan der Medizinischen Fakultät der LMU geschickt. Unterzeichnet haben Professoren und Doktoren aus ganz Deutschland. Der Studiendekan der Medizinischen Fakultät verweist auf die Freiheit von Wissenschaft und Lehre und darauf, dass es keine Pflichtveranstaltung für Studenten ist. Er räumt aber ein:

"Ich bin der Meinung als Studiendekan, dass wir über diese Methoden sprechen sollten, kritisch - es aber wichtig ist, dass das nicht einseitig dargestellt wird oder missbraucht wird für Interessen von Ärztinnen und Ärzten, die dann auch kommerziell damit Erfolg haben möchten. Also das hat für mich eine schwierige Wirkung, weil bei mir der Eindruck entsteht, das ist zu einseitig dargestellt. Und das sollte nicht passieren."

Prof. Martin Fischer, Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Ludwig-Maximilians-Universität

Ist aber passiert. Verantwortlich für die Vortragsreihe zeichnet das Haunersche Kinderspital an der LMU. Die Ärztin, die das Programm zusammenstellt, würde gerne mit uns reden. Ihr Chef aber verbietet das Interview. Stattdessen antwortet der "Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte."

"Ich habe diese Vorlesung vor zwei Jahren initiiert, mit dem Wunsch die Homöopathie an die Universitäten zu bringen und damit den Pluralismus der Medizin den Medizinstudenten näher zu bringen."

Dr. Marieluise Schmittdiel, Fachärztin Allgemeinmedizin und Homöopathie, Landesvorsitzende des 'Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte'

Einer der schärfsten Kritiker der Ringvorlesung Homöopathie ist der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens.

"Das ist so, als ob ich in einer Pharmakolgie Vorlesung die Pharmaindustrie als Mitorganisator habe, dann ist keine unabhängige Arzneimittellehre mehr möglich. Also da macht man den Bock zum Gärtner und holt sich den Lobbyisten. Und diese Lobbyvereinigung ist sehr stark und sehr finanzkräftig."

Werner Bartens, Wissenschaftsjournalist Süddeutsche Zeitung

Umstrittene Krebsbehandlung mit Hochpotenzen

Bartens Kritik trifft die Referenten hart. In Murnau praktiziert der Arzt und Homöopath Miklós Takács. Er referiert über Krebsbehandlung mit Hochpotenzen. Bartens hat ihn in einem Artikel als Geschäftsmann bezeichnet, der Werbung für seine Privatpraxis macht.
Im Kontrovers-Interview sagt Takács, eine Anamnese dauere bei ihm vier, fünf Stunden. Auf die Frage, was das bei ihm koste, antwortet er:

"Das wurde auch zitiert, der Preis wurde zitiert in diesem Artikel: 455 Euro. Aber die Anzahl der Stunden, die ich mit der Anamnese und der zwei-, dreistündigen Nacharbeit damit noch verwende, das wurde nicht zitiert."

Miklós Takács, Arzt - Homöophathie

Über 450 Euro Privatrechnung für eine erste homöopathische Begutachtung. Der Arzt begleitet Krebspatienten homöopathisch, er sagt, nur ergänzend zur normalen Krebsbehandlung. Die Wirkung solcher Therapien? Umstritten!

"Ich weiß, dass es auch unter Studenten große Empörung über diese Veranstaltung gibt. Ich habe von einem Vertreter der Studentenschaft, der da Sprecher für eine Gruppe ist, einen empörten Brief bekommen, der sich beschwert und der sagt, 'Ja wir haben das in unserem Studentenmagazin auch aufgegriffen. Uns stört das auch. Wir wollen nicht mit solchem unwissenschaftlichem Humbug belästigt werden.'"

Werner Bartens, Wissenschaftsjournalist Süddeutsche Zeitung

Die Universität will aus der Diskussion Konsequenzen ziehen.

"Ich würde mir wünschen, dass wir uns mehr Mühe geben, all diese komplementärmedizinischen Methoden - nicht nur die Homöopathie - Irisdiagnostik, Bachblüten, was es da alles für Irrsinn gibt, kritisch hinterfragen. Und wenn mich meine nächste Patientin fragt: Was halten sie davon? Dann möchte ich gerne, dass meine Studenten gute Argumente haben zu sagen, wir glauben das hilft Ihnen nicht."

Prof. Martin Fischer, Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Ludwig-Maximilians-Universität


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