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Bauernhof-Sterben Landwirte kämpfen um ihre Höfe

Immer mehr bayerische Landwirte müssen aufgeben, weil ihre Höfe nicht mehr rentabel sind. Für Investitionen in modernere Technik oder mehr Vieh fehlt vielen das Geld - und die Motivation.

Stand: 06.12.2017

Seit Jahren nimmt die Zahl der Milchbauern in Bayern immer weiter ab. Jährlich schließen weit über tausend Höfe. Die einen geben komplett ihren landwirtschaftlichen Betrieb auf, andere versuchen mit neuen Nutzungen, ihre Höfe zu halten.

Kleine Bauernhöfe haben geringere Überlebenschance

In den letzten 25 Jahren sperrten vor allem Höfe mit weniger als 50 Kühen zu. Nur die Zahl der Höfe mit mehr als 50 Kühen steigt.

Milchbauer Erwin Reinhalter

Auch Landwirt Erwin Reinhalter musste aufhören, weil er mit zehn Hektar Land zu wenig Fläche hat, um als Milchbauer überleben zu können. Nur noch drei seiner einst 35 Kühe hat er im Stall, aber auch die wird er bald verkaufen müssen. Sein Land hat er verpachtet. Es ginge vielen so, doch niemand wolle darüber reden, erzählt Reinhalter.

"Wenn man aussteigt, gilt man als Versager und das wird einem auch widergespiegelt."

Erwin Reinhalter, Landwirt aus Dietmannsried

Milchpreis viel zu niedrig

Für das Höfe-Sterben macht Erwin Reinhalter die Rahmen- und Marktbedingungen verantwortlich. Über Jahrzehnte setzte er sich im Bund deutscher Milchviehhalter dafür ein, dass auch kleine Familienbetriebe überleben können - und vor allem für einen angemessenen Milchpreis, der die Kosten der Bauern deckt.

Der milchige Teufelskreis

Lange war der Markt in der EU durch die Milchquote reguliert. Der Staat legte fest, welcher Bauer wie viel Milch produzieren durfte. Angebot und Nachfrage waren dadurch reguliert.

Im April 2015 kam dann das Ende der Quote. Die europäische Agrarpolitik gibt eine neue Richtung vor: Freie Marktwirtschaft, jeder kann so viel produzieren, wie er will.

Zur gleichen Zeit ist die Nachfrage nach Milch weltweit sehr gut, Futtermittel sind günstig. Viele Bauern lassen sich durch den möglichen Absatz im Weltmarkt locken. Sie investieren und es herrscht eine Art Goldgräberstimmung.

Auch die Politik und der Bauernverband ermuntern die Landwirte zur Expansion. Der Staat fördert Landwirte, die in neue und größere Ställe investieren. Fördergelder fließen. Doch das reicht nicht: Viele Landwirte verschulden sich.

Doch dann passiert es: Die Nachfrage auf dem Weltmarkt geht zurück. Der Milchpreis sinkt.

Um ihre Schulden bezahlen zu können, beginnen die Landwirte mehr Milch zu produzieren. Damit schaffen sie ein immer größeres Überangebot und tragen so dazu bei, den Milchpreis kaputt zu machen.

 

Zudem ist auch der deutsche Markt von Lieferanten aus dem Ausland umkämpft - und so ist der Wettbewerb noch größer.

In den letzten Jahren sank der Milchpreis immer wieder drastisch, zuletzt 2016 unter 25 Cent. Die Existenz vieler Bauern ist dadurch bedroht.

"Landwirtschaft ist mehr als nur Wirtschaft. Es geht um eine Kulturlandschaft, um Nahrungsmittel, um Wertschöpfung im ländlichen Raum."

Erwin Reinhalter, Landwirt aus Dietmannsried

Mit modernster Technik als Landwirt zukunftsfähig

Jung-Landwirt Johannes Weber

Auf den Landwirtschaftsmessen zeigt sich, dass der Trend hin zu großen Maschinen oder auch Robotern geht. Für die meisten kleineren Betriebe sind sie überdimensioniert, und nur die wenigsten können sie sich leisten. Jung-Landwirt Johannes Weber wagt das Risiko trotzdem. Er versucht, den Hof seiner Eltern mit neuester Technik konkurrenzfähig zu machen. Das geht nur, weil er einen Teil des Landes verkaufen und für den Rest einen Kredit aufnehmen konnte, den er in den nächsten zwanzig Jahren abbezahlt.

"Man muss einigermaßen leben können, mehr will man nicht. Wir machen das, was wir mögen, was unsere Leidenschaft ist. Wenn es so halbwegs finanziell passt, sind wir schon zufrieden."

Johannes Weber, Landwirt aus Pähl am Ammersee

Küken statt Milchkühe

Landwirt Zeno Neumair wurde vom Milchbauern zum Bio-Hähnchenmäster.

Der Bauernhof von Zeno Neumair wurde seit Generationen mit Milchkühen bewirtschaftet. Der schlechte Milchpreis zwang ihn zum Verkauf seiner Kühe. Denn Geld für einen neuen Kuhstall hatte er nicht, und für einen Kredit ist die Milchpreisentwicklung zu ungewiss. Deshalb hat er den Stall für Bio-Hähnchen umgebaut. Die Hähnchenmast macht weniger Arbeit und die Preise für Bio-Fleisch sind stabiler.

"Wenn ich jetzt sehe, wie der Milchpreis schon wieder bröckelt, dann hat man hier mit der Hähnchenmast schon ein sicheres Einkommen. Das war auf alle Fälle richtig."

Zeno Neumair, Landwirt aus Erding


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