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"Kim hat einen Penis" Vier Gastkritiker rezensieren das urige Beziehungsdrama

Wie geht Beziehung? Was passiert, wenn die eigene Freundin plötzlich einen Penis hat? Denn Pilotin Kim hat sich aus Langeweile und dank modernster medizinischer Technik einen Penis "anoperieren" lassen. Die Überraschung bei ihrem Freund ist groß ... und stellt ihre Beziehung völlig auf den Kopf.

Stand: 07.06.2019

Kim hat einen Penis - Filmszene | Bild: USM.one

Damit hat Lehrer Andreas nicht gerechnet, als er sich zu seiner Freundin Kim, die nach längerer Zeit endlich wieder bei ihm ist, ins Bett kuschelt. Da ist was unten bei ihr, was vorher ganz sicher nicht da war: Kim hat einen Penis! Aus Neugier, so ganz erfahren wir es nicht, hat sich die junge Pilotin in einer Schweizer Klinik dank modernster medizinischer Technik einen Penis "anoperieren" lassen.

Warum denn reden miteinander?

Kim (l.) und Anna haben die Nacht durchgesoffen, um Annas Beziehungsfrust zu verdrängen. Doch mit dem Morgen kehren die neuen Probleme zurück.

Andreas kann seinen Schock nur schwer verbergen. Er bemüht sich, die von Kim ersehnte neue sexuelle Erfahrung zu teilen. Doch so vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, das passt ihm - muss er sich eingestehen - nicht. Ihre Beziehung steht von einer von der anderen Sekunde völlig auf der Kippe. Vor allem, da Kims Bruder Tags darauf reinschneit und beide wiederholt zu einer Hausbesichtigung vor den Toren Berlins einlädt. Kim hat auch das nicht kommuniziert ... Da hilft es wenig, dass Andreas' beste Freundin Anna für ein paar Tage bei den beiden einzieht - mit ihrem Freund ist Schluss, er hat eine andere geschwängert. Bald sind alle drei mehr als unglücklich ...

Ein Film - vier Meinungen

Im Rahmen der BR-Aktion "Mitmischen! 2019" haben sich vier kinokino-Gastkritiker "Kim hat einen Penis" angesehen. Hier ihre Rezensionen:

Catharina Wilhelm:

Der Film hat sehr viele Facetten und ist überaus charmant. Schon der Einstieg: Terminlich wird der Penis an den Körper operiert, gleichzeitig sehen wir einen Werbeclip, den wir von Dauerverkaufssendern kennen, über die Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung. Das wirkt authentisch und ist eine gute Idee.
Beeindruckend auch die Inszenierung der Beziehung Kim - Andreas, die von einer gewissen Dauer, aber wenig Kommunikation geprägt scheint. Kim scheint eine Frau zu sein, die ihr Handeln nicht bis in die letzte Konsequenz zu Ende denkt, sie macht einfach. Ein interessanter Spiegel des Heute.

Zuerst hat Kim der Bauarbeiter-Anmache nur eine Fingergeste entgegenzusetzen.

Regisseur Philipp Eichholtz gelingt danach erstaunlich gut der Rollentausch in der Partnerschaft. Nachdem Andreas Kims Penis entdeckt hat, verfällt er in die Hausmutternrolle, Kim ist plötzlich der Macher, der "Mann". Das zeigt sich vor allem in einer Bauerarbeiterszene: Kim wird beim Joggen von den Bauarbeitern rüde angemacht, und zuerst ist sie in der weiblichen Opferrolle, beim zweiten Mal ändert sich ihr "Mindset", sie wird stark und „Mann“, zieht die Hose runter und uriniert vor den Bauarbeiten auf den Boden. Die suchen das Weite.

"Kim hat einen Penis" behandelt in unserer Gesellschaft real existierende Probleme. Was diesem Drama Tiefe gibt, ist ein gut ausbalancierter Wechsel von Humor und Ernst, Tempo und Entschleunigung. Wäre der Film durchweg witzig und temporeich geblieben, wäre er gewaltig in die Hose gegangen.

Abdül Acar

Gut ist schon der Einstieg: unmittelbar und schonungslos geht es sofort zur Sache. Schlagartige Tempi-Wechsel halten das Interesse des Zuschauers. Das zeigt sich schon nach zehn Minunten in der ersten "Bettszene": Andreas hat gerade Kims Penis entdeckt, da wagt es der Film und verlangsamt komplett das Tempo, kommt ein Moment der spannenden Ruhe: Wie wird er reagieren? Die Symbiose unterschiedlicher Tempi ist stark.

