BR Fernsehen - Kontrovers


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Arbeiter-Samariter-Bund Verrat an der eigenen Geschichte?

Sie kämpften schon sehr früh für den Schutz von Arbeitern. Die Vorkämpfer des Arbeiter-Samariter-Bunds organisierten Ende des 19. Jahrhunderts für Arbeiter und Handwerker Erste-Hilfe-Kurse. Hat der ASB die Ideale der Gründungszeit vergessen? Er ist der einzige - nichtprivate - Rettungsdienst in Bayern ohne Tarifvertrag bzw. Arbeitsvertragsrichtlinien für seine Mitarbeiter ...

Von: Astrid Halder

Stand: 16.11.2016

Es wäre schön, wenn es den Mitarbeitern so erginge, wie es der Imagefilm über den Arbeiter-Samariter-Bund zeigt. Darin sind glückliche, vom Arbeitgeber geschätzte Mitarbeiter zu sehen. Doch die Realität sieht anders aus: Der Job der Retter wird immer härter. Kontrovers trifft zwei langjährige Mitarbeiter einer ASB-Rettungswache in München.

"Der Job ist viel anstrengender geworden, weil die Arbeitsbelastung stetig zunimmt. Die Einsatzzahlen nehmen stetig zu."

Christine Rother, Betriebsrätin ASB Rettungsdienst GmbH München

"In ungefähr mehr als der Hälfte bis zu zwei Drittel aller meiner Schichten komm' ich nicht mal zu einer Viertelstunde Pause in den acht Stunden. Die Tendenz ist eher zunehmend."

Fabian Sefzig, Mitarbeiter ASB Rettungsdienst GmbH München

Die Arbeit wächst, die Gehälter nicht. Seit 2002, seit 14 Jahren, haben beide keine Gehaltserhöhung bekommen. Außer einer Ballungsraumzulage von gerade mal 100 Euro. Und Fabian Sefzig rechnet vor, dass er heute rund 500 Euro Brutto mehr im Monat verdienen würde, wenn er bei seinem Berufseinstieg beispielsweise beim Roten Kreuz angefangen hätte. Seiner Kollegin Christine Rother zufolge seien sie so gesehen auf einem altertümlichen Stand. Und das in der heutigen Zeit, in der in München die Mieten unwahrscheinlich heftig angestiegen seien, ebenso wie alle Preise überhaupt. Trotzdem müssten sie mit ihrem Gehalt zurechtkommen, so wie es seit damals sei. Löhne, von denen es sich mit Familie nur schwer leben lässt.

Betriebsklima- und komplementäre Maßnahmen versus höhere Löhne

Ein harter Vorwurf an den Arbeiter-Samariter Bund. An dessen Spitze steht ausgerechnet ein Sozialdemokrat: Hans Ulrich-Pfaffmann. Er ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Landtag, leitete den Sozialausschuss und verteidigt diese Lohnpolitik.

"Wir sind in der Lage, durch Betriebsklima-Maßnahmen, durch komplementäre Maßnahmen bestimmte geringere Gehaltsunterschiede auszugleichen. Ich sage Ihnen, es ist für eine Familie manchmal besser, eine sagen wir mal familienfreundliche Dienstplangestaltung als 30 Euro mehr im Monat."

Hans-Ulrich Pfaffmann, ASB-Landesvorsitzender

Tarifvertragsverhandlungen an Dienstplangestaltung gescheitert

Für die Gewerkschaft ver.di klingt das wie Hohn. Sie wollten mit dem ASB einen Tarifvertrag aushandeln. Genau an diesem Punkt ist alles gescheitert.

"Die Arbeitgeberseite bestand darauf, kurzfristig Dienstplanänderungen einseitig vornehmen zu können. Dies hätte für die KollegInnen bedeutet, keinerlei planbare Arbeitszeiten und Freizeiten zu haben - im Grunde 24 Stunden an 7 Tagen die Woche zur Verfügung stehen zu müssen."

