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Vor der dritten Welle? Impfen und Testen als Ausweg aus der Krise

Langsam beginnen diese Woche Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Deutschland. Intensivmediziner setzen auf die Impfungen, bleiben aber weiterhin nur vorsichtig optimistisch.

Von: Florian Heinhold

Stand: 09.03.2021

Im Landkreis Wunsiedel in Oberfranken herrscht eine der höchsten Inzidenzen in ganz Deutschland. Aber trotzdem tut sich etwas. In der Grundschule wird die Zeit der Notbetreuung genutzt, um Konzepte für die Zukunft zu erproben. Gurgeltests sollen bald wieder ein bisschen Alltag ermöglichen, damit Schule sicher ist, auch wenn das Virus noch kursiert.

"Wir haben immer gemerkt: Wenn etwas schwierig wird, können wir uns auf die Kinder verlassen, egal ob sie Masken tragen müssen, ob sie Infektionsschutzmaßnahmen mitmachen müssen. Das läuft einfach runder als mit Erwachsenen."

Roland Günther, Schulleiter, Jean-Paul-Grundschule Wunsiedel

Für den Wunsiedeler Landrat Peter Berek könnten Schnelltests bald ein Ausweg aus dem Lockdown sein. Indem ein negativer Schnelltest als Eintrittskarte in Bereiche des öffentlichen Lebens genutzt wird, die bisher bei steigenden Inzidenzen schließen mussten.

"Die Tests müssen am Ende verbunden sein mit einer Leistung, einer Eintrittskarte. Zum Beispiel in die Schulen, aber natürlich geht das auch für den Einzelhandel, das geht auch für Friseure, dass ich nur rein kann, wenn ich getestet bin."

Peter Berek, Landrat, Wunsiedel

Dieses Prinzip findet sich auch im Plan, den Kanzlerin und Länderchefs letzte Woche verabschiedet haben. Jeder soll einmal pro Woche einen Gratis-Schnelltest machen können und seit dem Wochenende sind auch Selbsttests im Handel erhältlich. Schon bei Inzidenzen zwischen 50 und 100 sollen in Zukunft bestimmte Freizeitangebote für negativ Getestete öffnen dürfen.

Oberstdorf: Eine WM mitten in der Pandemie

Testen im Gegenzug für mehr Normalität: Die nordische Ski-WM, vergangene Woche in Oberstdorf war fast schon eine Art Feldversuch. Eine WM darf mitten in der Pandemie stattfinden, begleitet von einem regelrechten Testmarathon.

"Wir machen hier bis zu 1900 Tests am Tag und versuchen so ein bisschen Normalität in die Großveranstaltung reinzubringen. Wir haben tatsächlich auch ein paar positiv Getestete herausziehen können, die dann auch sofort aus der Veranstaltung herausgenommen wurden."

Dr. med. Beatus Buchzik, Testzentrum nordische Ski WM, Oberstdorf

Bei den Massentests in zwei Zentren rund um die Sportanlagen galt für jeden, vom freiwilligen Helfer bis zum Olympiasieger: Nasenabstrich als Eintrittskarte. Und alles in allem lief die WM relativ glatt, trotz tausender Gäste aus aller Herren Länder und Mutationsgebiete.

"Wir bezeichnen so etwas als Bubble, also als Blase, in der sich diese Leute bewegen, die ständig kontrolliert sind, die immer wieder überprüft sind, wo wir immer wieder dran sind und aufpassen."

Dr. med. Bernd Fischer, Internist, stellv. Ärztlicher Leiter Nordische Ski WM, Oberstdorf

Ganz normal ist diese neue Normalität natürlich nicht. Statt Publikum gab es bei der WM Papp-Likum. Und auch im Ort herrschte dieses Jahr eine ganz spezielle WM-Stimmung, ohne Fans aus aller Welt, ohne volle Cafés und Restaurants, ohne Jubel an der Langlaufstrecke und im Skisprung-Stadium.

