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Kliniken nach Corona Wenn Pflegekräfte nicht mehr können

Die dritte Coronawelle ist abgeflacht, in den Intensivstationen liegen kaum noch Corona-Patienten. Die Kliniken kehren in den Normalbetrieb zurück und holen die zahlreich verschobenen Operationen nach, doch fehlendes Personal bereitet Probleme.

Von: Veronika Scheidl

Stand: 29.06.2021

Ein knappes Jahr lang hat Claus Koch gewartet und seine Schmerzen im linken Knie ausgehalten – doch jetzt lässt sich der 68-Jährige in der München Klinik in Bogenhausen ein künstliches Kniegelenk einsetzen. "Wegen der Corona-Geschichte habe ich jetzt erst mal abwarten müssen, wie sich das Ganze entwickelt. Man versucht es halt rauszuschieben. Aber dann irgendwann ist der Leidensdruck so groß, dass man einfach sagt, jetzt muss es passieren“, sagt Koch.

Kliniken holen verschobene Operationen nach

Viele Operationen mussten aufgrund des Coronavirus verschoben werden.

Wie Claus Koch hatten viele Menschen Angst, sich mit Corona anzustecken – und haben deswegen ihre Operationen verschoben, trotz Beschwerden und Schmerzen. Aber auch die Kliniken mussten zahlreiche Behandlungen absagen und sich um Corona-Patienten kümmern. Beispiel die München Klinik in Bogenhausen: In der Orthopädie mussten laut Chefarzt Ludwig Seebauer in der Spitze bis zu 50 Prozent der Operationen verschoben werden, nur Notfälle und dringliche Eingriffe konnten behandelt werden. Nachdem die dritte Welle überstanden ist, versuchen die Kliniken, wieder in den Normalbetrieb zurückzukehren. Einige Operationen sind schon nachgeholt worden, sagt Eduard Fuchshuber von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft.

Den Kliniken fehlt das Personal

Doch nicht alles verlaufe reibungslos: "Wir können in den Krankenhäusern leider nach wie vor nicht alle Bettenkapazitäten und medizinische Kapazitäten nutzen, weil wir zu wenig Personal in den Krankenhäusern haben", sagt Fuchshuber. Zum einen fehlen diese Leute etwa wegen Urlaub oder Krankheit. Zum anderen gebe es grundsätzlich viel zu wenig Pflegepersonal, teils auch medizinisches Personal, in den Krankenhäusern. Die Pandemie habe das Problem noch deutlicher gezeigt.

Ausgebranntes Pflegepersonal

Nach Monaten voller Überstunden und Urlaubssperren gibt es auch jetzt kaum Verschnaufpausen für die Ärzteschaft und für die Pflegenden. "Wir können nicht zwei Wochen zu machen und sagen, jetzt machen wir mal Werksferien", sagt Axel Fischer, Vorsitzender der Geschäftsführung der München Klinik. Zwar sei man mittlerweile wieder in einem guten Normalbetrieb-Rhythmus, aber die Nachwehen von Corona seien deutlich spürbar: "Natürlich gibt es Rückmeldung, dass Leute ausgebrannt sind. Erschöpft sind, auch nicht mehr können. Das merkt man jetzt. Im Moment ist der Krankenstand etwas höher", sagt Fischer. 3.000 Pflegekräfte beschäftigt die München Klinik laut Fischer, um die 200 Stellen seien aber offen, man sei auf viele Leiharbeitskräfte angewiesen.

Pflegende erwägen Ausstieg aus dem Beruf

Kliniken in Corona: Pflegepersonal an der Belastungsgrenze

Eine Mitgliederumfrage des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass ein Drittel der Befragten nach der Pandemie aus dem Beruf aussteigen will oder den Ausstieg ernsthaft in Erwägung zieht. Die Bayerische Krankenhausgesellschaft teilt dagegen mit, dass es trotz der extremen Belastungen kaum Kündigungen im Pflegebereich gegeben hat.

Nina Schneider allerdings wurde es zu viel: Die 28-Jährige hatte auf einer Intensivstation in einem Münchner Krankenhaus gearbeitet – dann kündigte sie im März ihre Vollzeitstelle.

"Das war alles eine Ausnahmesituation über Wochen und Monate. Den emotionalen Druck, den man hat, und diese Verpflichtung auch seinem Team gegenüber ist eine Sache, wo du über deine natürlichen Grenzen hinausgehst. Und da geht man nach Hause und hat zwar seine Arbeit geschafft, aber nicht so, wie man es vielleicht gerne gemacht hätte"

- Nina Schneider, Pflegepersonal auf der Intensivstation

Pflegeberuf als Berufung

Krankenpflege: harter Job und doch für manche die Berufung

Nina Schneider liebt ihren Beruf, ganz ausgestiegen ist sie deswegen nicht. Sie arbeitet nun erstmal Teilzeit in der Pflege. Manch einer aber sieht die Corona-Krise geradezu als eine Situation, sich zu beweisen. So auch Etienne Höhne. Er arbeitet als Fachkrankenpfleger auf der Intensivstation im Isar Klinikum in München. Der 38-Jährige hat noch nie ans Aufhören gedacht. "Für viele von uns ist es eine Berufung. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich sage es mal salopp: Arschbacken zusammenkneifen, Augen zu und durch. Und wenn wir es nicht machen, wer soll es denn sonst machen?", sagt Höhne.

Einbruch bei Vorsorgeuntersuchungen

Eine Folge der Corona-Pandemie beobachtet die Bayerische Krankenhausgesellschaft mit großer Sorge: "Wir wissen von unseren Ärzten, dass viele Patienten Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrgenommen haben“, sagt Eduard Fuchshuber. Auch den Chirurgen und Darmkrebs-Spezialisten Prof. Franz Bader vom Isar Klinikum in München beunruhigt, dass es einen Einbruch bei den Vorsorgeuntersuchungen gegeben hat. Laut Bader gab es in Deutschland im vergangenen Jahr ein Drittel weniger Erstdiagnosen für Dickdarmkrebs und auch Brustkrebs.

"Ein Drittel dieser Patienten weiß noch gar nicht, dass sie betroffen sind. Ich erwarte schon, dass wir eine gewisse Welle an neu diagnostizierten Tumorerkrankungen im Laufe des Jahres 2021 bekommen. Wir hoffen alle, die in der Krebstherapie tätig sind, dass wir nicht in eine Situation kommen, wo wir Patienten nicht mehr heilen können, weil der Krebs schon so weit fortgeschritten ist, weil die Diagnose verzögert war."

- Prof. Franz Bader, Isar Klinikum München

Bader und auch die Bayerische Krankenhausgesellschaft appellieren an die Menschen, zeitnah ihre Vorsorgeuntersuchungen nachzuholen.


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