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Geburt und Familienleben So geht es Familien in der Corona-Zeit

Das Coronavirus bringt unseren Alltag durcheinander. Und es trifft alle – vom Baby bis zu den Großeltern. Wie gehen Familien damit um? Ein Besuch im Kreißsaal, bei einer Hebamme und bei einer durch das Virus getrennten Familie.

Von: Florian Heinhold, Veronika Keller

Stand: 20.04.2020

Geburt in Coronazeiten | Bild: picture-alliance/dpa

Keine Angehörigen auf der Wochenbettstation

Im Kreißsaal müssen sich alle an neue Regeln gewöhnen: die Ärztinnen, aber vor allem die werdenden Eltern. Martina Stumpf hat sich bis zuletzt Sorgen gemacht:

"Dass ich einfach ganz allein hier sein muss. Dass mein Mann nicht dabei sein darf. Deswegen haben wir uns auch für den Kaiserschnitt entschieden. Wenn er hätte nicht dabei sein dürfen, dass ich das schneller machen kann. Zwölf Stunden in den Wehen zu liegen und das allein machen zu müssen, das wäre hart gewesen."

Martina Stumpf, werdende Mutter

Die gute Nachricht: Martinas Mann darf zumindest beim Kaiserschnitt dabei sein. Derweil erholen sich der kleine Franz und seine Mama Simone auf der Wochenbettstation. Und da gilt: Kein Eintritt für Väter und Geschwister. Simone telefoniert mit Mann und Sohn daheim. Für den großen Bruder sei es jetzt nicht einfach, meint sie. Der wolle den kleinen Bruder schon sehen. Sie glaubt, dass es für Mütter, die das erste Kind bekommen, schwieriger sei. Für sie wäre eine Corona-Infektion gefährlich, denn Simone leidet seit langem an Herzproblemen.

Distanz halten ist im Kreißsaal nur schwer möglich

Professorin Bettina Kuschel wird Martinas Kaiserschnitt durchführen.

"Wir selber sind ja auch angehalten auf Distanz zueinander zu arbeiten, was in der Geburtshilfe teilweise nicht geht, weil Sie müssen an die Patientinnen dran und Sie müssen auch sehr nah aneinander arbeiten, wenn Sie ein Kind entbinden. Wir versuchen trotzdem eine normale Geburtshilfe zu machen und das so menschlich wie es irgendwie geht zu begleiten."

Prof. Dr. med. Bettina Kuschel, Perinatalmedizinerin, Klinikum rechts der Isar München

Dann wird es für Martina ernst. Der Kaiserschnitt beginnt. Martina bekommt eine PDA. So kann sie bei der Geburt wach sein und ihre Tochter sofort in Empfang nehmen. Jetzt darf auch Martinas Mann dazukommen. Alles läuft gut - Erleichterung im Kreißsaal. Die kleine Lena ist wohlauf. Jetzt geht es sofort zu Mama und Papa. Die ersten Stunden darf die Familie hier gemeinsam verbringen.

Am nächsten Tag auf der Wochenbettstation: Hier müssen sich Martina und Lena jetzt ohne Familie von der Geburt erholen. Martina Stumpf hat Verständnis: "Klar natürlich, das wäre großartig, wenn mein Mann jetzt kommen könnte und auch meine Tochter. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, es geht uns ja gut."

Mehr Hausgeburten in Corona-Zeiten

Um sicherzugehen, dass der Partner dabei sein kann und um ein Krankenhaus zu meiden, entscheiden sich mehr werdende Mütter für Hausgeburten. "Wir nennen die Babys 'Corona-Babys' und die werden schon mehr", bestätigt Sabine Knape, Hebamme in Gauting.

Familie Walesch hat vor einer Woche Nachwuchs bekommen. Eigentlich war für die Geburt des kleinen Josi schon alles geplant:

"Weil wir unsere anderen beiden Kinder auch im Krankenhaus bekommen haben. Und deswegen gab es gar keinen Grund davon abzuweichen. Das machen wir wieder im Krankenhaus. Und dann kam Corona."

Annika Walesch, Mutter

Die beiden haben sich genau über Hausgeburten beraten lassen und sich den Klinikbetrieb in der Krise angeschaut. Annika Walesch waren die Unterschiede sofort aufgefallen: "Es waren halt alle natürlich mit Masken vermummt und Besuch darf generell nicht ins Krankenhaus. Der Mann darf beim Einleiten auch nicht dabei sein, erst wenn die Geburt losgeht. Was auch klar ist, das muss ja so sein."

"Wir brauchten diesen Moment im Krankenhaus, um uns nochmal zu vergewissern, dass das nicht die Art und Weise ist, wie Josi zur Welt kommen soll."

Quentin Walesch, Vater

Von da an sei alles sehr positiv gelaufen, so das Paar. Eine Hausgeburt ist immer eine individuelle Entscheidung und birgt eigene Risiken. Nur wenige Hebammen sind dazu bereit – überhaupt, ist die Arbeit in der Coronakrise schwieriger geworden. Videochats statt Hausbesuchen lehnt Sabine Knape aber bisher ab. Die originäre Hebammenarbeit, das sei die Arbeit an der Frau und am Kind. Das hieße, sie berühre, sie fasse an. Das sei etwas ganz anderes, als wenn sie jemanden über den Computer anschaue, so Sabine Knape.

