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Volkskrankheit Osteoporose Frühe Behandlung schützt vor Brüchen

Osteoporose: Bis zu 10 Millionen Menschen leben hierzulande damit, viele, ohne davon zu ahnen. Die Risiken sind Schmerzen, gefährliche Knochenbrüche und komplizierte Operationen! Experten schlagen Alarm, denn tausende Frakturen könnten jedes Jahr verhindert werden, wenn die Erkrankung rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Eine neue Leitlinie soll helfen, ab 2022 die Situation zu verbessern.

Von: Bernd Thomas

Stand: 13.09.2021

Knochenabbau, also Osteoporose, ist in Deutschland Volkskrankheit. Experten wie Prof. Reiner Bartl und Prof. Ralf Schmidmaier warnen: wird Osteoporose nicht frühzeitig erkannt, steigt das Risiko von Brüchen mit dem Alter stark an. Gesundheit, Selbständigkeit und Lebensqualität der Patienten sind dadurch stark gefährdet.   

"Wir gehen davon aus, dass etwa 75 Prozent aller Patienten, die behandelt werden müssten, nicht behandelt werden. Tausende von Frakturen könnten jedes Jahr verhindert werden."

- Prof. Dr. med. Ralf Schmidmaier, Osteologisches Schwerpunktzentrum OSZ, LMU Klinikum München

"Nicht einmal zehn Prozent der Patienten werden heute richtig diagnostiziert und bekommen ein effektives Medikament. Gerade bei einer immer älter werdenden Bevölkerung ist das ein Zustand, den sich ein Gesundheitssystem wie unseres auf Dauer nicht leisten kann. Vor allem, wenn man weiß, dass Osteoporose heute gut behandelbar, oft sogar heilbar ist."

- Prof. Dr. med. Reiner Bartl, Facharzt für Innere Medizin, Osteologie/Hämatologie, München

Osteoporose: Frauen und Männer sind betroffen

Besonders oft trifft es Frauen ab 50. Rund jede dritte entwickelt in ihrem Leben Osteoporose. Was aber viele nicht wissen: Durchschnittlich auch rund jeder fünfte Mann ist betroffen. Bei Männern beginnt die Osteoporose im Durchschnitt nur rund zehn Jahre später. Beispiel Rudolf Obermaier: Er begleitete vor Jahren seine Frau zu einer Knochenuntersuchung. Spontan ließ er sich dann ebenfalls testen. Das überraschende Ergebnis: Osteoporose!   

"Bei meiner Frau war alles in Ordnung, aber bei mir nicht. Es bestand der Verdacht, dass ich Osteoporose habe. Als Mann denkt man ja eher nicht daran, Betroffener zu sein. Ich bin auf jeden Fall sofort zum Arzt gegangen."

Rudolf Obermaier, Osteoporosepatient

Diagnose Osteoporose: weltweiter Standard DXA Messung

Aufbau eines jugendlichen und eines älteren Knochen in der grafischen Darstellung.

Zur Diagnose wird, nachdem bei Patienten Vorerkrankungen und andere Faktoren abgeklärt sind, die Knochendichte mit einer DXA Messung bestimmt. Dabei werden speziell Lendenwirbel- und Hüftbereich mit Hilfe eines Röntgenstrahls untersucht. Die Strahlenbelastung ist sehr gering, sogar deutlich geringer, als bei einem herkömmlichen Röntgenbild. Das Verfahren ist durch internationale Studien validiert. Die Knochendichtemessung dient vor allem der Abschätzung des Frakturrisikos. Aus den Aufnahmen wird die Abweichung der Knochendichte zu einem jungen Erwachsenen berechnet, der so genannte T-Score, jeweils für Wirbelsäule und Hüfte. Ist der T-Score kleiner als -2,5 bedeutet das: Osteoporose.

"Wir verwenden die DXA Knochendichte Methode schon seit Jahrzehnten, sie ist weltweit der Goldstandard. Sie ist einfach, extrem strahlenarm, misst genau und ist vor allem preiswert. Sie misst vor allem die zwei wichtigsten Skelettareale. Das sind die Lendenwirbelsäule und die Hüfte."

Prof. Dr. med. Reiner Bartl, Facharzt für Innere Medizin, Osteologie/Hämatologie, München

Osteoporose: Steigendes Risiko mit zunehmendem Alter

Rudolf Obermaier konnte aufgrund der Diagnose behandelt werden, bevor er sich etwas brach. Er hatte eine schwere Osteoporose im Bereich der Wirbelsäule. Heute, nach ungefähr zehn Jahren, ist die Knochendichte seiner Wirbelsäule nicht mehr im gefährdeten Bereich.

Wie kommt es zum Knochenabbau?

Unsere Knochen sind ein stabiles Leichtbauwunder und vor allem ein lebendes Organ. An rund einer Million Stellen im Körper werden Knochenstrukturfen laufend ab- und aufgebaut. Und zwar von speziellen Zellen, so genannten Osteoklasten und Osteoplasten. Mehrmals im Leben bekommt jeder auf diese Weise neue Knochen. Allerdings geraten Ab- und Aufbau manchmal aus dem Gleichgewicht. Dadurch wird mehr Knochenstruktur ab-  statt aufgebaut. So können Knochen leichter brechen.

Wichtig für die Risikoeinschätzung möglicher Brüche ist der Zusammenhang zwischen T-Score und Alter der Patienten. Denn bei gleichem T-Score steigt das Risiko für einen Bruch mit zunehmendem Alter stark an.