Robert Hinke, Leiter des Fachbereichs Gesundheitsdienste bei ver.di Bayern

"Ja mei, das ist das Argument von ver.di. Ich habe Verständnis für dieses Argument, stimmt halt nicht. Weil das unterstellt, dass wir völlig verantwortungslos das Direktionsrecht ziehen."

Hans-Ulrich Pfaffmann, ASB-Landesvorsitzender

Was der ASB Landesverband hier verlangt, ist unüblich in der Branche. Und nicht nur von Mitarbeitern und Gewerkschaft kommt Widerspruch. Auch vom Geschäftsführer des Rettungsdienstes in München.

"Die Mitarbeiter wissen, wenn ich oder mein Stellvertreter anruft, dass es dann wirklich lichterloh brennt. Der hilft uns dann, das ist ganz klar. Ich kann niemand, der seine Kinder selbst kurzfristig beaufsichtigen muss, kurzfristig sagen, er hat jetzt in die Arbeit zu kommen."

Klaus Kollenberger, ASB Rettungsdienst GmbH München

Verrät der traditionsreiche ASB seine Ideale?

Geschichte des ASB

1888 organisierten sechs Zimmermänner in Berlin Lehrkurse über "die Erste Hilfe bei Unglücksfällen". Arbeiter sollten von da an in der Lage sein, eigenständig Verunglückte in Betrieben und Werkstätten versorgen zu können. In Bayern wurde die erste bayerische Arbeiter-Samariter-Kolonne am 4. Februar 1909 gegründet.

Der ASB ist Ende des 19. Jahrhunderts aus der Arbeiterbewegung entstanden. Die Gründer organisierten für Arbeiter und Handwerker Erste-Hilfe-Kurse. Daraus wurde ein moderner Rettungsdienst. Verrät der traditionsreiche ASB jetzt seine Ideale?
Für Robert Hinke, Leiter des Fachbereichs Gesundheitsdienste bei ver.di Bayern, handelt es sich viel eher um die Frage, welche Wettbewerbsstrategie der ASB fahre.

"Man kann natürlich sozusagen branchenübliche Angebote unterbreiten oder man kann drunter bleiben. Offenbar gibt es eine Dumpingstrategie beim ASB."

Robert Hinke, Leiter des Fachbereichs Gesundheitsdienste bei ver.di Bayern

Allgemein gültiger Tarifvertrag für den gesamten ASB unmöglich?

Anders als Malteser, Johanniter oder Bayerisches Rotes Kreuz hat tatsächlich nur der ASB keinen Tarifvertrag. Der Landesvorsitzende Hans-Ulrich Pfaffmann macht dafür auch strukturelle Unterschiede in seiner Organisation verantwortlich.

"Wir haben kleine Rettungswachen oder kleine Dienststellen mit 5 Leuten und große mit 50. Das mit einem allgemein gültigen Tarifvertrag für den gesamten ASB zusammenzubringen, war oder ist ein strukturelles Problem."

Hans-Ulrich Pfaffmann, Landesvorsitzender ASB-Bayern

Fabian Sefzig, Regionalverband ASB München/Oberbayern

Das will Fabian Sefzig vom Regionalverband ASB München/Oberbayern so allerdings nicht stehen lassen. Seiner Ansicht nach mag es zwar sein, dass es da große Unterschiede gäbe. Allerdings schaffe es auch beispielsweise das Bayerische Rote Kreuz mit einem Tarifvertrag die gesamten Verbände in Bayern abzudecken.

Zumindest für die Mitarbeiter in München gibt es Hoffnung. Hier will die Geschäftsführung jetzt ohne den Landesverband einen Tarifvertrag verhandeln.

"Mitarbeiter sind unser höchstes Kapital. Es geht bei uns nicht darum, Gewinne zu erzielen."

Klaus Kollenberger, ASB Rettungsdienst GmbH München

Ob diese Erkenntnis auch bei der Landesspitze angekommen ist?


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