BR Fernsehen - Kontrovers


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Frauenhäuser Wenn Opfer keinen Schutz bekommen

Jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben häusliche Gewalt - so die Statistik. Das sind allein in Bayern jedes Jahr 140.000 Frauen. Frauenhäusern sollten Opfern von Gewalt Zuflucht bieten. Eigentlich. Doch weil es in Bayern zu wenig Plätze gibt, wird jede zweite Frau abgewiesen. Und auch bei ihrer täglichen Arbeit stoßen die Häuser ständig an ihre Grenzen.

Von: Anne Hinder

Stand: 07.11.2016

Alles begann, als der gemeinsame Sohn auf die Welt kam. Plötzlich war ihr Mann nicht mehr wie früher: "Er hat sich von Null auf Hundert gedreht, immer wieder gab es körperliche Angriffe gegen mich ..."  Wenn Maja von ihrem alten Leben erzählt, kommen ihr die Tränen. Ihr altes Leben bestand aus Gewalt. Jahrelang wurde die 28 Jahre alte Frau geschlagen. Von ihrem eigenen Mann. Trotzdem: Sie blieb. Jahrelang. Wegen des gemeinsamen Sohnes und weil sie immer hoffte, dass er sich doch noch ändert. Doch die Situation eskaliert immer weiter: Bis zu dem Tag, an dem ihr Mann sie so verprügelte, dass sie ins Krankenhaus musste.

Schon als Kind gehörte Gewalt zum Alltag

Jetzt beschließt Maja: "Es reicht". Sie will fliehen. Sie weiß, dass es Frauenhäuser gibt. Häuser mit geheimen Adressen, in den Frauen wie sie Hilfe bekommen sollen. Sie kennt diese Orte aus ihrer Kindheit. Auch ihre Mutter floh mit Maja und ihrem Bruder immer wieder vor ihrem gewalttätigen Mann, Majas Vater. Majas Augen werden wieder feucht, wenn sie sich erinnert. Auch ihre Mama wurde "krass verprügelt", wie sie sagt, "einmal hat sie sogar sieben Messerstiche von meinem Vater bekommen."

Hilfe? Leider alles belegt!

Doch als Maja jetzt selbst Hilfe sucht, telefoniert sie sich die Finger wund: Kein Frauenhaus hat einen Platz frei. Alle belegt. Es ist ein generelles Problem in Deutschland: Es gibt zu wenige Schutzplätze.
In Bayern ist die Situation besonders schlimm: Jede zweite Frau muss hier auf der Suche nach einem Schutzplatz abgewiesen werden.

Theorie und Praxis

Empfehlung der bundesweiten Frauenhauskoordinierung:
1 Schutzplatz für Frauen pro 7.500 Einwohner

Realität in Bayern:
1 Schutzplatz für Frauen pro 29.661 Einwohner

In ihrer Not bittet Maja eine Freundin um Hilfe und darf bei ihr einziehen. Aber ihr Mann findet raus, wo sie ist. Maja muss wieder fliehen. Und ihre Bemühungen, einen Platz im Frauenhaus zu bekommen, sind weiter vergeblich.

"Das ist ein Gefühl als ob einem der Boden unter Füßen  weggerissen wird. Man ist so machtlos. Da bittet man um Hilfe und denkt man bekommt sie. Und dann hört man immer nur: 'belegt'!"

Maja

Weil sie keinen anderen Ausweg weiß, flieht Maja zu ihrer Mutter. Die lebt mit ihrem Bruder auf engstem Raum zusammen. Und wie schon ihr Vater, hat auch ihr Bruder ständig Ausfälle, wird handgreiflich: "Einmal war das dann so heftig, dass mein Bruder mich so gewürgt hat, dass ich dachte: Wenn der mich jetzt nicht loslässt, dann bin ich weg." Wieder versucht Maja Hilfe zu bekommen - und endlich hat sie Glück. "Das erste Mal in meinem Leben“, sagt Maja heute. Ein Frauenhaus in der Nähe von München hat einen freien Platz. Sie kann sofort einziehen.

