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Vorsorge Vorsorge und keiner geht hin?

Vorsorgeuntersuchungen können Leben retten oder den Verlauf von Krankheiten deutlich verbessern. Viele der Angebote sind in Deutschland für Patienten ab einem bestimmten Alter kostenlos. Trotzdem klagen Experten, dass viel zu wenige Menschen die Präventionsmöglichkeiten wahrnehmen.

Von: Florian Heinhold

Stand: 23.04.2018

Stell dir vor, es ist Vorsorgeuntersuchung, und keiner geht hin. Hautkrebs, Darmkrebs, Brustkrebs, allgemeiner Gesundheitscheck – die Palette an Vorsorgeangeboten in Deutschland ist groß. Eine repräsentative Umfrage des Patientenmagazins „Hausarzt“ kommt jetzt aber zu ernüchternden Ergebnissen: Über 40 Prozent der Befragten nehmen überhaupt keine Vorsorgemaßnahmen in Anspruch. Davon gaben mehr als zwei Drittel an, nur zum Arzt zu gehen, wenn sie krank sind. Mehr als 42 Prozent der Vorsorgemuffel wussten wiederum gar nicht, welche Vorsorgescreenings es überhaupt gibt.

Hautkrebs: Früherkennung erhöht Heilungschancen

Gesundheit! begleitet Sebastian Lüttich auf dem Weg zur Hautuntersuchung im Klinikum der Universität München. Bei ihm wurde bereits einmal ein Melanom, also schwarzer Hautkrebs, festgestellt.

"Nach so einer Diagnose ist man natürlich schockiert, man muss das alles erst mal verarbeiten, muss es der Familie beibringen. Da bricht schon eine kleine Welt ein."

Sebastian Lüttich, Patient

Er hatte Glück im Unglück, das Melanom ließ sich operativ entfernen. Heute geht es dem Patienten gut. Trotzdem muss er zu engmaschigen Kontrolluntersuchungen, um ein Wiederkehren des Krebs rechtszeitig zu erkennen. Seine Ärztin, Dr. Cristel Ruini überprüft jedes einzelne Muttermal auf Veränderungen.

Hautkrebsvorosrge mit Videodermatoskop

Ab 35 Jahren ist so eine Untersuchung als Vorsorgescreening für Patienten kostenlos. Dr. Ruini setzt auch das Videodermatoskop ein – eine Wahlleistung, die nicht komplett von der Kasse übernommen wird, die Diagnose aber sicherer macht.

"Man kann sich wirklich viel Ärger sparen, denn Hautkrebs kann von außen erkannt und in manchen Fällen auch getastet werden. Die Heilungschancen sind tatsächlich größer, wenn wir die Hautveränderungen so früh wie möglich entdecken und alle Hautkrebsformen im Frühstadium diagnostizieren."

Dr. med. Cristel Ruini, Dermatologie, Klinikum der Universität München

Hautkrebsvorsorge: nur ein Drittel geht hin

Trotzdem ist es beim Thema Hautkrebs bisher nicht gelungen, die Sterblichkeit signifikant zu senken – die Teilnahme an der Vorsorge lässt aber auch noch zu wünschen übrig.

"Gerade Mal ein knappes Drittel nutzt die Vorsorgeuntersuchungen. Wir würden uns wünschen, dass noch viel mehr Menschen das Angebot annehmen."

Prof. Dr.  med. Carola Berking, Dermatologie, Klinikum der Universität München

Viele Vorsorgeuntersuchungen: nur wenig genutzt

Und nicht nur beim Hautkrebs, auch bei anderen, für den Patienten kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen, zeigt sich ein ähnliches Bild. Zu den wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen zählen der allgemeine Gesundheitscheck beim Hausarzt mit Blutdruckmessung und Blutuntersuchung, der genau wie das Hautkrebsscreening ab dem Alter von 35 Jahren alle zwei Jahre von den Kassen übernommen wird.

