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Herzrhythmusstörungen Vorhofflimmern – was hilft?

Unser Herz ist der Motor des Körpers: Es versorgt den Organismus mit Blut und hält den Kreislauf in Gang. Normalerweise schlägt es im Takt. Im Idealfall merken wir von ihm nichts. Umso beunruhigender ist es für Patienten, wenn es plötzlich zu Herzrasen kommt, das Herz stolpert oder kleine Aussetzer hat. All das kann auf eine Herzrhythmusstörung hindeuten, die häufigste Form ist das Vorhofflimmern. Rund zwei Millionen Menschen hierzulande leiden darunter. Gesundheit! begleitet zwei Patienten und zeigt mögliche Therapien.

Von: Julia Richter

Stand: 26.04.2021

Meist kommt es anfallsartig – die Symptome:

Am Anfang tritt es meist anfallsartig auf – oft ohne erkennbare Ursache: So war es auch bei Clemens Schlich. Eines Morgens spürt er sein Herz bis zum Hals. Es rast. Beim Aufstehen wird ihm schwarz vor Augen.

"Es war so ein Gefühl, als ob so eine Büffelherde durch die Brust läuft. So ein ganz extremes Schlagen vom Herzen und die Frequenz war unregelmäßig und es war bedrohlich."

Clemens Schlich, Patient

Er ist kurzatmig und schlapp, überhaupt nicht belastbar. Zuerst denkt er an eine Erkältung. Allerdings kann Vorhofflimmern auch auftreten, ohne dass die Patienten überhaupt etwas merken: So war es bei Bernd Reiser – er bekam die Diagnose vor ein paar Jahren als Zufallsbefund.

"Ich hatte im Alltag überhaupt keine Beschwerden. Ich hatte keine Wahrnehmung, dass mir irgendwie Leistung fehlt oder sonstige Einschränkungen."

Bernd Reiser, Patient

Für Bernd Reiser war die Diagnose beim Routinecheck des Kardiologen also eine echte Überraschung. Sein Puls war viel zu hoch.

"Für Vorhofflimmern gibt es ganz verschiedene Risikofaktoren. Mit der stärkste und wichtigste ist vermutlich der Bluthochdruck. Daneben gibt es auch die klassischen kardio-vaskulären Risikofaktoren. Aber auch das Alter, männliches Geschlecht oder genetische Risikofaktoren. Eine spezifische Ursache lässt sich in vielen Fällen allerdings nicht feststellen."

Dr. Christoph Schuhmann, Kardiologe, Internistisches Zentrum München Ost

Wie entsteht Vorhofflimmern?

Beim Vorhofflimmern herrscht elektrisches Chaos im Herzen. Die Folge: Die Vorhöfe im Herzen schlagen nicht im regelmäßigen Rhythmus.

Normalerweise entstehen die elektrischen Impulse im Vorhof gleichmäßig, er zieht sich regelmäßig zusammen. Das Herz schlägt normal. Beim Vorhofflimmern landen im Vorhof extrem viele elektrische Impulse – völlig unkoordiniert – wie eine Art Fehlsignal. Sie kommen aus den Lungenvenen. Der Vorhof zieht sich nicht mehr geordnet zusammen. Er zuckt, flimmert quasi, dadurch gerät die Herzkammer aus dem Takt. Der Herzschlag wird unregelmäßig.

"Gefährlich für das Herz und letztendlich damit für den Patienten kann Vorhofflimmern dann werden, wenn durch das Vorhofflimmern Veränderungen am Herzen entstehen. Hier sind insbesondere Umbauvorgänge der Vorhöfe gemeint, diese können sich erweitern. Hierdurch kann es zu Klappenschwächen kommen. Durch einen schnellen, unkontrollierten Herzschlag kann sich eine Schwäche des Herzmuskels, der Herzkammer und der Herzleistung ausbilden."

