BR Fernsehen - Kontrovers


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Erdgasautos Die explosive Gefahr

Immer wieder explodieren Erdgasautos von VW. Dass die Tanks für schwere Rostschäden anfällig sind, ist dem Kraftfahrtbundesamt nach Recherchen unserer Kollegen des ARD-Politikmagazins Kontraste seit 2014 bekannt – gehandelt hat das Amt aber lange nicht. Jahrelang ahnten Tausende Autofahrer nicht, dass sie sich beim Betanken ihrer Erdgas betriebenen VW-Fahrzeuge in Lebensgefahr befanden. Dabei waren schon 2012 Unfälle aufgrund defekter Erdgastanks bekannt geworden. Ein Fall ereignete sich zum Beispiel in Wolfratshausen ...

Von: Markus Pohl, Sascha Adamek und Susanne Opalka

Stand: 02.11.2016

Es ist der 9. September 2016. Eine Tankstelle im niedersächsischen Duderstadt. Während der Fahrer Erdgas tankt, explodiert der Gastank. Sein Wagen: ein VW Touran.

Sein Leben verdankt der Fahrer nur einem Zufall, er flieht in Panik. Ein angerosteter Gastank könnte die Ursache sein, vermutet später die Staatsanwaltschaft. Der hohe Druck beim Betanken hätte die Stahlflasche zum Bersten gebracht. Immerhin: VW hatte den Halter bereits zwei Monate zuvor schriftlich zum Tausch der Flaschen aufgefordert, weil ein erhebliches Verletzungsrisiko bestehe.

Rost kann den Gastanks zu schaffen machen

Ein Erdgasauto als Verletzungsrisiko? Darauf wäre dieser Fahrer eines anderen VW-Gasfahrzeugs in Würzburg nie gekommen. Valentin Bruttel, Vater von drei Kindern freute sich, als er 2014 seinen gebrauchten Siebensitzer des Modells Touran erwarb. Viel Platz und nur sechs Euro Treibstoffkosten auf 100 Kilometer.

"Das entscheidende für Erdgas war eigentlich die Umweltbilanz, die Autos sind eben deutlich sauberer, sogar als Benziner, viel sauberer als Diesel, haben ganz wenig Rußpartikel."

Valentin Bruttel, Erdgas-Autofahrer

Verantwortung des Herstellers

Valentin Bruttel weiß, wo bei seinem Touran die Gastanks liegen: vor und hinter der Hinterachse. An einer feuchten, warmen Stelle, wo es rosten kann. Ein Sicherheitsrisiko, wie er jetzt weiß. Eine Gefahr, die nach Kontraste Recherchen das Kraftfahrbundesamt in Flensburg seit Jahren kennt. Im Juni 2012 schickte ein alarmierter Fahrzeughalter Fotos von seinen völlig verrosten Flaschen an die Behörde, um sie zum Handeln aufzufordern. Denn bei einem lebensbedrohlichen Risiko muss das Amt die Autohersteller anweisen, Modelle zurückzurufen. Das Amt verwies stattdessen schlussendlich auf die Verantwortung des Herstellers.

Freiwilliger Rückruf von VW

Explodierte Gastanks bei einem Erdgasauto in Wolfratshausen

Nur Wochen später explodierte ein weiteres Auto im bayerischen Wolfratshausen: wieder ein Touran. Der Fahrer verletzt. Die Ursache: Rost an den Tanks. Zwei Monate nach diesem Unfall veröffentlicht die Behörde den ersten freiwilligen Rückruf von VW. Einige Tausend Fahrzeuge des Modells Touran wurden zurückbeordert. Einen Zusammenhang mit dem Unfall bestreitet VW.

Auch in Valentin Bruttels Touran wurden bei dem Rückruf zwei Flaschen getauscht. Allerdings wie bei anderen Autos nur die hinteren von vier Gas-Flaschen. Als er 2014 das Auto als Gebrauchtwagen kaufte, vertraute er darauf, dass VW beim Tausch auch die beiden vorderen Flaschen kontrolliert habe:

"Dann haben wir erst ein knappes Jahr später bei der TÜV-untersuchung - zum Glück - , muss man heute sagen, festgestellt, dass eben die beiden vorderen Tanks stark korrodiert sind."

