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Vorsorgeuntersuchung Warum man jetzt wieder zur Früherkennung sollte

Ob Zahnprophylaxe, Hautkrebs-Screening oder Mammographie: Besonders in der Anfangsphase der Corona-Pandemie gingen die Vorsorge-Zahlen rapide zurück. Konnten die Praxen die Lücken wieder schließen und die verpassten Präventionsbehandlungen nachholen? Und welche Folgen hat es für Patient und Gesellschaft, wenn Vorsorge nicht wahrgenommen wird?

Author: Sabine Pusch

Published at: 21-11-2022

Leere Wartezimmer, freie Stühle: So sah es während der Pandemie in Arztpraxen häufig aus – nicht nur wegen der Abstandsregeln. Den Medizinern blieben die Patienten weg. Unsicherheit war einer der Hauptgründe für nicht wahrgenommene Behandlungen. Auch bei Katharina Heindl.

"Gerade zu Beginn, als alles noch recht unsicher war und man die Situation nicht einschätzen konnte, habe ich versucht, Arzttermine und auch die Vorsorgen, soweit es geht nach hinten zu schieben und erst einmal abzuwarten."

- Katharina Heindl, Patientin

Sie war nicht die einzige Patientin von Zahnarzt Peter Reithmayer, der es so ging. Die Praxis hatte zwar geöffnet, dennoch sorgte die Angst vor einer Ansteckung für zahlreiche Terminabsagen. Doch eine große Aufklärungskampagne der ganzen Branche zeigte Wirkung. Geworben wurde mit Plakaten und Social-Media-Posts mit Botschaften wie „Lockdown gilt nicht für Zahnarzttermine“ und „Wir können Hygiene! Ihre Zahnarztpraxis“. Die Patienten kamen zurück. Eine gute Entwicklung – denn Prävention sei auch und gerade in Pandemie-Zeiten wichtig, so Zahnarzt Reithmayer.

"Es gibt nicht nur Karies, sondern auch entzündliche Erkrankungsformen wie zum Beispiel Parodontitis, die sehr stark das allgemeine Immunsystem beeinträchtigen können."

- Peter Reithmayer, Zahnärzte am Böhmerwaldplatz, München

Eine Besonderheit in der Zahnmedizin habe vermutlich geholfen, um die Patienten in die Praxen zurück zu holen: Das Bonussystem der gesetzlichen Krankenkassen. Der jährliche Kontrolltermin wird im Bonusheft eingetragen und garantiert so den Festzuschuss für Zahnersatz.

Regelmäßigkeit sorgt für Sicherheit

Eine Kampagne und ein Bonussystem wie bei den Zahnärzten gab und gibt es bei den Dermatologen zum Beispiel nicht. Viele Patienten, vor allem die Älteren, kamen nicht zum Hautkrebs-Screening. Seit dem zweiten Quartal diesen Jahres sei eine deutliche Zunahme an Vorsorgeuntersuchungen zu verzeichnen, so Prof. med. Dietrich Abeck, Dermatologe in München.

"Es ist die Regelmäßigkeit, die am Ende dabei hilft, Hautkrebs zu vermeiden. Hautkrebs macht keine Beschwerden. Und wenn er übersehen wird und lange Zeit wachsen kann, kann er letztendlich ein Stadium erreichen, wo man nicht unbedingt sagen kann, dass der Patient dieses Stadium überlebt."

- Prof. Dr. med. Dietrich Abeck, Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Hautzentrum Nymphenburg

Kampagnen gegen den Vorsorge-Rückgang

Damit es erst gar nicht soweit kommt, hat auch der Verband der Privaten Krankenversicherungen während der Pandemie eine große Social Media Kampagne gestartet. In einer Umfrage kam heraus: Jeder vierte chronisch Kranke hat wegen Angst vor Corona schon Arztbesuche ausfallen lassen.

"Damals ist zum Beispiel das Mammografie-Screening gegen Brustkrebs fast um hundert Prozent eingebrochen. Das Hautkrebs Screening um 50 Prozent und die Darmkrebs-Vorsorge um 30 Prozent. Danach hat es sich schrittweise normalisiert. Im Sommer wurde es entspannter. Der nächste Corona-Winter wurde wieder ein bisschen schlechter. Und im Jahr 2021 hat es sich wieder halbwegs normalisiert."