Dr. Christoph Schuhmann, Kardiologe, Internistisches Zentrum München Ost

Diagnose von Vorhofflimmern

Zur Standarduntersuchung gehört ein EKG: Gemessen wird das Vorhofflimmern mit Hilfe eines Elektrokardiogramms: über ein Kurzzeit- oder ein Langzeit-EKG. Dabei bekommt der Patient ein Gerät zum Aufzeichnen mit, in der Regel für 48 bis maximal 72 Stunden. Meist wird auch ein Belastungs-EKG gemacht, dabei muss der Patient kontinuierlich die Belastung steigern, etwa auf dem Fahrrad.

Beim Ultraschall erkennt der Kardiologe ob das Herz bereits geschädigt ist. Stolpert es dauerhaft, besteht vor allem eine große Gefahr.

"Man geht davon aus, dass Vorhofflimmern für etwa 20 bis 30 Prozent der Schlaganfälle verantwortlich ist. Dies geschieht dadurch, dass die Vorhöfe das Blut nicht mehr richtig leerpumpen, dann kann das Blut in den sogenannten Herzvorkammern in den Herzvorhöfen stehenbleiben, es können sich Blutgerinnsel bilden und Teile dieser Blutgerinnsel können abreißen und dann in Adern ins Gehirn wandern und hier einen Schlaganfall hervorrufen."

Dr. Christoph Schuhmann, Kardiologe, Internistisches Zentrum München Ost

Die richtige Therapie

Fast alle Patienten bekommen Blutverdünner, um die Gerinnselbildung zu verhindern. Bernd Reiser nimmt außerdem Tabletten, die den Herz-Rhythmus wiederherstellen sollen. Trotzdem gerät sein Herz immer wieder aus dem Takt.

Deshalb bekommt der 57-Jährige eine Kardioversion: Mit Hilfe von Elektroschocks wird der normale Herz-Rhythmus quasi erzwungen – eine Art „Reset“. Der Patient befindet sich im Dämmerschlaf und bekommt von der Behandlung nichts mit. Die Therapie schlägt jedoch nicht immer an:

"Die Kardioversion hat kurzzeitig bei mir Wirkung gezeigt. Das heißt, die angestrebte Sinuskurve war wieder da. Und der erhöhte Puls den ich gehabt habe, zwischen 90 und 100 pro Minute, der war dann Richtung 60 schon da, aber es war nicht nachhaltig."

Bernd Reiser, Patient

Vorhofflimmern belastet den Alltag

Auch bei Clemens Schlich hilft nichts dauerhaft, die Anfälle kommen immer wieder. Ohne erkennbaren Grund. Umso belastender sind die Beschwerden für den sportlichen, aktiven Familienvater. Er versucht, Trigger zu finden, die eine Attacke auslösen, ohne Erfolg.

"Ich bin dann teilweise wirklich abends ins Bett gegangen und hatte schon Angst davor, dass ich nachts wieder aufwache und es ist wieder da. Diese Erkrankung ist ja nicht lebensbedrohlich, sie schränkt ja nur die Lebensqualität stark ein, weil man eben an diesen Tagen wo man das hat, absolut nicht leistungsfähig ist."

Clemens Schlich, Patient

Weil beim Arztbesuch immer alles unauffällig ist, kauft er sich eine Uhr mit Medizin-Funktion, mit der er selbst ein EKG aufzeichnen kann, wenn das Herz akut flimmert.

Am Isarklinikum in München nutzt man diese zertifizierten Medizinprodukte. Die Kardiologen arbeiten mit einer selbst entwickelten Gesundheits-App, die die Daten vom Handy auswertet.

"Vorteil ist, die Uhren sind immer am Mann. Das heißt, dann wenn die Herzrhythmusstörung auftritt, kann der Patient selber in 30 Sekunden relativ einfach dieses EKG in hoher Qualität aufzeichnen und damit haben wir das Problem gelöst, dass wir eben nicht über ein, zwei Tage Langzeit-EKGs mitgeben müssen, und wir da nichts aufzeichnen. Weil diese Rhythmusstörungen teilweise ja nur ein bis zwei Mal im Monat oder auch nur drei bis vier Mal im Jahr auftreten."