Valentin Bruttel, Erdgas-Autofahrer

Er zeigt uns die Bilder von seinen verrosteten Gas-Tanks, die von VW zunächst nicht ausgetauscht worden waren und ist noch immer empört, ...

"... Dass ich da ein Jahr lang mit diesen korrodierten Tanks rumgefahren bin und meine kleinen Kinder immer direkt da drüber gesessen haben: Ich find' dieses Verhalten von VW einfach extrem fahrlässig. Da wird nur aufs Geld geguckt und die Sicherheit der Fahrer, der Kunden, fällt hinten runter."

Valentin Bruttel, Erdgas-Autofahrer

Warum sind nicht schon vor Jahren sämtliche typenähnlichen Gastanks in den Autos zurückgerufen wurden? VW gibt uns dazu bis heute keine Auskunft.

Anscheinend auch Fahrzeuge vom Modell Passat betroffen

Dabei fanden wir in einem jedermann zugänglichen Internetforum von Erdgas-Auto-Fans Fotos von total verrosteten Gastanks. Zum Beispiel von einem vier Jahre jungen Modell des VW-Klassikers-"Passat". Schon 2014 versuchte sein Besitzer das Kraftfahrtbundesamt mit Fotos davon zum Eingreifen zu bewegen.

Obwohl mit dem Passat ein weiteres Modell betroffen ist, verzichtet das Amt wieder darauf, eine Rückrufaktion amtlich anzuordnen. Es schreibt lapidar: "Der Sachverhalt wird derzeit in entsprechenden Fachgremien behandelt, damit ein mögliches Gefahrenszenario zukünftig frühzeitig erkannt werden kann."

Am 4. Mai 2016 explodierten bei einem Wagen in Tschechien die Gastanks.

Spätestens im Mai 2015 hätten diese "Fachgremien" nur ein wenig genauer hinsehen müssen. Denn in Schweden explodierte der nächste VW aufgrund verrosteter Flaschen. So auch am 4. Mai 2016 ein Wagen in Tschechien – beide waren laut VW von Rückrufen bereits betroffen, aber offenbar noch nicht in der Werkstatt.

Zweiter freiwilliger Rückruf von VW

Erst 29 Tage später wird das Kraftfahrtbundesamt tätig und veröffentlicht den zweiten, freiwilligen VW-Rückruf. Aber wieder wird nur vom Typ Touran. Dabei waren von den Rostschäden nach Kontraste-Recherchen auch andere VW-Modelle betroffen: Nach Touran und Passat nun auch der Caddy.

Kritik aus dem Bundestag

Im Bundestag kritisieren die Grünen seit Jahren das fehlende Durchgreifen des Kraftfahrtbundesamtes gegen die Automobilkonzerne:

"Es ist schon erstaunlich, dass in anderen Fahrzeugen, wo dann gleiche oder ähnliche Tanks eingebaut worden sind, dass man da nicht von vornherein die Rückrufe startet. Also ganz offensichtlich immer nur das allernötigste zu machen, 'ne Art Salamitaktik, nach dem Motto: Wir wollen hier Kosten sparen, wir wollen nicht zu viele Autos zurückrufen, weil das ist teuer, das ist imageschädigend."

Oliver Krischer (Bü'90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter

Warum nicht viel früher sämtliche betroffenen Fahrzeuge zurückgeholt wurden - dazu will sich der Konzern nicht äußern.

Rückruf für Caddy, Passat und Touran

Erst vier Monate nach dem letzten Unfall ruft VW nun insgesamt 30.000 Pkw der Modelle Caddy, Passat und Touran zurück. Allerdings mit Einschränkungen: Der Rückruf gilt nur für Autos mit Baujahren bis 2010. Und seit wenigen Tagen schreibt auch das Kraftfahrtbundesamt die Halter direkt an und warnt ganz offiziell vor "Lebensgefahr". Wohlgemerkt, auch das gilt aber nur für die betroffenen VW-Modelle bis 2010.

Darüber kann der Fahrer dieses Caddys nur den Kopf schütteln. Denn der hat das Baujahr 2011. Und so sahen seine Flaschen nach fünf Betriebsjahren aus. Immerhin hat VW sie auch ohne offizielle Rückrufaktion getauscht, so wie in vielen anderen Fällen auch. Still und leise. Bloß nicht noch ein Skandal.

Beitrag von Markus Pohl, Sascha Adamek und Susanne Opalka


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