Einsame Patienten auf Coronastationen - einsame Angehörige daheim

Besonders schwer haben es die Patienten auf den Coronastationen. Schon die Vosrtellung ist unangenehm: Man liegt im Krankenhaus, es geht einem schlecht und dann darf noch nicht einmal die Familie zu Besuch kommen. Die Pfleger Florian Ostermeier und Juliane Karp haben mit diesem Problem jeden Tag zu tun:

"Wir machen ganz viel telefonisch mit den Patienten und den Angehörigen. Wenn sie etwas brauchen, dann wird es unten an der Pforte abgegeben."

Florian Ostermeier, Pfleger Klinikum rechts der Isar, München

Die Station ist eine geschlossene Infektionsstation. Dort darf kein Angehöriger zu Besuch kommen. Das muss auch Hans Feicht durchmachen. Er war schon mit Speicheldrüsenkrebs in der Klinik, als er an Covid-19 erkrankte – sein Leben hätte er fast verloren. Pflegerin Juliane Karp ist erleichtert: "Das haben wir gut in den Griff bekommen. Jetzt ist er negativ und kann hoffen, bald seine Liebsten wiederzusehen."

"Das ist herrlich. Weihnachten und Ostern an einem Tag."

Hans Feicht, geheilter Covid-19-Patient

Hans Feicht weiß, wie es ist, von der Klinik aus die Familie zu vermissen. Vielen Menschen in Bayern geht es im Moment genau andersrum. Familie Schalls zum Beispiel. Der Großvater liegt wegen Covid-19 in einer Klinik.

"Wenn man das Testergebnis bekommt, zieht es einem schon mal die Füße weg. Und man denkt: Oh mein Gott, was passiert jetzt? Nach einer Woche haben sie dann gesagt, es ist zu riskant, sie kriegen nicht genug Sauerstoff in seinen Körper. Und der nächste Anruf war dann schon: Er ist im Koma. Und zwar in einem künstlichem Koma, am Beatmungsgerät."

Alexandra Schall, Tochter eines Covid-19-Patienten

Die Ärzte in der Gautinger Lungenfachklinik haben den Schalls ein Foto geschickt. Renate Schall ist überzeugt, dass das Koma der richtige Schritt für ihren Mann war – auch wenn sie ihn jetzt nicht mehr anrufen kann. Mitten während unseres Interviews kommt die Nachricht aus der Klinik: Herrn Schall geht es besser, er hat die Augen offen, er reagiert auf Ansprache. Er kann einfache Fragen durch Kopfnicken oder Kopfschütteln beantworten. Die Familie ist unendlich erleichtert.

Corona-Alltag in der Großfamilie

Familie Dormeyer aus München hat Kinder in verschiedenen Altersklassen - die sogenannten Corona-Ferien stellen ihren Alltag ganz schön auf den Kopf.

"Es ist natürlich eine Herausforderung, dass die Kinder dann immer gleichzeitig etwas anderes machen wollen. Also wir haben ein Grundschulkind, ein Kindergartenkind und ein Krippenkind. Es gibt auch viel Streitpotenzial."

Luisa Dormeyer, Mutter von drei Kindern

Die Kleinen zanken und beißen sich. Mia kommt im Herbst ins Gymnasium und macht jetzt Homeschooling. Sie fände es schöner, wenn ihre Freunde da wären. Lernen ist schwierig, wenn Lynn gleichzeitig Flöte üben will. Die kleine Ilvie ist ohnehin der Wirbelwind der Familie. Alles in allem ganz schön stressig für Mama Luisa und Papa Christian. Das große Glück für die Dormeyers: Sie haben einen Garten als Rückzugsort. Trotzdem hat die Nachricht, dass die Schulen bis Mitte Mai geschlossen bleiben, einige Verzweiflung ausgelöst.

Es sei natürlich eine Herausforderung, so Mutter Luisa. Kindergarten und Krippe, das werde einfach nicht mehr passieren dieses Schuljahr. Irgendwann gehe es natürlich nicht mehr. Christian Dormeyer ist Intensivmediziner und behandelt im Klinikum laufend Covid-19-Patienten. Er weiß, dass die Maßnahmen einfach nötig sind.

"Ich glaube, dass ganz viele, die in dem Bereich arbeiten, gesehen haben, wie es in den Nachbarländern ist. Da waren dann die Gedanken schon so: Puh! Wenn das so weiter geht, dann müssen wir nächste Woche entscheiden, wen wir behandeln. Man kann sich das gar nicht vorstellen, wenn man sein Leben lang in Deutschland gelebt hat, dass man dann plötzlich in der Klinik Entscheidungen treffen soll, die man sich eigentlich nur im Krieg vorstellen kann. Also, auch wenn es hart ist: Uns bleibt nur Durchhalten!"

Christian Dormeyer, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, München


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