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Übermäßiges Schwitzen Das Phänomen Hyperhidrose

Bei Hitze oder in Stresssituationen laufen unsere Schweißdrüsen auf Hochtouren. Doch bei etwa einer Million Menschen in Deutschland ist diese Funktion außer Kontrolle – sie leiden unter Hyperhidrose. Das übermäßige Schwitzen betrifft dabei unterschiedliche Regionen des Körpers wie Hände, Füße, Rücken oder Achseln. Ebenso unterschiedlich sind die Behandlungsmethoden.

Von: Jan Degner

Stand: 25.03.2019

Schwitzen ist eine äußerst wichtige Körperfunktion. Verdunstet Schweiß, kühlt er die Haut ab und schützt uns so vor Überhitzung. Durch Nahrungsmittel und Medikamente aufgenommene Schadstoffe werden zudem über den Schweiß ausgeschieden. Dennoch kann diese Funktion außer Kontrolle geraten.

"Hyperhidrose ist eine massive Störung der Steuerung des Schwitzens – eigentlich ein neurologisches Problem. Es tritt familiär gehäuft auf und beeinträchtigt sehr massiv alle Betroffenen."

PD Dr. Christoph Schick, Deutsches Hyperhidrose Zentrum, München

Leben mit Hyperhidrose

Deos, Anti-Transpirantien, heiß-kalte Duschen oder Achselpads: Julia Leitschuh hat diverse Mittel ausprobiert, die nervigen Schweißflecken unter ihren Armen zu beseitigen. Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr leidet die junge Frau an der Hyperhidrosis-axillaris.

"Es ist eine ständige Schweißtropfenbildung. Ich will gar nicht wissen, wie viele Liter ich da im Laufe der Zeit verliere. Ich trinke auch sehr viel, weil ich sehr viel Flüssigkeit verliere."

Julia Leitschuh

Besonders auffällig sind die großen Schweißflecken auf grauer oder heller Kleidung. Dementsprechend schwierig ist es für Julia, diese im Arbeits- und im Privatleben zu verbergen. Oft nimmt sie daher Oberteile zum Wechseln mit auf Arbeit, zum Besuch von Freunde oder wenn sie abends etwas trinken geht.

"Es nervt natürlich, sich alle 20 Minuten umzuziehen. Das ist ein psychischer Stress, wenn du die ganze Zeit zum Kleiderschrank rennst und wieder was rausholst. Das ist natürlich auch immer ein Haufen Wäsche, der anfällt. Alle anderen ziehen sich morgens die T-Shirts an und abends wieder aus. Und ich habe meine T-Shirts vielleicht 20 bis 30 Minuten an."

Julia Leitschuh

Wenn Hände und Füße zu stark schwitzen

Die gleiche Krankheit, aber an anderen Körperstellen, hat Stephanie Reinisch. Bei ihr sind es die Hände und Füße, die unaufhörlich schwitzen und vor allem ihr Privatleben beeinträchtigen.

"Zum Beispiel in einer Partnerschaft beim Händchen halten oder streicheln ist es sehr unangenehm, weil es einem selbst unangenehm ist, wenn man die ganze Zeit schwitzt. Und man bekommt auch nicht unbedingt positive Rückmeldungen. Man merkt dann schon, wenn man jemandem die Hand gibt, dass der sich schon so ein bisschen ekelt."

Stephanie Reinisch

Die Hyperhidrose selbst lässt sich nur schwer mit Standarduntersuchungen diagnostizieren. Sie hängt vielmehr von der persönlichen Betroffenheit und dem individuellen Leidensdruck ab.

"Hyperhidrose bezeichnet praktisch ein Übermaß, das der Patient besonders empfindet und das für ihn eine Störung in den Aktivitäten des alltäglichen Lebens ist."

PD Dr. med. Christoph Schick, Deutsches Hyperhidrose Zentrum München

Zu starkes Schwitzen: Welche Therapien können helfen?  

Neben einem Deo für die Hände, hat Stephanie ein Elektro-Wasserbad, die sogenannte Iontophorese, zur Behandlung ihrer übermäßig schwitzenden Hände und Füße eingesetzt. Mittels Stromfluss werden die Schweißdrüsen überreizt. Dies lässt die Drüsen abstumpfen und die Steuerungsbefehle der Nerven werden nicht mehr umgesetzt. Bei einer täglichen Behandlungszeit von 15 bis 30 Minuten wirkt diese Therapieform bei rund 70 % der Betroffenen.