Kontakte in Bayern: Frauenhäuser: Anlaufstellen

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Kontakte in Bayern: Frauenhäuser: Anlaufstellen

Hilfsangebote für Frauen in Not (barrierefrei):

Übersicht, Kontakte und Anlaufstellen in Bayern

Wer als Kind Gewalt erlebt, wird oft später selbst Täter oder Opfer


"
Der Vergleich, wie sie damals hier ankam und wie sie heute ist. Das sind Welten!", erinnert sich eine der Sozialpädagoginnen aus dem Frauenhaus heute, knapp sechs Monate nach Majas Einzug im Frauenhaus. Damals kam sie an wie ein Häufchen Elend. Aber das sei oft so bei den Frauen. Sie haben ihr Leben nichts anderes vermittelt bekommen, als dass sie nichts wert seien. Und hier einen Wandel anzustoßen, ist ein langer Prozess. Auch dass Maja schon in ihrer Kindheit Gewalt erlebt hat, sei nicht untypisch. Oft wiederholen sich solche Muster. Miterlebte Gewalt kann zu ähnlichen Traumatisierungen führen, wie selbst erlebte Gewalt. Wenn nicht frühzeitig professionell geholfen wird - mit Therapie beispielsweise - ist es sehr wahrscheinlich, dass die Kinder später selbst zu Opfern oder Täter werden. So wie bei Maja und ihrem Bruder.

In Bayern ist angemessene Hilfe zur Zeit gar nicht möglich

Deswegen ist es wichtig, dass in Frauenhäusern auch Kindern schneller Zugang zu therapeutischer Hilfe ermöglicht wird. Aber das ist im Budget des Frauenhauses von Maja nicht vorgesehen. Wie fast alle Frauenhäuser in Bayern sind auch sie unterfinanziert. Aber wenn nicht gehandelt wird, wird sich das Gewalt-Problem in der Gesellschaft nicht abbauen. Wenn man Studien von 2004 mit aktuelleren Untersuchungen vergleicht, gebe es keinen Hinweis darauf, dass die Gewalt in der deutschen Gesellschaft abnehme, so Prof. Monika Schröttle von der TU Dortmund. Sie forscht seit Jahrzehnten zum Thema. Aktuell hat sie im Auftrag des Bayerischen Sozialministeriums eine Bedarfsermittlungsstudie durchgeführt, die zu dem Ergebnis kommt: Mit den jetzigen Strukturen und Mitteln ist es in Bayern nicht möglich, gewaltbetroffene Frauen und Kindern angemessen zu helfen.

Auch Täter, die sich ändern wollen, bekommen zu wenig Hilfe

Und davon sind nicht nur Frauenhäuser betroffen. "Auch Frauennotrufe, Beratungsstellen und Stellen, die Täterarbeit anbieten sind unterfinanziert in Bayern", sagt Antje Krüger vom Paritätischen Gesamtverband, die seit Jahren für eine bessere Versorgung kämpft. Bei Täterarbeit sieht es besonders düster aus. Dabei wären Programme, die gewalttätigen Männern helfen, ihre Aggressionen anders als mit Gewalt zu lösen, eigentlich sinnvoll, um das Problem bei der Wurzel zu packen. Aber bisher gibt es hier nur drei Anlaufstellen in ganz Bayern, die nach Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt arbeiten - mit insgesamt sechs Vollzeitstellen. 

Der gute Wille ist da, aber das Geld fehlt

Am Ende könnten es bei allem guten Willen an der Finanzierung scheitern. Auf Anfragen des Politikmagazins "Kontrovers" an das bayerische Sozialministerium, wird auf eine Arbeitsgruppe verwiesen, die bis Ende 2017 ein Gesamtkonzept erarbeiten soll. Konkrete Zusagen zur Finanzierung gibt es keine. Sie sehen vor allem die Kommunen in der Verantwortung.

Maja will jetzt in ein neues Leben starten

Immerhin: Maja ist inzwischen auf einem guten Weg. Nach einem knappen halben Jahr im Frauenhaus hat sie gelernt, Krisen zu meistern und auf eigenen Beinen zu stehen. Jetzt fühlt sie sich stark genug, in ein neues eigenes Leben zu starten. Auch deswegen hat sie sich bewusst dazu entschieden, für "Kontrovers" im BR Fernsehen ihre Geschichte offen vor der Kamera zu erzählen und sich über Wochen im Frauenhaus bis hin zu ihrem Auszug in ihre erste eigene Wohnung begleiten zu lassen.

Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, dass Frauen in Not auch Hilfe bekommen. Denn nun schaut Maja positiv in die Zukunft. "Jetzt fängt mein Leben an", sagt sie und ihre braunen Augen strahlen vor Energie und Selbstbewusstsein: Eigene Wohnung, Abi nachholen, dann vielleicht Ärztin werden. Eins weiß sie: Ohne die Hilfe im Frauenhaus, hätte sie das nicht geschafft. Dann wäre sie wahrscheinlich zurückgegangen zu ihrem Mann.

"Wenn keiner dir gut zuredet und sagt: 'hey du schaffst das, du bist stark, du kannst alles schaffen', sondern wenn dich immer jemand unterdrückt und sagt: 'du bist schlecht, du schaffst nichts', dann fängt man das an zu glauben. Und erst jetzt bin ich eines Besseren belehrt worden!"

Maja


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