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Krebstherapie Der Kampf gegen Krebs

Krebs soll in zehn bis 20 Jahren besiegt sein, das hat Gesundheitsminister Jens Spahn in der vergangenen Woche gesagt. Was ist dran – was sagen Krebsforscher und Ärzte dazu? Und vor allem: Wie leben Patienten heute mit der Krankheit? Eine Bestandsaufnahme.

Von: Monika Hippold

Stand: 11.02.2019

Am liebsten verbringt Janine Zeit mit ihrer Familie: ihrem Mann, ihren drei Töchtern und Hund Timmy. Doch lange kann sie im Moment nicht mit ihnen herumtoben, sie fühlt sich schnell müde. Im Januar hat sie die Diagnose bekommen: Der Brustkrebs ist zurück. 

"Seit die Ärzte angedeutet haben, dass es das sein könnte, habe ich mir über Weihnachten und Sylvester schon entsprechende Gedanken gemacht, die in Richtung erneute Krebserkrankung gehen könnten. Aber totzdem war es natürlich ein Schock."

Janine

Lymphdrüsenkrebs mit 17 Jahren

Über 20 Jahre kämpft Janine schon gegen den Krebs. Die erste Diagnose bekam sie sehr früh, mit 17. Damals war es ein Hodgkin-Lymphom, Lymphdrüsenkrebs. Es folgten Chemotherapie und Bestrahlung, dann ein unerwarteter Rückfall. Sie bekam die Hochdosis Chemotherapie und eine Blutstammzelltransplantation. Sechs Wochen lag sie auf der Isolierstation im Krankenhaus. Die Therapie dauerte insgesamt rund zwei Jahre.

"Die Folge der Hochdosis war, dass ich körperlich extrem erschöpft war. Ich wurde gerade 19 und musste mich nach jeder größeren Aktion ausruhen. Ich habe auch irgendwann mal in mein Tagebuch geschrieben, dass es so frustrierend ist, dass ich frühstücke und danach so erschöpft bin, dass ich mich wieder hinlegen muss. Dass alles so viel Kraft kostet und ich mich ständig selber wieder anpeitschen muss, um irgendwie ein normales Leben führen zu können."

Janine

Diagnose: Brustkrebs

Lange kämpfte sie auch mit den Folgen der Chemotherapie, hatte mehrere Herzstillstände. Vor fünf Jahren fanden Ärzte bei ihr schließlich ein Mammakarzinom, Brustkrebs. Nach der Behandlung ging es ihr erst einmal gut.

"Fünf Jahre war jetzt wirklich meine Gesundheit sehr stabil. Seit der ersten Brustkrebsdiagnose war es körperlich eine sehr gute, fitte Zeit - wie lange nicht mehr. Deswegen kam die Diagnose jetzt auch ein bisschen unerwartet."

Janine

Zuhören. Begleiten. Helfen.

Die Bayerische Krebsgesellschaft berät Menschen mit Krebs und deren Angehörige und bietet Betroffenen viele weitere Informationsangebote sowie Selbsthilfegruppen:

Kann Krebs besiegt werden?

Krebs besiegen: Was ist der aktuelle Stand der Krebsforschung?

Wie Janine erkranken knapp 500.000 Menschen pro Jahr in Deutschland an Krebs. Die häufigsten Arten sind Prostata-, Brust-, Lungen-, und Darmkrebs. Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Und: Die Zahl der Neuerkrankungen steigt. Ein Grund dafür ist die immer älter werdende Bevölkerung. Gibt es Hoffnung, Krebs irgendwann besiegen zu können? Gesundheitsminister Jens Spahn hält die Wahrscheinlichkeit für groß, dass das in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren gelingt und hat damit eine Diskussion entfacht. Denn Wissenschaftler und Ärzte sind mit solch einer Prognose sehr viel vorsichtiger.

Krebsforschung: neue Therapien

Aber was genau ist Stand der Forschung? Prof. Philipp Jost ist Oberarzt und leitet das Zentrum für Präzisions-Onkologie an der TU München.

