BR Fernsehen - Kontrovers


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Von wegen Inklusion Schule schließt zuckerkrankes Kind aus

Von wegen Inklusion: Weil eine Lehrerin sich weigert, ein zuckerkrankes Kind zu betreuen, muss eine Achtjährige in der dritten Klasse die Schule verlassen und zuhause unterrichtet werden. Schulamt und Kultusministerium ducken sich weg.

Von: Veronika Wagner

Stand: 13.11.2016

Inklusion | Bild: picture-alliance/dpa

Anfang November: seit sechs Wochen geht die achtjährige Julie nicht mehr zur Schule. Trotz Schulpflicht. Sie wird zuhause von einer befreundeten Lehrerin unterrichtet. Julie hat Diabetes Typ 1. Eine Autoimmunkrankheit. Regelmäßig muss Julie ihren Blutzucker überprüfen, Essen berechnen, den nötigen Insulinwert an ihrer Pumpe einstellen.

"Diese Erkrankung hat maßgeblich dazu geführt, dass sie die Schule nicht mehr besuchen kann und das finden wir wirklich skandalös."

Martin H., Vater von Julie

Schule mit der Betreuung offenbar überfordert

Diabetiker müssen regelmäßig ihren Blutzucker überprüfen, das Essen berechnen und das nötige Insulin spritzen.

Die ersten zwei Schuljahre laufen problemlos. Ihre Klassenlehrerin hilft ihr. Doch im September bekommt sie eine neue Lehrerin und die will Julie bei ihrem Diabetesmanagement nicht unterstützen. Die Eltern wollen das der Achtjährigen nicht allein überlassen. Das ist zu riskant. Doch kurzfristig findet sich keine andere Lösung. Die Folge: Julie muss die Schule verlassen.

"Das war für uns völlig überraschend. Ich habe drum gebeten, dass sie wenigstens noch mal einen Tag kommen darf, weil von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt worden zu sein. Sie sollte wenigstens noch mal die Möglichkeit haben, sich von ihren Klassenkameraden verabschieden zu können."

Gisela H., Mutter von Julie

"Also, ich fand´s ganz traurig und manche haben mir auch gar nicht geglaubt! Aber ich konnte es denen erklären. Dann haben die eben Bauklötze gestaunt."

Julie

Wie soll es weiter gehen?

Lange ist nicht klar, wie es für Julie weitergeht. Die Familie fühlt sich von allen Seiten allein gelassen. Die Mutter berichtet, dass sie das ganze sehr aufgewühlt habe und sie nachts nicht mehr richtig schlafen konnte. Sie hatte das Gefühl, auf der Suche nach einer Lösung für ihre Tochter nur auf Mauern zu stoßen.

Inklusion muss mancherorts erkämpft werden

Die Fragen des Bayerischen Rundfunks beantwortet die Schule nicht, verweist auf das zuständige Schulamt im Landkreis Weilheim-Schongau. Auch dort geht man nicht auf unsere Fragen ein, schickt uns stattdessen eine schwammige Begründung dafür, dass Julie wochenlang nicht beschult wird:

"Mehrere verschiedene Ansätze bis zum Beginn der Herbstferien konnten bedauerlicherweise aus verschiedenen Gründen nicht realisiert werden."

Ausschnitt aus dem Schreiben des Schulamts im Landkreis Weilheim-Schongau

Keine reguläre Dienstpflicht einer Lehrkraft

30.500 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren sind derzeit an Diabetes Typ 1 erkrankt. Und es werden immer mehr. Gerade bei Vorschulkindern nehmen die Neuerkrankungen jedes Jahr um fünf bis sieben Prozent zu. Die Schulen werden also immer häufiger mit Diabetes-Kindern zu tun haben.

Im Sommer hat das Kultusministerium ein Schreiben zur Klärung der rechtlichen Situation veröffentlicht: Lehrer können medizinische Hilfsmaßnahmen, wie beispielsweise das Diabetesmanagement, freiwillig übernehmen oder auch ablehnen. Das Ministerium stellt aber klar:

"Es handelt sich nicht um eine Aufgabe der Schule und gehört deshalb nicht zu den regulären Dienstpflichten einer Lehrkraft."