Viele Filmszenen lösen beim Zuschauer Emotionen aus. Dabei hat sich Regisseur Philipp Eichholtz entschieden, nicht viele Erklärungen zu liefern. Sein Drama bleibt an der Oberfläche, erzeugt Spannung dadurch, dass viele Fragen offenbleiben. Das macht ihn zum Unikat. Nicht nur das, der Film übernimmt auch soziale Verantwortung: Denn das Gender-Thema ist sehr zeitgemäß, ein aktuelles „Problem“. Und es ist wichtig, dass ein Film darüber spricht.

Nach einem Streit mit Andreas macht Kim ganz ungeniert die Mechanikerin in der Autowerkstatt an.

Die Charaktere funktionieren gut. Interessant ist dabei die Zusammensetzung der Paare: Kim ist egoistisch, macht, was sie will. Genau wie Annas Ex-Freund. Im Umkehrschluss sind sich Anna und Andreas ähnlich, beide sind ruhiger, besonnener, in der Opferrolle, passen emotional eher zusammen. Es sind glaubwürdige Figuren.

Und nicht zuletzt ist die Musik immer sehr passend, und, was heute nicht oft der Fall ist, der Film hat mit 84 Minuten Laufzeit die perfekte Länge.

Eva Neumayer

Kim in der Klinik beim Beratungsgespräch für die Penis-OP. Doch warum sie diese vornimmt, bleibt im Dunkeln.

Ein Pluspunkt sind ganz klar die Darsteller: Martina Schöne-Radunski (Kim), Christian Ehrich (Andreas) und Stella Hilb (Anna) sind sehr gut gecastet. Unverbrauchte, frische Gesichter in einer Geschichte, die genau die Thematik der heutigen Zeit trifft. "Gender" sind momentan sehr im Gespräch, und so mancher wünscht sich vielleicht, er könne einfach zur Geschlechtsumwandlung in die Schweiz. Es wäre schön, wenn das in Zukunft möglich wäre, es würde vielen Menschen das Leben erleichtern, würde viele Probleme lösen. Somit bietet "Kim hat einen Penis" eine schöne Vision. Doch ist das Drama nicht ohne Mängel.

Es fehlt der Grund für Kims Veränderung. Was wollte Kim mit der OP bezwecken? Worauf war sie neugierig? Auch bietet das Drehbuch ein paar Baustellen zu viel: das Geschlechterproblem, die Partnerprobleme, das Verhältnis Bruder und Schwester. Vieles wird angerissen, gelöst wird wenig.

Dafür gibt es viel feinen Humor, und nicht zuletzt die bereits zitierte Baustellenszene gab dem Film einen guten Kick. Pluspunkte auch für die gute Filmmusik. Die Instrumentalmusik und die eingesetzten Songs mit ihren Texten haben sehr gut zum Film gepasst. Alles in allem ist "Kim hat einen Penis" sehenswert, er regt zum Nachdenken an. Jedoch ist er fürs Kino nicht geeignet, als kleines Fernsehspiel total.

Maite Oswald

Die Prämisse ist sehr interessant. Doch sind Kims Beweggründe uneinsichtig, verstehe gerade ich ihre Motivation nicht. Da hätte ich mir gewünscht, mehr darüber zu erfahren.

Noch ist bei Andreas und Kim alles in Ordnung ...

In "Kim hat einen Penis" werden viele Fässer aufgemacht, es fehlt aber die Tiefe. Die Geschichte wird nicht wirklich zu Ende geführt. Das Ende ist offen, das ist ok. Aber ich hätte vielleicht doch eine Aussprache zwischen Andreas und Kim zu ihrer Beziehung gewünscht. Ich fand es teilweise schwer nachzuvollziehen, warum sie überhaupt noch zusammen sind.

Info

Filmtitel: Kim hat einen Penis (D, 2018)
Regie: Philipp Eichholtz
Darsteller: Martina Schöne-Radunski, Christian Ehrich, Stella Hilb
Länge: 84 Min.
Kinostart: 13. Juni 2019

Die Figur der Kim wurde zum Ende hin immer unsympathischer: Sie ist egoistisch, was im Laufe des Films immer mehr zutage tritt. Ihr Freund soll sich auf sie einstellen, sie kommt ihm nicht entgegen. Sie hat ihn von Anfang an in ihre Entscheidung mit dem Penis nicht mit einbezogen, aber er soll dann damit klarkommen. Insgesamt ist die Figur des Andreas in ihrer Handlungsweise besser nachvollziehbar. Aber Figuren müssen nicht sympathisch sein, im Gegenteil, das macht den Film sogar interessanter.


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