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Gutartiger Lagerungsschwindel Diese speziellen Übungen können helfen

Eine kleine Kopfbewegung beim Schuhe zubinden, morgens aufstehen oder einfach ruckartig in die andere Richtung schauen – bei manchen Patienten reicht das, um eine Schwindelattacke auszulösen. Oft handelt es sich dabei um gutartigen Lagerungsschwindel - eine harmlose Erkrankung, die bei vielen Patienten jedoch einen hohen Leidensdruck hervorruft. Vor allem wenn Übelkeit und Erbrechen hinzukommen, fühlen sich manche dem Karussell im Kopf hilflos ausgeliefert. Gesundheit! begleitet zwei Patienten und zeigt, was hilft.

Von: Julia Richter

Stand: 20.06.2022 11:12 Uhr

Wie äußert sich gutartiger Lagerungsschwindel?

Bei Sabine Büchel beginnt es das erste Mal nach einer Busreise – nach dem Aufrichten wird ihr plötzlich schwindelig, alles dreht sich. Sie kann weder gehen, noch sitzen, schafft es kaum, sich auf den Beinen zu halten.

"Man fühlt sich wie ausgeknockt. Also es geht eigentlich gar nichts mehr. Das ist wie bewusstlos. Aber, dass man ganz normal ausschaut. Sobald man eine leichte Bewegung macht, ist das wie Karussellfahren. Es dreht sich alles"

- Sabine Büchel, Patientin

Die Schwindelattacken stören ihren Alltag empfindlich. Autofahren kann sie vergessen, wenn sich wieder alles dreht:

"In die Arbeit kann man nicht gehen, Autofahren geht überhaupt nicht. Sobald man eine Kopfbewegung macht, kommt eben sofort das Karussellfahren. Und es ist, wie wenn Du dich selbst von hinten überholst."

- Sabine Büchel, Patientin

Bei Siegfried Gruber ist es noch schlimmer. Die erste Attacke kommt, als er mit Freunden eine Bergtour macht. Jahrelang leidet er danach unter immer wieder kehrenden Anfällen, wann der nächste kommt, weiß er nicht. Los geht es bei ihm meistens nach dem Aufstehen – im Bett oder auf dem Sofa.

"Wenn das dann extrem wird, dann dreht sich das ganze Zimmer. Man weiß nichts, kommt es von links kommt es von rechts, von unten oder oben, Man ist eigentlich in einem leeren Raum. Man weiß überhaupt nicht mehr, wo man zuhause ist. Sondern, dass ist ein Zustand, wo man sagt, man lebt nicht mehr."

- Siegfried Gruber, Patient

Die Untersuchung bei der Neurologin zeigt, dass bei Sabine Büchel keine ernste Erkrankung dahinter steht. Das muss bei Schwindel immer abgeklärt werden, um etwa einen Schlaganfall, MS oder Parkinson auszuschließen.

"Die typischen Anzeichen eines gutartigen Lagerungsschwindels sind heftige Drehschwindelattacken mit - Übelkeit und Erbrechen und einem Hitzegefühl, Schweißausbrüchen – die typischerweise 20 bis 30 Sekunden anhalten, auf jeden Fall nicht länger als eine Minute."

- Dr. med. Carmen Simon, Lt. Oberärztin, Neurologie, Krankenhaus Barmherzige Brüder, Regensburg

Zur Diagnostik wird versucht, in einer sog. Lagerungsprobe den Schwindel zu provozieren und an den Augenbewegungen festzustellen. Man spricht von einem Lagerungsmanöver: Untersucht wird dabei auch gleich, welche Seite und welcher der drei Bogengänge im Innenohr betroffen ist.

Dazu dreht die Patientin den Kopf 45 Grad nach links und wird zur linken Seite gelegt. Dabei muss sie die Augen aufhalten: Tritt der Schwindel akut auf, sieht man die typische- rollende und zuckende Augenbewegungen – man spricht von einem sog. Nystagmus:

"Und zwar ist das beim gutartigen Lagerungsschwindel - ausgehend vom linken hinteren Bogengang - eine Augenbewegung, die Richtung Stirn schlägt und im Uhrzeigersinn dreht. Das ist der Beweis für diese Erkrankung."

- Dr. med. Carmen Simon, Lt. Oberärztin, Neurologie, Krankenhaus Barmherzige Brüder, Regensburg

Ursache des Lagerungsschwindels

Ausgelöst wird der Schwindel durch kleine Kristalle im Innenohr. Diese Mini-Kristalle - sog. Otolithen - befinden sich normalerweise in einem anderen Teil des Gleichgewichtsorgans, wo sie keine Probleme verursachen. Rutschen sie durch eine Kopfbewegung in einen der drei Bogengänge, reizen sie dort empfindliche Sensorzellen. Das Gehirn erhält falsche Signale: Drehschwindel ist die Folge. 

Behandlung des Drehschwindels

Die Therapie ist einfach und effektiv: Behandelt wird nicht mit Medikamenten, sondern mit Befreiungsmanövern – die das mechanische Problem lösen.