Ein Mammographie-Screening wird Frauen über 50 alle zwei Jahre bezahlt, eine Darmspiegelung zur Darmkrebsvorsorge können Patienten ab 55 ohne Zuzahlungen durchführen lassen.

Darmkrebsvorsorge: erwiesener Nutzen

Gesundheit! trifft Stefan Gente im Wartebereich des Klinikums Neuperlach. Auch er war früher ein Vorsorge-Muffel. Sogar als er bei sich Blut im Stuhl bemerkte, ging er nicht sofort zum Arzt.

"Und dann kam das böse Erwachen, dass ich Darmkrebs hatte. Wenn ich früher zur Darmspiegelung gegangen wäre, gleich, als das Blut zum ersten Mal festgestellt wurde, dann wär’s vielleicht nur ein Polyp gewesen, der wäre entfernt worden und ich hätte gar keinen Darmkrebs bekommen. Also es war leichtsinnig, dass ich nicht eher gegangen bin."

Stefan Gente, Patient

Nach seiner OP musste er monatelang mit einem künstlichen Darmausgang leben. Heute ist Kontrolltermin. Mit einem Endoskop untersuchen die Ärzte den kompletten Darm auf Krebsvorstufen, sogenannte Polypen – genau wie bei einer regulären Vorsorgeuntersuchung. Die noch gutartigen Tumore werden direkt entfernt. Die Darmkrebsvorsorge ist eine der effizientesten Vorsorgescreenings. Hier konnte klar nachgewiesen werden, dass die Untersuchungen die Sterblichkeit senken. Der Grund: Polypen entwickeln sich sehr langsam zu bösartigen Tumoren. Wer zur Vorsorge geht, ist vor Darmkrebs über Jahre weitestgehend sicher.

"Es sterben jedes Jahr 25.000 Menschen – Die beste Vorsorge ist die durchgeführte Vorsorge, also nehmen Sie die Angebote wahr, gehen Sie hin, tun Sie es!"

Dr. med. Markus Dollhopf, Gastroenterologe, Klinikum Neuperlach

Das Unangenehme: Vor der Untersuchung muss man ein Abführmittel nehmen und fasten, damit der Darm leer ist. Für Stefan Gente jedoch ein kleiner Preis für die Sicherheit, nicht noch einmal an Krebs zu erkranken.

Zukunft der Vorsorge: Genmarker und Telemedizin

Am Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung erforscht und dokumentiert Dr. Bernd Hagen die Akzeptanz von Vorsorgemaßnahmen in der Bevölkerung. Das Grundproblem: Vorsorge richtet sich an gesunde Menschen, die Hürde zum Arzt zu gehen ist deutlich höher, wenn es keinen konkreten Anlass gibt. Eine Chance, die Beteiligungsraten zu erhöhen, könnten neue, weniger aufwendige Screenings darstellen, die Krankheitsrisiken zum Beispiel anhand genetischer Marker prognostizieren.

"Was genetische Verfahren anbelangt, haben wir natürlich eine Phase, in der sehr, sehr große Fortschritte zu beobachten sind. Ich denke, das wird zu vielen neuen Testverfahren führen."

Dr. phil. Bernd Hagen, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland

Auch beim Thema Hautkrebs werden kreative Lösungen gesucht, um mehr Patienten zur Vorsorge zu bewegen. Dazu könnten in Zukunft spezielle Apps beitragen, über die Patienten ihre Muttermale selbst fotografieren und entweder via Telemedizin zur Diagnose schicken oder im Zweifel von der App selbst Warnmeldungen und die Aufforderung geschickt bekommen, zum Arzt zu gehen.

Unterdessen geht Sebastian Lüttichs Untersuchung am Klinikum der Universität München zu Ende. Bei ihm wurden keine besorgniserregenden Muttermale entdeckt. Er hofft, dass seine Geschichte dazu beiträgt, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Vorsorge auseinandersetzen.


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