BR Fernsehen - Kontrovers


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Die Story Generation Biedermeier?

Handarbeiten und Kochen, eigenes Häuschen und Garten – liegt alles voll im Trend – kleine Welt statt großer Probleme? Der Rückzug ins Private: eine Flucht vor Stress und Hektik. Was hat es mit dieser "Generation Biedermeier" auf sich?

Stand: 18.01.2016

Unser Leben läuft immer schneller: Flexibilität, Mobilität, Optimierung. Die junge Generation hält das Tempo, Glück aber erreicht sie so oft nicht. Deshalb suchen sie alte Werte, sagt der Psychologe Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut in Köln. An diesem Institut werden gesellschaftliche Trends und Stimmungen erforscht.

"Die Welt ist heute durchformalisiert. Wir springen von einem Meeting zum anderen, erledigen hunderte von Mails. Am Ende des Tages sind wir erschöpft, haben viel getan, aber wissen gar nicht mehr, welchem Sinn wir gefolgt sind."

Stephan Grünewald, Psychologe im Rheingold-Institut in Köln

Ausgleich zum stressigen Alltag

Ausgleich suchen viele im Rückzug ins Private. Handarbeitsartikel boomen, Näh- und Kochkurse sind ausgebucht, Zeitschriften wie Landlust, Flow oder Emotion-Slow freuen sich seit Jahren über gute Auflagen. Soziologen sprechen von der "Generation Biedermeier", viele Alt-68er halten junge Menschen für chronisch unpolitisch. Tatsache ist, immer weniger Männer und Frauen sind bereit, sich in Parteien und Gewerkschaften zu engagieren. Doch sind sie deshalb unpolitisch? Mareile Braun, Chefredakteurin der Emotion Slow, findet das nicht.

"Es ist eine Rückbesinnung auf Werte, Traditionen und Gesetzmäßigkeiten, die nie aus der Mode kommen, so wie Gesundheit, Geborgenheit und Gemeinschaft."

Mareile Braun, Chefredakteurin des Emotion Slow Magazins

Lebensstil als politisches Statement

Und tatsächlich verstehen viele Menschen diesen Lebensstil auch als politisches Statement. Nähen gegen die Ausbeutung von Arbeitssklaven in Asien. Zum Beispiel Beate Bachmayer. Sie hat einen stressigen Job – und sitzt danach noch an ihrer Nähmaschine.

"Ich weiß, was das für ein Aufwand ist, und ich erlebe das viel bewusster und ich nehme das anders wahr, als wenn ich mir ein T-Shirt kaufe für fünf Euro. So weiß ich wenigstens, ich habe das gemacht, ich habe das selbst hergestellt und ich schätze das anders."

Beate Bachmayer

Im Alltag etwas verändern

Solche Aussagen kennt der Soziologe Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Governance und Mitautor der Shell-Jugendstudie.

"Die Jugendstudie zeigt auch deutlich, die Jungen werden politscher, interessieren sich, beteiligen sich über ihre Netzwerke an vielen Themen. So gesehen ist es eine gebrochene Konstellation. Die große Politik will man nicht. Man möchte aber im Alltag etwas verändern und bewirken."

Soziologe Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Governance und Mitautor der Shell-Jugendstudie

Generation Biedermeier? Eine Spurensuche von Ralf Fischer und Hans Hinterberger.


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