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Monatelange Antibiotika-Behandlung Borreliose: Mediziner warnen vor umstrittenen Therapien

Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragbare Krankheit. Bei der Behandlung von Borreliose helfen Antibiotika. Aber es gibt auch Mediziner, die Langzeit-Therapien anbieten - und die können gefährlich werden.

Von: Christiane Hawranek

Stand: 08.10.2017

Das Internet ist voll mit Angst machenden Botschaften über Borreliose. Viele davon unterstellen, dass Borreliose eine Krankheit sei, die von Ärzten ignoriert und von offizieller Seite verharmlost wird.

Dieser Ansicht ist der ärztliche Leiter der Privatklinik Borreliose Centrum Augsburg. Auf zwei Etagen hat die Klinik ihre Räume: mit eigenem Labor und mehreren Behandlungszimmern.

Teure Behandlungen mit fragwürdigem Nutzen?

Dr. Carsten Nicolaus hat sich auf Patienten spezialisiert, deren Zeckenstich teils schon Jahre zurückliegt und die sich immer noch krank fühlen. Bei der Therapie setzt der Allgemeinarzt unter anderem auf Langzeit-Antibiotika-Therapien. Unter seinen Patienten sind auch Kinder, die mit Symptomen wie unklaren Bauchschmerzen, Empfindungsstörungen auf der Haut und Verhaltenssauffälligkeiten kommen.

"Die Eltern bekommen vom Kindergarten oder von der Schule das Feedback: 'Was ist mit Ihrer Tochter los? Was ist mit Ihrem Sohn los? Uns fällt auf: Das Kind ist völlig unkonzentriert, versucht sich zu separieren.'"

Dr. Carsten Nicolaus, Borreliose Centrum Augsburg

350 Euro am Tag kostet die Behandlung mit Antibiotika-Infusionen in der Augsburger Tagesklinik. Wegen der möglichen Nebenwirkungen würden alle Patienten engmaschig kontrolliert.

"Kinder, die wir wegen „chronischer Borreliose“ therapieren, bekommen sanftere Antibiotika als Erwachsene. Ich habe Kinder behandelt, die in sechs Wochen ihre Beschwerden verloren haben. Bei anderen haben wir drei Monate, sechs Monate oder länger gebraucht, damit die wieder voll hergestellt waren, um ihren normalen Anforderungen im Alltagsleben gerecht werden zu können."

Dr. Carsten Nicolaus, Borreliose Centrum Augsburg

Kritik an Langzeit-Antibiotika-Therapien für Kinder

Der Münchner Kinderarzt Dr. Philipp Schoof bezweifelt, dass ein solches Vorgehen medizinisch verantwortlich ist. Er hat immer wieder mit Eltern zu tun, die überzeugt davon sind, ihr Kind habe Borreliose. Oft stelle er dann aber fest: Das stimmt gar nicht.

"Unspezifische Symptome werden quasi mit Pseudo-Tests auf eine Krankheit zurückgeführt, die das Kind gar nicht hat. Der Mensch sucht ja nach Kausalität. Daher ist es verführerisch, für ein Kind, das sich schlecht konzentrieren kann, eine Infektion anzunehmen - auch als Eltern. Insofern fällt es leicht, die Eltern von solch einer Diagnose zu überzeugen."

Dr. Philipp Schoof, Kinderarzt

Der Kinderarzt Dr. Philipp Schoof erklärt: In der Wissenschaft gehe man allgemein davon aus:

"Eine Antibiose von einem Zeitraum von einem halben Jahr oder länger kann tatsächlich das Leben des Kindes gefährden."

Dr. Philipp Schoof

Umstrittene Bluttests und gefährliche Therapien

Zecken sind Überträger von Borreliose

Auch viele andere Ärzte betonen: Langzeit-Antibiotika-Therapien können eher schaden als nützen. "Man kann durch Langzeit-Antibiotika-Behandlung Allergien entwickeln, man kann einen Darmdurchbruch kriegen, man kann dran sterben letztendlich", warnt Dr. Volker Fingerle vom Nationalen Referenzzentrum für Borrelien. Leidet ein Patient tatsächlich an Borreliose, dann helfe in der Regel eine Antibiotika-Gabe von 14 bis maximal 30 Tagen.

Der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestages hat mehrere Borreliose-Studien ausgewertet. Demnach könne es bei verlängerten Antibiotika-Behandlungen unter anderem zu folgenden Nebenwirkungen kommen: Embolien, toxischen Reaktionen, inneren Blutungen – sie können sogar lebensbedrohlich sein. Als Beispiel wird der Tod einer 52-jährigen Frau in Minnesota aufgeführt. Die Patienten hatte sich aufgrund einer vermuteten Lyme-Borreliose einer Langzeit-Antibiotikabehandlung unterzogen.

Wie äußert sich Borreliose?

  • Viele Patienten bemerken nur die Wanderröte: eine kreisrunde Hautrötung, etwa 5 Zentimeter groß.
  • Befallen Borrelien die Gelenke, kann es zur Lyme-Arthritis kommen. Die Gelenksentzündung betrifft meistens das Knie, das stark anschwellen kann.
  • Besonders gravierende Beschwerden kann die Neuroborreliose hervorrufen, die das Gehirn und die Nervenbahnen betrifft: Es können Lähmungen in den Beinen oder im Gesicht auftreten.
  • Allgemein gilt: Wer die Zecke schnell entfernt, hat ein geringes Risiko zu erkranken. Und auch wenn Borreliose im Frühstadium mit Antibiotika behandelt wird, treten in der Regel keine Spätfolgen auf.

Offiziell empfohlene Tests bei Verdacht auf Borreliose

Eine Blutprobe wird auf Borreliose untersucht

Nach Ansicht des deutschlandweit anerkannten Infektiologen Dr. Volker Fingerle wird Borreliose oftmals vorschnell diagnostiziert - mithilfe von seiner Ansicht nach ungeeigneten Bluttests. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt einen sogenannten Stufentest, um spezifische Antikörper im Blut nachzuweisen: Erst sollte der „ELISA“-Test durchgeführt werden. Falls der positiv ist, folgt der „Immunoblot“ als Bestätigungstest.

Streit um die Borreliose
 19 Fachgesellschaften und das Robert-Koch-InstitutSelbsthilfegruppen und die Deutsche Borreliose Gesellschaft e.V.
DiagnoseEinige Borreliose-Bluttests sind nicht in wissenschaftlich anerkannten Studien getestet. Sie seien für die Routinediagnostik ungeeignet.Mehr Bluttests sollten als "Puzzlestein" für die Diagnosestellung anerkannt werden. Ansonsten würden zu viele Patienten „durchs Raster fallen“.
TherapieMaximal 30 Tage Antibiotika-Gabe sind in der Regel bei Borreliose ausreichend. Bei Kindern reichen oft schon 14 Tage Antibiotika.Langzeit-Antibiotika-Einnahme über mehrere Monate, teils hoch dosiert, sind in bestimmten Fällen gerechtfertigt.
FazitLängere Antibiotika-Therapien nützen nicht, sie können sogar schaden. Teils seien diese Therapien sogar lebensbedrohlich.Wegen möglicher Nebenwirkungen müssen die Patienten engmaschig kontrolliert werden, um die Risiken zu begrenzen.

 

Mehr erfahren

Zum wissenschaftlichen Stand zur Borreliose: Nationales Referenzzentrum für Borrelien


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