Nach wie vor angespannte Lage auf den Intensivstationen

Aber ist jetzt überhaupt schon der Moment, an Normalität zu denken? Ist die Lage nicht noch zu ernst? Auf den bayerischen Intensivstationen ist die Zahl der Coronafälle zuletzt zurückgegangen. Entspannung herrscht vielerorts trotzdem nicht, weil jetzt dringend notwendige Behandlungen, die wegen der zweiten Welle verschoben werden mussten, nachgeholt werden, erklärt Prof. Michael von Bergwelt im Gespräch mit Gesundheit.

"Wir holen Operationen nach, so dass wir hier immer noch sicherlich von einer Engpass-Situation ausgehen müssen. Ich selber bin Onkologe und behandele viele junge Patienten mit oft heilbaren Krebserkrankungen. Und wir kämpfen täglich um jedes Bett."

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Michael von Bergwelt, Infektiologe und Onkologe, Klinikum Großhadern, München

Jetzt drohen auch noch die Mutationen. Mittlerweile ist hier die Mehrheit der Coronapatienten mit einer der Mutanten infiziert. Oberärztin Dr. Stephanie Susanne Stecher nimmt uns mit zu einer 60-jährigen Frau, die mit Verdacht auf die britische Variante und schwerstem Verlauf, auf der Intensivstation liegt: "Die Patientin ist im schwersten Lungenversagen, sie ist seit drei Tagen an der Herz-Lungen-Maschine. Sie hat keine Vorerkrankungen, also eigentlich ist sie keine klassische Risikopatientin."

Mit dem Bronchoskop befreit Dr. Stecher die Atemwege von Sekret. Viele die hier an vorderster Front um das Leben ihrer Patienten kämpfen, verfolgen die aktuelle Lockerungsdebatte mit einem unguten Gefühl.

"Natürlich ist es so, dass man auch endlich wieder Freunde und Verwandte sehen will. Beruflich muss ich sagen, bin ich unglücklich, weil wir speziell im Intensivsetting glaube ich noch einmal so eine Welle, insbesondere, wenn sie stärker verlaufen wird, als die letzte, nicht wegstecken werden."

Dr. med. Stephanie Susanne Stecher, Intensivmedizinerin, Klinikum Großhadern, München

Für Prof. von Bergwelt ist klar: Es braucht jetzt eine langfristige Strategie, damit wir nicht ständig ohne Plan von Welle zu Welle stolpern.

"In der Seefahrt sagt man: Schau nicht nur auf die nächste Welle, schaue auf den Horizont. Und ich denke, das ist es, was wir auch in dieser Pandemie benötigen. Langfristige Strukturen, um die Lage zu kontrollieren."

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Michael von Bergwelt, Infektiologe und Onkologe, Klinikum Großhadern, München

Ein ganz wichtiger Teil einer solchen Langfrist-Strategie werden Impfungen sein. Da zeichnen sich langsam erste Fortschritte ab. Ab dem kommenden Monat sollen auch Hausärzte verstärkt impfen dürfen. Besonders betroffene Regionen bekommen extra Impfstoff. Tausend zusätzliche Dosen sind zum Beispiel für das Impfzentrum im Landkreis Tirschenreuth vorgesehen. Am Freitag kam die erste Lieferung in den bayerischen Dauer-Hotspot.

"Es ist wichtig, schnell zu impfen und damit schwere Erkrankungen zu verhindern. Das ist das größte Ziel", sagt Holger Schedl vom Bayerischen Roten Kreuz im Impfzentrum im Landkreis Tirschenreuth. Denn selbst wenn die Impfung das Coronavirus nicht komplett ausmerzen wird: Besonders schwere Verläufe und damit überfüllte Intensivstationen scheint sie auch bei den Mutanten zu verhindern. Es keimt Hoffnung im Hotspot auf, dass bald wirklich ein bisschen mehr Normalität möglich sein wird.


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