Auszug aus dem Schreiben des das Kultusministeriums zur Klärung der rechtlichen Situation

Bayerischer Lehrerverband will Druck von den Lehrern nehmen

Damit erfüllt es eine langjährige Forderung des bayerischen Lehrerverbands, der den Druck von den Lehrern nehmen will.

"Ich würde es gern positiv sehen, im Sinne von: Lass uns drüber reden, Elternhaus und Schule: Was genau ist gefragt, was kann ich leisten? Und dann muss ich halt als Lehrerin schon auch abgrenzen und sagen: 'Entschuldigen Sie, da kann ich jetzt nicht mitgehen. Wie können wir da eine Lösung finden?' Und ich find's besser wir reden drüber, als dass man davon ausgeht: Schule macht das irgendwie! Und dann wird es doch nicht so gemacht, wie vielleicht die Mama es sich vorstellt."

Simone Fleischmann, Präsidentin Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband

Organisation des Schulalltags wird zur Zerreißprobe

Was für die Lehrer eine Entlastung ist, erhöht den Druck auf die Eltern. Die Organsation des Schulalltags raubt Familie H. fast den letzten Nerv. Schulbegleiter sind bei Diabetes nicht vorgesehen, Pflegedienste lehnen immer wieder ab. Im Zweifel müssen die Eltern selbst einspringen.

"Sie werden gezwungen als Mutter draußen auf der Straße zu sitzen und nur wenn die Hilfe gewünscht wird, dann wird gepfiffen und dann musst du kommen! Und es gibt eben ganz viele Mütter, die da draußen im Auto auf der Straße sitzen und den Schulalltag von ihrem Kind abwarten und das kann keine Regelung sein."

Gisela H., Mutter von Julie

Beispiel zeigt: Diabetikerkinder in der Schule sind möglich!

Dass es auch anders laufen kann beweist diese Grundschule in Freising. Hier hat man Erfahrung mit Diabetes-Kindern.

"Also insgesamt gesehen war der Aufwand nicht größer, als wenn ich anderen Kindern immer mit den Hausaufgaben hinterher sausen muss - also war für mich völlig problemlos zu handeln."

Sabine Jackermaier, Paul-Gerhardt-Grundschule und Mittelschule, Freising

Fortbildungen nehmen Ängste

Sabine Jackermaier kennt sich aus, auch weil sie selbst eine Tochter mit Diabetes hat. Regelmäßig schult sie Kollegen.

"Wichtig ist mir in diesen Fortbildungen auch, den Kollegen die Ängste zu nehmen. Sie können nie irgendwas falsch machen, sie können es eigentlich nur richtig machen. Und die Eltern sind alle dankbar, wenn sie ein offenes Ohr bekommen für die Ängste und Sorgen in Bezug auf die Krankheit ihrer Kinder."

Sabine Jackermaier, Paul-Gerhardt-Grundschule und Mittelschule, Freising

In den meisten Fällen kümmern sich Lehrer um Schüler mit Diabetes. Oft ohne Probleme. Trotzdem bleibt es für die Eltern ein Glücksspiel, ob alles reibungslos läuft.

Pflegedienst hilft mit

Bei Familie H. gibt es nach Wochen eine Lösung: Julie geht seit Montag in eine Regelschule mit Inklusionsprofil. Doch sie ist dort auf einen Pflegedienst angewiesen. Denn medizinische Hilfsmaßnahmen will man auch an der neuen Schule nicht übernehmen. Zwei Mal täglich schaut jetzt der private Pflegedienst bei Julie in den Pausen vorbei. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse - und damit die Allgemeinheit.

Die Eltern haben für ihre Tochter nur einen Wunsch: Dass der Diabetes nicht noch mal zum Grund wird, sie auszugrenzen. Und sie wissen jetzt vor allem eines: Dass man sich Inklusion hart erkämpfen muss.


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