BR Fernsehen - Kontrovers


10

Medizinskandal Der Pharmariese und die Duogynon-Opfer

Viele Kinder kommen in den 60er- und 70er-Jahren mit Missbildungen auf die Welt. Ihre Mütter haben Duogynon verschrieben bekommen. Kontrovers hat immer wieder über den Medikamentenskandal berichtet. In Großbritannien wurde das Mittel schnell verboten, in Deutschland damals nicht. Hat das Bundesgesundheitsministerium versagt? Duogynon-Hersteller war das Pharmaunternehmen Schering. Dessen Nachfolger Bayer verweist darauf, dass die Schädigungen längst verjährt sind. Jetzt versuchen die Betroffenen erneut, in Großbritannien Recht zu bekommen. Denn dort sind die Verjährungsfristen länger.

Von: Christian Stücken

Stand: 28.11.2016

Auch die Mutter von André Sommer nahm das Hormonpräparat im Jahr 1975. Duogynon, ein Medikament der Firma Schering. Hoch konzentrierte Hormone, als Spritze oder Dragees. Es war auf den Markt gekommen als Mittel gegen Menstruationsstörungen und als Schwangerschaftstest.—

"Meine Mutter hat in der Frühschwangerschaft dann zwei Tabletten genommen, die sie vom Arzt bekommen hat, also zweimal Duogynon in Tablettenform."

André Sommer

Wenn eine Frau nach der Einnahme keine Blutung bekam, war sie schwanger. So weit, so gut. Doch was mit den Föten im Bauch geschah, darüber dachte niemand nach. André Sommer kam 1976 mit einer sogenannten Blasenextrophie auf die Welt.

"Keine wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt"

Duogynon-Opfer André Sommer

15 Mal wurde Sommer operiert. Bis heute leidet er unter den Missbildungen. Wie viele Betroffene kämpft er seit Jahren um Anerkennung - gegen einen riesigen Pharma-Konzern, die Schering AG und ihren Nachfolger Bayer. Der Konzern stellt sich auf den Standpunkt, dass ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und den Missbildungen niemals bewiesen wurde. Schriftlich teilt Bayer mit, es seien keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, die die Gültigkeit der damaligen Bewertung infrage stellten.

Studien in Deutschland ignoriert

Nachdem 1967 Studien auf einen Zusammenhang zwischen Duogynon und Missbildungen hinweisen, wurde das Mittel in England als Schwangerschaftstest verboten. In Deutschland geschah nichts.

Doch vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen der größten Pharma-Skandale der Bundesrepublik handelt. Denn jetzt sind Akten aufgetaucht, die zeigen: Schering wusste, dass Duogynon möglicherweise zu Missbildungen führt. Doch der Konzern verdiente Millionen mit Duogynon und vertrieb das Präparat weiter. Schering bekam Hilfe von einer Behörde, die damals eigentlich für Arzneimittelsicherheit zuständig war, das Bundesgesundheitsamt (BGA). Das enthüllen Recherchen des BR-Politikmagazins Kontrovers.

Trotz Studien Duogynon nicht vom Markt genommen

"Das Gesundheitsamt ist damals in diesem Duogynon-Skandal nicht ansatzweise ihren originären Aufgaben nachgekommen, also die Arzneimittelsicherheit zu überwachen und zu garantieren. Man kann sogar sagen, die haben sich zum Handlanger von Schering gemacht."

Jörg Heynemann, Anwalt von André Sommer

Jörg Heynemann, Anwalt von André Sommer

Die internen Schering-Unterlagen lassen keinen Zweifel zu. Immer wieder informierte ein Mitarbeiter des Bundesgesundheitsamtes die Schering AG über interne Abläufe im Amt und versuchte, die Entscheidungen des Amtes im Sinne Scherings herbeizuführen. —Dabei wurde der Mitarbeiter von Schering auch um weitere Studien gebeten, aus denen sich ein fruchtschädigender Zusammenhang von Duogynon nicht ergibt. Es wird deutlich, dass es dem Bundesgesundheitsamt offenbar darum ging, zu verhindern, dass Duogynon vom Markt genommen wird. Das ist im Grunde ein ungeheurer Vorgang. Für André Sommer ist das alles unerträglich. —

"Es ist eine Mischung zwischen Ohnmacht und Wut, denke ich, für viele totale Wut, aber das darf man nicht zu sehr an sich heranlassen, sonst frisst das einen ja auf."

André Sommer

Deutsche Gerichte werden nicht tätig wegen Verjährungsfrist

2010 ging Andre Sommer vor Gericht. Doch Bayer, als Schering-Nachfolger, verweist darauf, dass die Geschichte längst verjährt ist. Bayer will keine Akteneinsicht gewähren und schon gar nicht zahlen. Tatsächlich gibt es in Deutschland eine Verjährungsfrist für solche Fälle: Nach 30 Jahren ist Schluss. Das Gericht lehnt eine Beweisaufnahme ab, weil die Geschichte verjährt ist. Alle Medienberichte helfen nichts, der Rechtsweg ist ausgereizt.

Untersuchungsausschuss in Großbritannien

Doch André Sommer gibt nicht auf. Er erfährt, dass es in Großbritannien einen Untersuchungsausschuss zu Primodos (englischer Name für Duogynon) gibt. Und: In England sind die Verjährungsfristen anders - der Rechtsweg steht noch immer offen. Er fährt nach England und entdeckt Hinweise, die den Fall in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen. Jetzt versuchen die Betroffenen erneut, in Großbritannien Recht zu bekommen.


10