Prof. Dr. med. Wolfgang Alexander Leber, Direktor der Klinik für Kardiologie, Isar Klinikum, München

Über die App wird alles ausgewertet, so konnten endlich auch die Beschwerden von Clemens Schlich dokumentiert werden. Beim körperlichen Check-Up sind all seine Wert unauffällig – Clemens Schlich ist topfit und kerngesund. Doch nicht selten leiden gerade Sportler wie er unter Vorhofflimmern:

"Theorie, warum das ist, ist zum einen eben das Sportlerherz. Das heißt, es gibt Veränderungen am Herzen durch Hochleistungssport, die Herzwand wird dicker. Das kann auch am Vorhof passieren. Hier kann es dann auch zu elektrischen Veränderungen kommen, die dann Vorhofflimmern begünstigen. Das andere ist eben die sehr langsame Herzfrequenz."

Prof. Dr. med. Wolfgang Alexander Leber, Direktor der Klinik für Kardiologie, Isar Klinikum, München

Standarverfahren: Katheter-Ablation

Der Kardiologe schlägt ihm eine Katheter-Ablation vor. Bei dem minimal-invasiven Eingriff werden mit Hilfe eines Katheters gezielt die Herzzellen verödet, die das Vorhofflimmern auslösen. Ziel ist es, die Beschwerden dauerhaft zu eliminieren oder wenigstens deutlich zu reduzieren.

Gearbeitet wird mit Kälte oder Hitze, also mit Hochfrequenz-Strom: Der Zugang erfolgt über die Leiste. Bei der häufigeren Kälteablation wird der Ballon im linken Vorhof an der Einmündungsstelle der Lungenvenen platziert – dabei liegt er wie ein Tischtennisball auf einem Flaschenkopf.

Der Ballon nimmt Kühlmittel auf. Durch Verdunstung kommt es zu einer örtlichen Vereisung. An der Kontaktstelle zwischen Ballon und Lungenvenen entsteht eine kreisförmige Narbe - das Gewebe wird vereist, damit werden die elektrischen Störimpulse quasi unterbunden. Das Flimmern hört damit auf.

Oft verschwinden die Beschwerden nicht bei der ersten Ablation – manche Patienten müssen den Eingriff mehrfach wiederholen lassen, um beschwerdefrei zu sein. Das Ziel ist, eine Herzschwäche durch permanentes Vorhofflimmern zu verhindern.

"Mit der Ablation können wir das Vorhofflimmern tatsächlich behandeln. Wir können es beseitigen mit Medikation, also mit anti-rhythmischen Mitteln können wir es ja nur unterdrücken. Viele der Anti-Rhythmika haben auch ein hohes Nebenwirkungspotenzial. Man muss das dauerhaft nehmen. Von daher ist die Datenlage heute so, dass man eine Ablation auch schon eher einsetzen kann, als man das noch vor 15 Jahren getan hat."

Prof. Dr. med. Wolfgang Alexander Leber, Direktor der Klinik für Kardiologie, Isar Klinikum, München

Clemens Schlich ist sehr zufrieden mit der Behandlung: Er ist seitdem beschwerdefrei und voll belastbar. Er hofft, dass sein Herz künftig im Takt bleibt.

Eine Lebensstiländerung hilft

Hilfreich ist es für viele Patienten, ihren Lebensstil zu überdenken und unter Umständen zu ändern. Eine ausgewogene, gesunde Ernährung, viel Bewegung, und eine Reduktion des Körpergewichts kann manchen helfen, Risikofaktoren zu minimieren. Alkohol, Nikotin und Stress können das Herz schädigen und das Risiko erhöhen, zu erkranken.


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