"Es sind in den letzten Jahren einige vielversprechende Therapieformen dazu gekommen. Die Immunonkologie ist ein Paradebeispiel dafür, also die Aktivierung des eigenen Immunsystems gegen den Tumor. Die molekular zielgerichteten Therapieoptionen sind ein zweiter, sehr positiver Aspekt. Ein dritter Bereich sind die zellulären Therapien, also die Verwendung von körpereigenen Abwehrzellen, die wir gegen den Tumor aktivieren."

Prof. Dr. med. Philipp Jost, Oberarzt, Hämatologe und Onkologe, Leiter des Zentrums für Präszisionsonkologie, Comprehensive Cancer Center, TU München

Die molekular zielgerichtete Tumortherapie

Neue Therapieformen wie die molekulare Tumortherapie werden auch bei Brustkrebs eingesetzt.

Die molekulare Tumortherapie wird bereits seit über zehn Jahren angewendet – bei Lungen-, Brust-, Haut-, Darm-, und Blutkrebs. Sie gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Im Moment arbeiten Ärzte und Molekular-Pathologen daran, die Therapie auch bei Patienten mit selteneren Erkrankungen einzusetzen. Sie hoffen so, zum Beispiel Patienten mit Weichgewebs- oder Knochentumorerkrankungen besser helfen zu können. Bisher sind hier die Therapiemöglichkeiten begrenzt. Für die Therapie entnehmen sie den Patienten Tumorgewebe und untersuchen es in spezialisierten Labors auf Genveränderungen und Mutationen.

Personalisierte Krebstherapie mit weniger Nebenwirkungen

Dr. Kristina Riedmann analysiert die Ergebnisse aus dem Labor und vergleicht sie mit Einträgen in medizinischen Datenbanken.

"Das Hauptziel ist eine personalisierte Krebstherapie, die auf den individuellen Patienten maßschneidert ist mit dem Ziel eines maximalen Therapieansprechens bei möglichst geringer Belastung für den Patienten. Die klassischen Chemotherapeutika, die wir seit Jahrzehnten kennen, greifen meist in den Zellteilungsprozess ein. Sie können sich daher auch auf andere gesunde, sich schnell teilende Zellen im Körper auswirken. Dies kann zum Beispiel eine Störung der Blutbildung, eine Entzündung der Schleimhäute oder Haarverlust zur Folge haben. Das sind Nebenwirkungen, die wir durch eine zielgerichtete Therapie vermeiden möchten."

Dr. med. Kristina Riedmann, Onkologin und Hämatologin, Assistenzärztin der III. Medizinischen Klinik, Klinikum rechts der Isar, TU München

Lebenserwartung für viele Patienten gestiegen

Dass Krebs geheilt werden kann, diese Prognose möchte Prof. Philipp Jost nicht abgeben. Aber: Die Lebenserwartung ist für viele Krebs-Patienten in den letzten Jahren gestiegen.

"Das Paradebeispiel ist sicherlich die chronische Leukämie, bei der Veränderungen im Erbgut identifiziert wurden, die letztlich sehr gut zielgerichtet angreifbar sind. Die Therapie führt heute zu einer dramatischen Verbesserung der Ansprech- und Überlebensraten der Patienten. Neue Therapieoptionen, die vor einigen Jahren noch undenkbar waren, setzen wir jetzt klinisch jeden Tag ein. Aber wir haben auch weiterhin viele Patienten, die bei uns auf Station liegen, die wir nicht ausreichend gut behandeln können. Sie bringen uns immer wieder in die Realität zurück."

Prof. Dr. med. Philipp Jost, Oberarzt, Hämatologe und Onkologe, Leiter des Zentrums für Präszisionsonkologie, Comprehensive Cancer Center, TU München

Prävention gegen Krebs?                                                                                                     

Sinnvolle Prävention: Verzicht auf Rauchen, mehr Bewegung, ballaststoffreiche Ernährung sind wirksame Maßnahmen bei der Krebsprävention.

Beispiel Lungenkrebs: Daran starben 2016 in Deutschland über 45.000 Menschen. Viele Krebs-Neuerkrankungen könnten durch Prävention allerdings vermieden werden, laut Studien rund 40 Prozent. Als Maßnahmen zur Prävention gelten: Verzicht auf Rauchen und Alkohol, mehr Bewegung, eine ballaststoffreiche Ernährung und der Schutz der Haut vor UV-Strahlen.