"Eine 50-jährige Frau hat bei einem T-Score von minus drei eine ziemlich niedrige Frakturwahrscheinlichkeit, während eine 80-jährige Frau mit dem identischen Messwert eine sehr hohe Bruchgefahr hat."

Prof. Dr. med. Ralf Schmidmaier, Osteologisches Schwerpunktzentrum OSZ, LMU Klinikum München

Osteoporose: Früherkennung entscheidend

Effektive Behandlung ist bei Früherkennung des Knochenschwunds möglich.

Um gefährliche Brüche zu verhindern, ist es deshalb wichtig, Osteoporose so früh wie möglich zu erkennen. Denn je früher erkannt, desto effektiver kann sie behandelt werden. Meist beginnt es mit Brüchen in jüngerem Alter. Bei der sportlichen, sechzigjährigen Bernadette Betzler wird nach einem Mittelfußbruch die Knochendichte mit der DXA Messung bestimmt. In ihrem Alter normal wären Werte um die minus zwei. Allerdings sind ihre Werte schon jetzt deutlich niedriger. Die Folge: Sie braucht dringend eine medikamentöse Therapie. Prof. Ralf Schmidmaier rät, die Knochen aktiv zu behandeln und wieder aufzubauen.

Osteoporose: wirksame Medikamente auch für den Knochenaufbau

Für Osteoporose gibt es heute effektive Medikamente. Die meisten basieren auf der Hemmung des Knochenabbaus. Grundsätzlich ist es einfacher, Knochenabbau zu stoppen als Knochen wiederaufzubauen. Aber es gibt auch Wirkstoffe, die den Knochenaufbau anregen und sogar welche, die beides können, Knochenabbau hemmen und Knochenaufbau anregen. 

"In erster Linie werden vor allem antiresorptive Medikamente verschrieben. Das sind moderne, intravenöse Bisphosphonate oder ein Antikörper mit Namen Denosumab. Und bei schwerer Osteoporose setzen wir heute schon osteo-anabole Medikamente ein, die den Knochen wieder aufbauen. Und ganz neu ist ein Antikörper, der sowohl den Knochenabbau senkt wie auch den Knochen wieder aufbaut. Das bedeutet heute für manchen eine Heilung."

Prof. Dr. med. Reiner Bartl, Facharzt für Innere Medizin, Osteologie/Hämatologie, München

Osteoporose: Neue Leitlinie ab 2022

Um die Situation insgesamt zu verbessern, sind in der neuen Leitlinie, die 2022 gelten soll, neue Onlinetools und ein Desease Management Programm vorgesehen. Damit sollen Patienten und Patientinnen begleitet und vor allem auch Hausärzte effektiver in die Behandlung eingebunden werden. Für Prof. Ralf Schmidmaier, der die Leitlinie mit entwickelt hat, einer der entscheidenden Faktoren.

"Osteoporose ist eine Volkskrankheit. Die Behandlung muss vor Ort geregelt, von Hausärzten betreut werden. Das muss nicht an Universitätszentren stattfinden. Und deshalb ist das breite Ausrollen einer hochwertigen Osteoporose-Therapie in der Fläche einer der wesentlichen Punkte, die die zukünftige Versorgung der Osteoporose verbessern wird."

Prof. Dr. med. Ralf Schmidmaier, Osteologisches Schwerpunktzentrum OSZ, LMU Klinikum München

Außerdem sollen in Zukunft speziell ausgebildete Fachkräfte, sogenannte Fracture Liason Services, die Behandlung der Patienten nach Brüchen umfassend koordinieren.

Osteoporose: Einschränkung der Lebensqualität

Warum die Früherkennung und die richtige Behandlung so wichtig sind, musste Hans Peter Glaser erleben. Der 84-jährige ehemalige Apotheker war immer schon begeisterter Sportler. Doch schon als junger Mann erlitt er gefährliche Wirbelbrüche. Aber erst Jahre später, nach weiteren Wirbelbrüchen, wurde Osteoporose bei ihm diagnostiziert. Seit Jahrzehnten lebt er mit Schmerzen und Einschränkungen. Erst seitdem er Medikamente bekommt, ist sein Zustand stabil. Sein Sportprogramm hilft ihm dabei zusätzlich.

"Vor zehn Jahren ist es mir wesentlich schlechter gegangen als heute. Zusätzlich zu den Medikamenten mache ich regelmäßig Ausdauersport, fahre täglich Fahrrad und gehe auch ins Krafttraining. Ich habe mir mein eigenes Programm zusammengestellt."

Hans Peter Glaser, Osteoporose-Patient

Osteoporose: Muskeln schützen

Peter Glaser trainiert regelmäßig Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit und Muskeln. Das schützt erwiesenermaßen gerade bei älteren Menschen effektiv vor möglichen Brüchen, kann aber bei ihm die medikamentöse Behandlung nicht ersetzen. 

"Die Osteoporose ist heute gut behandelbar und im frühen Stadium, wenn also noch keine Frakturen vorliegen, auch umkehrbar und sogar auch heilbar. Das muss man wissen."

Prof. Dr. med. Reiner Bartl, Facharzt für Innere Medizin, Osteologie/Hämatologie, München

Auch Rudolf Obermaier bekommt für seine Hüfte Medikamente. So genannte Biphosphonate. Eine Infusion reicht für ein Jahr. Er hat gute Aussichten, dass auch das bald nicht mehr notwendig sein wird. Rudolf Obermaiers Apell lautet deshalb:

"Ihr Männer glaubt nicht, dass wir aus dieser Nummer raus sind. Lasst euch checken, lasst euch behandeln. Dann seid ihr auf der sicheren Seite."

Rudolf Obermaier, Osteoporosepatient


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