BR Fernsehen - Kontrovers


0

Bluter-Skandal Profit auf Kosten Schwerkranker

In den 1980er Jahren steckten sich mehr als 1.500 Bluter mit HIV-verseuchten Blutpräparaten an, mehr als tausend starben. Die Verantwortlichen lassen sich kaum zur Rechenschaft ziehen und die Entschädigungen für die Opfer reichen nicht aus.

Von: Beate Greindl und Tom Fleckenstein

Stand: 05.10.2016

Alle drei Tage muss sich Michael Diederich spritzen. Er ist Bluter, ihm fehlt ein wichtiger Gerinnungsfaktor.

Die Mittel gegen lebensgefährliche Blutungen wurden früher alle aus Bluttplasma hergestellt. Heute gibt es gentechnische Alternativen. Für die Industrie ist beides ein gutes Geschäft. Die Produkte aus Blut aber wurden in den 80er Jahren für Bluter zum Fluch.

"Leider haben die Pharmafirmen aus Kostengründen das Blut nicht erhitzt, so wären alle Viren abgetötet gewesen, deswegen bin ich mindestens seit meinem 8. Lebensjahr mit HIV infiziert."

Michael Diederich

HIV-infiziertes Blut

Es war der größte Medizinskandal Deutschlands: Medikamente für Bluter wurden aus verseuchtem Blut hergestellt. Es kam vor allem aus den USA, infiziert mit HIV. Die Pharmaindustrie wusste von den Risiken – staatliche Stellen aus Bund und Ländern versagten bei der Kontrolle – Das Ergebnis: Über 1.500 Bluter wurden in Deutschland mit HIV infiziert.

Lösung ohne Gericht

Zehn Jahre dauert die Aufarbeitung. Unter Gesundheitsminister Horst Seehofer wird eindeutig ein Verschulden der Pharmaunternehmen festgestellt, vor Gericht kommen sie nicht. Es soll eine schnelle Lösung geben - ohne langwierige Gerichtsverfahren.

Millionen für die Opfer

Die Stiftung Humanitäre Hilfe wird gegründet: Pharmaunternehmen und Rotes Kreuz zahlen 40 Prozent, Bund und Länder 60 Prozent. Insgesamt: 128 Millionen Euro für die Opfer.

Doch mittlerweile kommen von der Pharmaindustrie nur noch 24 Prozent der Mittel. Und schon bald könnte sie ganz aussteigen. Der Stiftung droht das Aus.

Für Michael Diederich ist das existenzbedrohend. Er bekommt eine monatliche Entschädigung aus dem Fonds: 1.500 Euro - eine dürftige Summe für 30 Jahre Leben mit AIDS.

"Ich hatte ständig Durchfall, ich hatte Haut- und Nervenschmerzen. Ich war unruhig, aber übermüdet, weil ich nicht schlafen konnte. Ich war mehr im Krankenhaus, mehr Schmerzen gehabt, als dass es mir gut geht."

Michael Diederich

1995 rechnen die Experten damit, dass Aids-Opfer wie Michael Diederich nur noch wenige Jahre leben. Dann gibt es neue Medikamente, die Lebenserwartung steigt. Doch damit schwinden die Gelder im Hilfsfonds, die Verursacher wollen nicht entsprechend aufstocken.

Conterganskandal als Vorbild

Auch Horst Schmidbauer vom Stiftungsfonds humanitäre Hilfe kämpft seit Jahren um eine dauerhafte Lösung. Als Vorbild sieht er die Entschädigung im Conterganskandal.

Doch im Gegensatz zu Contergan-Opfern trauen sich viele Bluter mit HIV nicht in die Öffentlichkeit. Auch für Werner M. ist das Stigma seiner AIDS-Krankheit ein großes Problem.

"Mobbing gestaltet sich insofern, man wird überall ausgegrenzt, dass Drohzettel im Briefkasten sind, die Wände besprüht werden. Umgezogen bin ich deswegen drei mal bis dann das nähere Umfeld keine Auskunft davon hatte, was ich hab."

Werner M.

Petition für Opfer

Michael Diederich und seine Freundin Lynnwollen sich wehren. Sie sammeln Unterschriften für eine Bundestagspetition. Die Politik soll endlich Druck auf die Pharmaindustrie machen.

Pharmahersteller sagen nichts

Wir haken nach. Doch von den Pharmaherstellern, die damals mit verseuchten Blutprodukten Profit machten, ist niemand für uns zu sprechen. Man schreibt uns lapidar: "Wir sind mit dem Bundesministerium für Gesundheit im Gespräch."

Sparen an Entschädigungen

Ein neues Gesetz würde helfen. Doch das Ministerium hat die Pharmaindustrie schon längst aus der Verantwortung entlassen. Das wurde durch eine Bundestagsanfrage öffentlich.

Mehrmals sei den Pharmaherstellern bereits "... zugesichert worden, dass kein Engagement über die damaligen Leistungen hinaus mehr erwartet wird."

Dabei kassieren Firmen wie Bayer ein Vermögen für die Blutermedikamente. An der Entschädigung der 500 noch lebenden HIV-Opfer wollen sie trotzdem sparen ...


0