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Affenpocken Was sollte man wissen?

Jetzt also die Affen-Pocken – immer mehr Fälle der in Afrika endemischen Krankheit werden bekannt. Das neue Virus ist überall Gesprächsthema. Gesundheit klärt auf: Wie groß ist die Gefahr, dass das Virus zum Problem für unser Gesundheitssystem wird?

Von: Florian Heinhold

Stand: 24.05.2022

In der Schwabinger München Klinik liegt der erste deutsche Affenpocken-Patient. Prof. Clemens Wendtners Team betreut den Mann, der das Virus wohl über Spanien und Protugal nach Deutschland gebracht hat.

"Ich hatte dann die Nachricht bekommen, dass die PCR, also der Nachweis der Affenpocken positiv war und der Mann kam dann auch in den frühen Morgenstunden zu uns. Man hatte natürlich schon ein leichtes Déjà Vu-Erlebnis zum Januar 2020, als wir den ersten Coronapatienten auch hier in Schwabing versorgt hatten."

- Prof. Dr. med. Clemens Wendtner, Infektiologe, München Klinik Schwabing

Ein Déjà Vu! Auch im Januar 2020 landeten die ersten deutschen Corona-Fälle aus der Firma Webasto im Schwabinger Klinikum. Wie bei Corona haben wir es jetzt also wieder mit einem Virus zu tun, das aus dem Tierreich übergesprungen ist. Entsprechend wenig begeistert haben die meisten Menschen in Bayern die Nachricht aufgenommen. Die gute Nachricht lautet aber: Es gibt ein paar wesentliche Unterschiede zu Corona, die eine neue Pandemie aus Expertensicht unwahrscheinlicher machen, sagt auch die Virologin Ulrike Protzer.

"Das Risiko, dass wir jetzt direkt wieder eine Pandemie bekommen und die durch Affenpocken ist wirklich extrem gering."

- Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Helmholtz Zentrum München, TUM

Infektionsweg und Übertragung

Ein wesentlicher Unterschied zum Coronavirus liegt in der Übertragung. Der Name Affenpocken täuscht eigentlich – Affen sind tatsächlich nicht die Hauptwirte des Virus. Es wird davon ausgegangen, dass vor allem Nagetiere das Virus verbreiten. Das jetzt in so kurzer Zeit, über hundert Fälle in einem Dutzend Ländern auftreten, lässt auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch schließen. Aber die Infektion selbst läuft eben ganz anders als bei Corona.

"Die Affenpocken übertragen sich in der Regel durch direkten körperlichen Kontakt, im Normalfall mit den Bläschen, in denen infektiöses Virus enthalten ist, und die bei den Pocken auftreten. Es kann aber auch sein, wenn noch auf der Schleimhaut Läsionen sind, dass es durch Tröpfchen übertragen wird, wenn jemand niest oder hustet."

- Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Helmholtz Zentrum München, TUM

Der Siegeszug des Coronavirus von China bis Europa lag dagegen vor allem daran, dass es so leicht über Aerosole übertragbar ist. Coronaviren können minutenlang in kleinsten Mikrotröpfchen in der Luft schweben und etliche Menschen auf einmal infizieren. So ein Superspreading über die Luft ist mit Affenpocken kaum möglich. 

"Dieses Affenpockenvirus ist ein ziemlich großes Virus und das wird typischerweise nicht über Aerosole übertragen. Die gute Nachricht ist: Eine Ansteckungsfähigkeit ist eigentlich erst dann gegeben, wenn wirklich Bläschen auftreten."

- Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Helmholtz Zentrum München, TUM

Krankheitsverlauf

Und auch der Krankheitsverlauf ist anders als bei Covid. Neben Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sind die juckenden Pocken auf der Haut das Hauptsymptom.

"Die wenigsten Patienten mit Affenpockeninfektionen erkranken schwer – wir kennen Daten aus Afrika, ungefähr ein Prozent. Es gibt von der Statistik her den Hinweis, dass Kinder zum Teil schwer an Affenpocken erkranken, teils auch tödlich. Die Daten sind nicht eins zu eins auf Europa zu übertragen, weil wir eben doch ein anderes, vielleicht auch besseres medizinisches System haben."

- Prof. Dr. med. Clemens Wendtner, Infektiologe, München Klinik Schwabing

Bei Affenpocken gibt es eine relativ milde westafrikanische Variante und eine gefährlichere zentralafrikanische – das Virus des Münchener Patienten wurde genau sequenziert. 

"Wir können definitiv sagen: Es ist die westafrikanische Variante, die mildere Variante."

- Prof. Dr. med. Clemens Wendtner, Infektiologe, München Klinik Schwabing

Immunität und Impfschutz

Auch die Immunität in der Bevölkerung ist ein Grund, warum die Affenpocken nicht mit Corona vergleichbar sind. Bis in die 80er Jahre wurde die deutsche Bevölkerung schließlich gegen Pocken geimpft. Und tatsächlich ist das alte Pockenvirus, dass durch Impfkampagnen bei uns erfolgreich ausgerottet wurde, sehr eng mit dem Affenpockenvirus verwandt.

Markus Frühwein ist Tropenmediziner und einer der renommiertesten Impfexperten in München. Er sagt: Die alte Impfung ist auch heute noch vielversprechend. 

"Man geht im Moment davon aus, dass die gegen Pocken wirksamen Impfstoffe auch gut gegen Affenpocken wirken. Man rechnet mit 80 bis 85%."

- Dr. med. Markus Frühwein, Tropenmediziner, München

Der klassische Lebendimpfstoff, der noch bis Anfang der 80er gegeben wurde, ist nicht unbedingt ein Impfstoff, den man gerne bekommt, der hat relativ viele Nebenwirkungen gehabt. Mittlerweile gibt es neue, nebenwirkungsarme Pockenvakzine. Das besondere: Man kann auch in den Tagen nach einer Infektion noch erfolgreich impfen.

"Dann sind auch sogenannte Ringimpfungen sinnvoll. Wenn wir eine erkrankte Person haben, dass man sagt: OK ich versuche jetzt einfach das Umfeld und die Kontaktpersonen entsprechend zu schützen."

- Dr. med. Markus Frühwein, Tropenmediziner, München

Weil es auch noch wirksame Medikamente gegen Affenpocken gibt, ist eine neue Pandemie mit überfüllten Intensivstationen und Lockdowns  nach jetzigem Wissensstand extrem unwahrscheinlich zu sein. Der Münchener Patient ist übrigens wohl auf. 

Das einzige was ihn noch ein bisschen plagt ist seine Haut, die Pocken, aber die jucken auch schon weniger. Wir sind guter Dinge, dass er bald über den Berg ist. - Prof. Dr. med. Clemens Wendtner, Infektiologe, München Klinik Schwabing

Es gibt also Grund zur Hoffnung, dass uns die Affenpocken anders als Corona nicht dauerhaft in ihrem Bann halten werden.


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