"Prävention ist ein wichtiger Punkt. Gleichzeitig gibt es aber immer auch einen Aspekt von schicksalhafter Erkrankung. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Tumor ein individueller Fall ist und nicht jedes Mal Lebensumstände oder Verhaltensweisen der Vergangenheit zu dieser Tumorerkrankung geführt haben."

Prof. Dr. med. Philipp Jost, Oberarzt, Hämatologe und Onkologe, Leiter des Zentrums für Präszisionsonkologie, Comprehensive Cancer Center, TU München                              

Patientenberater Kristjan Diehl warnt davor, Patienten wegen mangelnder Prävention die Schuld an ihrer Krankheit zu geben.

"Es ist nicht entscheidend, ob jemand schuld an einer Erkrankung ist oder nicht. Sondern, wenn er sie hat, sind wir dazu aufgerufen, ihm behilflich zu sein, Hilfestellungen zu geben und ihm und seinen Angehörigen einen guten Weg aufzuzeigen."

Kristjan Diehl, Patientenberater, Deutsche Stiftung Patientenschutz, München

Nationale Dekade gegen Krebs

Investitionen in die Krebsforschung: Bringen sie den Durchbruch?

Die Krebsforschung vorantreiben und damit Menschen bessere Überlebenschancen zu ermöglichen, dafür hat das Forschungsministerium jetzt die „Nationale Dekade gegen Krebs“ ausgerufen. Ziel ist es, die Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapien zu verbessern. Für große klinische Studien hat das Ministerium in einem ersten Schritt 62 Millionen Euro für die nächsten zehn Jahre bereitgestellt. Weitere Initiativen sollen folgen.

"Diese Tumore sind komplexe Erkrankungen mit einer hohen Plastizität. Das heißt, sie haben die Fähigkeit, sich an Umweltbedingungen leicht anzupassen. Wir müssen sicherlich in den nächsten Jahren die Forschungsförderung steigern, um dem gerecht zu werden."

Prof. Dr. med. Philipp Jost, Oberarzt, Hämatologe und Onkologe, Leiter des Zentrums für Präszisionsonkologie, Comprehensive Cancer Center, TU München

Palliative Versorgung verbessern

In den vergangenen zehn Jahren hat das Ministerium insgesamt über 2,2 Milliarden Euro in die Krebsforschung investiert. Kristjan Diehl appelliert daran, auch die palliative Versorgung der Patienten zu verbessern:

"Es geht nicht nur darum, in die Heilung zu investieren, sondern auch in die Begleitung der Menschen, in deren palliative Versorgung. Die Vorstellung von Alternativen und das ehrliche Abwägen der Möglichkeiten ist noch unterbeachtet und nimmt dem Patienten viele Chancen, die wir in Zukunft noch mehr in den Blick nehmen müssen."

Kristjan Diehl, Patientenberater, Deutsche Stiftung Patientenschutz, München

Lebenszeit gewinnen

Janine ist heute 39 Jahre alt. Sie ist krankgeschrieben und erholt sich bei ihrer Familie zu Hause. Rezidivierender Brustkrebs gilt als chronische Krankheit und damit als nicht heilbar. Sie nimmt im Moment Tabletten dagegen.

"Das ist praktisch, weil ich nicht ständig in die Klinik muss. Bisher läuft alles ganz gut und ich fühle mich ganz gut. Darauf setze ich jetzt viele Hoffnungen, dass mir dieses Medikament einige Jahre schenkt. Ich hoffe, dass ich mit dem Krebs noch eine ganze Weile leben kann. Und das wäre auch schon viel. Noch Lebenszeit rausschlagen, das ist das Ziel."

Janine

Sie wünscht sich, noch viele weitere schöne Tage mit ihrer Familie zu verbringen, gemeinsam besondere Erinnerungen zu schaffen und vielleicht auch irgendwann ihre Enkelkinder auf dem Arm zu halten.

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