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Illegaler Elektroschrott Von Bayern nach Ghana - unser Müll für Afrika

Der achtjährige Kofi arbeitet auf der größten Müllkippe Afrikas. Inmitten giftiger Dämpfe sammelt er Metall, um ein paar Euro für die Familie zu verdienen. Der Elektroschrott, der Kofis Gesundheit gefährdet, stammt auch aus Bayern.

Von: Johannes Reichart

Stand: 22.07.2015

Kühlschränke, Fernseher, Radios - eigentlich gehören alte Geräte auf den Wertstoffhof und müssen fachgerecht recycelt werden. Doch es gibt Lücken im Recyclingkreislauf. Regelmäßig brechen Diebe in Wertstoffhöfe ein und klauen Elektrogeräte, auf bayerischen Flohmärkten blüht der Handel.

Das große Geschäft mit Elektroschrott

Für ein paar Euro Verdienst

Die Giftstoffe in den Elektrogeräten, die auf der Mülldeponie im Stadtviertel Agbogbloshie ausgebeint und verbrannt werden, haben längst Wasser und Boden kontaminiert. Messungen haben ergeben, dass die Schadstoffbelastung in Luft und Boden die zulässigen Grenzwerte um das 50-fache überschreitet. Kinder, die auf der Müllhalde arbeiten, erreichen kaum das Erwachsenenalter. 

Jedes Jahr landen nach Schätzungen von Ökopol über 150.000 Tonnen deutschen Elektromülls in Afrika und Asien. Dabei ist der Export von Elektroschrott verboten. Im Stadtviertel Agbogbloshie, in Ghanas Hauptstadt Accra, liegt die größte Müllhalde für Elektroschrott in Afrika, einer der verseuchtesten Orte der Welt. Dort lernen wir den achtjährigen Kofi kennen. Er zeigt uns, wie er alte Elektrogeräte sortiert und Metallteile sammelt, um so den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu bestreiten. Ein lebensgefährlicher Job, inmitten von Blei, Kadmium und Quecksilber.

Deutschland hat Anteil an der Misere

Illegaler Schrottexport

Dubiose Händler sammeln die Geräte in Bayern auf Flohmärkten, Internet-Plattformen und bei Haushaltsauflösungen auf. Nur knapp 45 Prozent aller Elektrogeräte werden fachgerecht entsorgt. Und immer wieder wird Elektroschrott auch auf bayerischen Wertstoffhöfen geklaut. Dabei ist der Export von kaputten Geräten hierzulande eigentlich verboten. So verpflichtet das kürzlich beschlossene ElektroG2-Gesetz Exporteure jetzt, für die Funktionstüchtigkeit der Geräte ein Zertifikat vorzuweisen. Aber ob das funktionieren wird, daran haben die Händler so ihre Zweifel.

Die kaputten Geräte auf der gigantischen Müllhalde stammen auch aus Deutschland. Das ist leicht zu erkennen an den deutschen Siegeln, die sie tragen. Wie sind die Geräte nach Afrika gekommen? Unsere Recherchen in Bayern ergeben: Neben großen Exporteuren sind es vor allem viele einzelne kleine Händler, die beim Geschäft mit Elektroschrott mitmischen. Wie der Nigerianer Adam, den wir in Niederbayern treffen. Er nimmt uns mit auf eine Tour und zeigt uns, wie leicht er in mehreren bayerischen Wertstoffhöfen an alte Geräte kommt, obwohl das illegal ist. Denn wenn die Geräte einmal im Wertstoffhof sind, dürfen sie diesen nicht mehr verlassen.

"Der illegale Export von Elektroaltgeräten in Entwicklungsländer kann zu hohen Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch eine unsachgemäße Behandlung führen. Die Bundesregierung setzt sich bereits auf EU-Ebene und international für Maßnahmen ein, um solche illegalen Exporte einzudämmen; weitere Anstrengungen sind jedoch erforderlich."

Drucksache der Bundesregierung, 2011

Adam verkauft die Geräte, die er in Bayern sammelt, für ein paar Euro in seine alte Heimat Nigeria. Ein Teil der Geräte kann in Afrika repariert und wieder verwendet werden, andere aber sind bereits defekt oder haben nur noch eine kurze Lebensdauer. Wenn sie kaputt sind, landen sie auf Müllkippen wie in Agbogbloshie. Jugendliche und Kinder wie Kofi wühlen dann im Schrott und gefährden so ihre Gesundheit.

Ende der Schattenwirtschaft nicht in Sicht

Laut UNO wird die Menge weggeworfener Elektrogeräten in den nächsten Jahren weltweit zunehmen. Und Kupfer und Aluminium sind begehrte Industrierohstoffe. Solange die Weltmarktpreise hoch bleiben und der Elektroschrott einfach exportiert werden kann, wird sich nichts ändern. Das Geschäft mit dem Elektroschrott geht also weiter.

Und Kofi? Wie sieht seine Zukunft aus? Während wir mit der Kamera vor Ort sind, bekommt zumindest dieser Jungen eine Chance, die sein Leben verändern könnte ...

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christl, Mittwoch, 22.Juli, 10:26 Uhr

1. Eine Katastrophe

Ich bin entsetzt! Wenn nicht Gesetze kommen, die so etwas verhindern, brauchen wir uns um Flüchtlinge und Umweltkatastrophen nicht zu wundern.
Wo sind da ein Herr Gabriel, Frau Merkel oder ein Aufruf des Herrn Gauck dieses zu verhindern? Diese Politik ist grundlegend falsch! Deutschland sollte sich wirklich schämen, was wir damit diesen Ländern antun!