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Gedächtnistraining Vergesslichkeit – was tun?

Vergessen kann manchmal hilfreich sein, Vergesslichkeit nicht. Es ist einfach ärgerlich, wenn man die Einkaufsliste vergessen hat und sich nur noch an die Hälfte der Einkäufe erinnert. Doch das Gedächtnis lässt sich trainieren.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 28.09.2020

Schon in jungen Jahren setzen sie ein: Gedächtnislücken. Selbst Schulkinder sind vergesslich. Doch wir können unsere Merkfähigkeit trainieren, damit sie bis ins hohe Alter erhalten bleibt.

Gedächtnis in jedem Alter trainieren

Als Neurologe beschäftigt sich Prof. Stefan Lorenzl damit, wie man die Gedächtnisleistung möglichst ein Leben lang aufrechterhalten kann.

"Vergessen kommt bei jedem Menschen vor, in jedem Lebensalter. Unser Gehirn muss immer wieder Neues lernen. Dazu kann man Altes auch mal wieder aus dem Speicher rausräumen. Von daher ist es ein natürlicher Vorgang. Im Alter nimmt das natürlich zu, aber dagegen kann man etwas tun."

Prof. Dr. med. Stefan Lorenzl, Facharzt für Neurologie, Krankenhaus Agatharied

"Es ist nicht so, dass man im Alter anders lernt als in jungen Jahren. Nur die Verarbeitungsgeschwindigkeit nimmt ab. Deshalb trainieren wir vor allem die Denkflexibilität und die Wortfindung."

Petra Glauber, Gedächtnistrainerin, Bundesverband Gedächtnistraining e.V.

Natürlich ist es wichtig, geistig rege zu bleiben. Aber Lernen ist nicht gleich Lernen. Wer sein Gedächtnis trainieren will, sollte ein paar Aspekte berücksichtigen, die die Merkfähigkeit nachweislich günstig beeinflussen.

Lernen sollte Spaß machen

Wer sein Leben lang kein Faible für Fremdsprachen entwickeln konnte, sollte sich nicht unbedingt im Italienischkurs anmelden. Gleiches gilt für musische Neigungen. Es ist zwar nie zu spät, Singen oder ein Instrument spielen zu lernen. Aber die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass man Lust darauf hat. Ist dem nicht so, sollte man sich etwas anderes suchen.

Grundsätzlich gilt: Lernen sollte Spaß machen. Lernt man hingegen widerwillig, sind Frustrationen vorprogrammiert und der Erfolg bleibt auf der Strecke.

"Was angenehm ist, woran man Freude hat, das kann man leichter behalten. Das gilt für sportliche Betätigungen genauso wie für geistige Bereiche. Bei emotional positiven Erlebnissen werden verschiedene Botenstoffe ausgeschüttet, die wiederum die emotionale Möglichkeit und Bereitschaft des Gehirns erhöhen, die Lerninhalte zu speichern. Darüber hinaus gibt es Gehirnareale wie das Kerngebiet der Amygdala, die sehr stark mit Freude und Emotionen assoziiert sind, was bei der Gedächtnisspeicherung eine große Rolle spielt. Wenn solche Areale beim Lernen aktiviert werden, können wir das Gelernte leichter behalten."

Prof. Dr. med. Stefan Lorenzl, Facharzt für Neurologie, Krankenhaus Agatharied

Lernen: Viele Sinne involvieren

Man muss nicht nach den Sternen greifen, wenn man etwas für seine Gedächtnisleistung tun will. Wer beispielsweise erst im Alter seine Leidenschaft fürs Kochen entdeckt, lernt zweifelsohne - und zwar mit Freude und Genuss.

Kochen ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Tätigkeit. Die Zubereitungs- und vor allem die Garzeiten wollen auf die Minute genau koordiniert sein, wenn alles gleichzeitig und vor allem warm serviert werden soll. Je mehr Gänge man einplant, desto größer ist die Herausforderung fürs Gehirn. Indem man neue Gerichte ausprobiert mit Zutaten, die man nicht kennt und deren Konsistenz und Aromen mit neuen Sinneseindrücken einhergehen, regt man auch die Neubildung von Synapsen an, die wiederum für Gedächtnisleistungen unerlässlich sind.

"Immer wenn wir unsere Gedächtnisinhalte mit emotionalen Sinneswahrnehmungen kombinieren, also mit Bildern, Gerüchen, Tasteindrücken oder beim Essen auch mit Kau- und Geschmackseindrücken, bleiben sie länger im Gedächtnis haften. Und wir lernen schneller. Synapsen wiederum sind wichtig, um die Gedächtnisinhalte von Nervenzelle zu Nervenzelle oder auch von Hirnregion zu Hirnregion zu transportieren und sie zu speichern. Beim Lernen – und das gilt auch für das Kochen und selbst fürs Garteln oder Handwerken, sofern man etwas Neues, möglichst Kniffliges ausprobiert – werden die Synapsen gefestigt. Aber es werden auch neue Synapsen gebildet. Wir wissen mittlerweile aus Studien, dass die Neubildung von Synapsen bis ins hohe Alter möglich ist."

Prof. Dr. med. Stefan Lorenzl, Facharzt für Neurologie, Krankenhaus Agatharied

In guter Gesellschaft lernt es sich besser

Daher ist es nie zu spät, sein Gehirn zu trainieren mit Dingen, die Freude machen. Und das am besten zusammen mit Menschen, die man mag und in deren Gesellschaft man sich wohl fühlt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und kann ohne die Gesellschaft anderer nicht existieren. Wir lernen nicht nur voneinander, wir lernen auch besser miteinander, weil wir uns gegenseitig motivieren, weil die Gemeinschaft unseren Ehrgeiz anstachelt, weil wir Feedback bekommen und weil wir uns mitteilen können. Denn Kommunikation ist ein elementarer Aspekt des Lernens und damit der Gedächtnisaktivierung.

"Wir Menschen speichern ja viele unserer Gedächtnisinhalte auch in Sprache ab. Deswegen festigt die Kommunikation, wenn man sich mit anderen über das Gelernte austauscht, auch die Gedächtnisinhalte im eigenen Gehirn."

Prof. Dr. med. Stefan Lorenzl, Facharzt für Neurologie, Krankenhaus Agatharied


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