"Bei den Lagerungsübungen schleudert man diese verirrten Kristalle in den Bogengängen im hohen Bogen raus, und ab dem Augenblick wo das rausgeschleudert ist das Steinchen, ist der Schwindel auch weg."

- Dr. med. Carmen Simon, Lt. Oberärztin, Neurologie, Krankenhaus Barmherzige Brüder, Regensburg

Das Sémont-Manöver

Da bei Sabine Büchel die linke Seite betroffen ist, sitzt sie auf einer Liege, den Kopf 45 Grad nach rechts zur nicht betroffenen Seite gedreht - dann legt sie sich auf die linke Seite, wartet eine Minute, dann wirft sie sich auf die andere Seite, bis Wange und Nase aufliegen.

Das Epley-Manöver

Hierbei liegt die Patientin hinten auf dem Rücken - Kopf und Körper werden in einer bestimmten Abfolge gedreht, der Kopf bewegt sich, am Ende setzte sie sich auf. Der Vorteil. Das Manöver ist weniger akrobatisch:

Sabine Büchel ist sehr zufrieden und macht die Übungen auch alleine zu Haue, wenn der Schwindel mal zurück kommt.

Neu: Das Sémont-Plus-Manöver

Siegfried Gruber leidet sehr lange unter den Attacken, bevor er endlich am Deutschen Schwindelzentrum in München Hilfe bekommt. Bei ihm ist der rechte hintere Bogengang betroffen, so wie bei den meisten Patienten.

"In 95 Prozent der Fälle ist es unbekannt, warum der eine einen Schwindel erleidet und der andere nicht. Greifbare Ursachen sind nach einem Schädel-Hirn-Trauma, greifbare Ursachen sind längere Bettlägerigkeit, jetzt gehäuft in Covid-Zeiten. Und alle Patienten, die irgendwelche anderen Innenohrerkrankungen haben, haben auch ein höheres Risiko an gutartigem Lagerungsschwindel zu erkranken."

- Prof. Dr. med. Dr. hc. Michael Strupp, Neurologische Klinik u. DSGZ, LMU München

Bei Siegfried Gruber kommt das neue Sémont-PLUS-Manöver zum Einsatz, das auch unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Strupp entwickelt worden ist: Hartnäckige Fälle wie Siegfried Gruber profitieren davon besonders.

Zunächst setzt er sich auf eine Bettkante oder Liege: Der Kopf ist 45 Grad zum nicht betroffenen Ohr gedreht (bei ihm links) das Kinn zeigt zur Schulter – dann geht es auf die erkrankte Seite: Dabei den Körper so tief wie möglich zur betroffenen Seite werfen (bei ihm also rechts) Neu ist, dass der Kopf viel weiter unten ist als beim "normalen" Sémont-Manöver. Nach einer Minute wirft er sich im hohen Bogen auf die andere Seite in einem Schwung, ohne in der Mitte zu stoppen. Das Kinn muss weiter zur linken Schulter und somit die Nase zur Liege zeigen. 60 Sekunden warten – langsam aufsetzen.

"Der Clou bei der Sache ist, dass der Patient sich beim ersten Wurf noch mal 60 Grad weiter nach unten bewegt und dann purzeln die Steinchen schon beim ersten Wurf 60 Grad in die gewünschte Richtung, und wenn der Patient sich dann um 240 Grad auf die Gegenseite wirft, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie sich gleich in die richtige Richtung bewegen. Wir haben dazu jetzt zwei größere Studien gemacht, mit Kollegen aus Belgien und aus Italien. Und im Vergleich zum normalen Sémont-Manöver, verkürzt sich die Zeit, bis die Patienten wieder frei sind von den Schwindelattacken auf die Hälfte."

- Prof. Dr. med. Dr. hc. Michael Strupp Neurologische Klinik u. DSGZ, LMU München

Fazit: alle hier vorgestellten Manöver sind wirksam, welches zum Einsatz kommt, entscheidet man individuell, je nachdem wie mobil der Patient ist oder ob er Nackenprobleme hat. Daneben gibt es noch spezielle Rollmanöver. Je nachdem welcher Bogengang betroffen ist, müssen die Manöver entsprechend angepasst werden.

Ab wann ist Schwindel gefährlich?

Nicht immer ist Schwindel harmlos, bei manchen Symptomen sollte man zeitnah einen Arzt bzw sogar eine Notaufnahme aufsuchen:

"Wenn Schwindel einhergeht mit einer Gefühlsstörung im Gesicht, Armen oder Beinen, Schwäche oder Koordinationsstörungen auf einer Seite oder man Doppelbilder hat, Sprachstörungen, oder wenn ein Patient über 60 Jahre alt ist, Gefäßrisikofaktoren hat, und erstmalig heftiger Schwindel auftritt, dann spricht das eher für gefährliches, zentrales, das zeitnah abgeklärt werden muss."

- Prof. Dr. med. Dr. hc. Michael Strupp Neurologische Klinik u. DSGZ, LMU München


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