- Stefan Reker, Pressesprecher, Verband der privaten Krankenversicherungen, Berlin

Je früher, desto besser

Welche konkreten Folgen es haben kann, wenn Vorsorge nicht wahrgenommen wird, erlebt Prof. Dr. med. Sylvia Heywang-Köbrunner in ihrer Praxis. Insgesamt sei neun Prozent weniger gescreent worden als im Vorjahr, so die Fachärztin für Radiologie. Nachdem die Anzahl an Screenings sonst stabil sei, sei zu erwarten, dass der Rückgang an der Corona Pandemie lag.

"Es gab immer wieder Patientinnen, die aus Angst vor Corona das Haus nicht verlassen wollten. Sie haben manchmal ein halbes oder ganzes Jahr verstreichen lassen und sind später gekommen. Dort haben wir dann auch größere Brustkrebserkrankungen festgestellt."

- Prof. Dr. med. Sylvia H. Heywang-Köbrunner, Fachärztin für Radiologie und Leiterin des Referenzzentrums Mammographie, München

Direkte und indirekte Kosten im Milliardenbereich

Vom Stadium der Erkrankung hängen nicht nur die Heilungschancen ab, sondern auch die Kosten der Behandlung. Sagt auch der Gesundheitsökonom Professor Klaus Nagels.

"In den Anfangsstadien ist die Behandlung überschaubar. Deswegen sind auch die Kosten relativ überschaubar. Wir haben bei den einfachen Fällen in den ersten zwei Jahren zwischen 10.000 und 15.000 Euro Kosten. Wenn es sich um komplexere Behandlungen handelt, kann das leicht die Grenze von 200.000 Euro sprengen."

- Univ.-Prof. Dr. Dr. Klaus Nagels, Lehrstuhl für Medizinmanagement und Versorgungsforschung, Universität Bayreuth

Hinzu kommen indirekte Kosten, etwa wenn man wegen der Krankheit nicht mehr arbeiten kann und für den Arbeitsmarkt ausfällt. Wenn man die direkten und indirekten Kosten zusammenzähle, komme man auf einen Betrag im einstelligen Milliardenbereich, so Professor Nagels – durch die nicht wahrgenommenen Vorsorgeuntersuchungen.

Darmkrebs ist früh erkannt gut heilbar

Für Männer übernehmen die Krankenkassen ab dem 50. Lebensjahr alle zwei Jahre die Kosten für die Darmkrebsvorsorge, bei Frauen ab dem 55. Lebensjahr. Dietmar Koesling, ein Patient des Münchner Gastroenterologen Dr. Berndt Birkner, hat seine Darmspiegelung eine Weile vor sich her geschoben. Auch aus Angst vor einer Infektion mit Corona.

"Ich wäre wahrscheinlich schon vor zwei Jahren gegangen. Aber wegen der Pandemie und der Terminschwierigkeiten war das problematisch. Jetzt hole ich die ganzen Termine nach."

- Dietmar Koesling, Patient

Bei ihm ist alles gut gelaufen. Doch er ist nicht der einzige Patient, den Dr. Birkner länger nicht zur Vorsorge gesehen hat. Der Mediziner musste zu Beginn der Pandemie auch zahlreichen Patienten absagen. Der Grund: Fachkräftemangel.

"Bei Magen und Darmspiegelungen bin ich auf eine Assistenz angewiesen. Ohne Assistenz können wir solche Maßnahmen nicht durchführen. Insgesamt habe ich in einer Zeit von etwa zwei Monaten 300 Untersuchungen absagen müssen."

- Dr. med. Berndt Birkner, Internist und Facharzt für Gastroenterologie, München

US-Studien zeigen bereits, dass verschobene Vorsorge-Untersuchungen während Corona zu mehr Krebsdiagnosen geführt haben. Dabei ist zumindest Darmkrebs früh erkannt gut heilbar. Denn: Darmkrebs entsteht aus Vorstufen. Diese Vorstufen können bei einer Darmspiegelung erkannt und direkt entfernt werden. Damit kann das Darmkrebsrisiko um 70 Prozent gesenkt werden, so Dr. Birkner.

Auch wenn die Wartezeiten teils länger sind – die Botschaft aller besuchten Praxen ist klar: Vorsorge – und zwar jetzt!


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