"Wie glücklich die Patienten damit werden, hängt davon ab, ob ich sehr oft behandeln muss oder ob ich mit vielleicht ein bis zwei Behandlungen in der Woche mein Ziel erreiche. Dann ist man sicherlich glücklich. Das dürfte für etwa ein Drittel bis die Hälfte der Betroffenen zutreffen. Die übrigen müssen das viel häufiger machen."

Dr. med. Christoph Schick, Deutsches Hyperhidrose Zentrum, München

Bei Stephanie Reinisch hat die Iontophorese geholfen, wenn auch nicht langfristig.

"Das mit dem Wasserbad hat relativ gut funktioniert. Es ist zeitaufwändig, aber auf Dauer geht das Schwitzen natürlich nicht weg. Dann habe ich nachgeforscht, was es für andere Methoden gibt."

Stephanie Reinisch

Übermäßiges Schwitzen: Was bringt eine OP?

Dabei stieß sie 2014 auf die Methode der Sympathikusblockade. Hierbei wird der Sympathikus-Nerv, der für das Schwitzen verantwortlich ist, abgeklemmt. In manchen Fällen kommt es nach dieser Operation zum kompensatorischen Schwitzen. Der Körper sucht sich sozusagen eine andere Möglichkeit zu schwitzen, indem das Signal auf andere Schweißdrüsen umgeleitet wird.

Nach dem Eingriff kam es auch bei Stephanie Reinisch zu dieser Reizumleitung. Obwohl die Zeiten von feuchten Händen vorüber sind, schwitzt sie mittlerweile mehr an Brust und Rücken. Für Stephanie allerdings kein großes Problem, denn die neue Lebensqualität überwiegt.

"Wenn ich jemandem die Hand gebe, mache ich mir jetzt überhaupt keine Gedanken mehr darüber, ob ich schwitze, ob ich mir die Hände abtrocknen oder an der Hose abwischen muss. Ich habe keine Panik mehr."

Stephanie Reinisch

Um auch das übermäßige Schwitzen an ihren Füßen loszuwerden, möchte Stephanie noch eine zweite OP durchführen lassen.

Mit Botox gegen Schweißdrüsen

Auch Julia Leitschuh will ihren schweißnassen Achseln den Kampf ansagen. Eine Methode, die Hyperhidrosis-axillaris anzugehen, ist die Behandlung mit dem Nervengift Botolinumtoxin. Die Wirkung ist jedoch nicht von Dauer.

"Das Botolinumtoxin vermag für eine gewisse Zeit den Impuls vom Nerv zur Schweißdrüse zu unterbrechen. Das heißt, man spritzt das Botolinumtoxin ganz oberflächlich in die Haut, dass der Patient nicht mehr schwitzt. Es hält ungefähr vier bis sechs Monate an. Der Vorteil ist, dass man mit wenig Aufwand eine sehr große Wirkung hat."

Dr. med. Marion Moers-Carpi, Fachärztin für Dermatologie und ästhetische Medizin

Thermotherapie: Schweißdrüsen dauerhaft ausschalten?

Julia Leitschuh hat diese Methode nur einmal gewählt. Für sie waren die Kosten von rund 700 Euro, die alle halbe Jahre anfallen, zu hoch. Somit hat sie nach einer dauerhafteren Behandlung Ausschau gehalten und für sich die Thermotherapie gewählt. Hier werden die Schweißdrüsen mit Mikrowellen auf 60 Grad Celsius erhitzt.

"Die Thermotherapie ist eine sehr innovative Technik und auch effektiv. Man stellt sich vor, dass man die Schweißdrüsen mittels Hitze zugrunde richtet. Die Haut wird quasi angesaugt, sodass die Schweißdrüsen höher kommen und die Hitze in die Schweißdrüsen appliziert wird. Gleichzeitig wird die oberste Haut gekühlt, damit es zu keiner Verbrennung kommt. Das Verfahren ist jedoch ein bisschen aufwändiger, da die Achsel komplett betäubt werden muss."

Dr. med. Marion Moers-Carpi, Fachärztin für Dermatologie und ästhetische Medizin

Julia nimmt diesen Aufwand gerne in Kauf, um endlich unbeschwerte Abende erleben zu können.

"Wenn die Behandlung gelaufen ist und ich dann mit einem grauen T-Shirt mit meinen Freunden zusammensitzen kann, ohne danach verschwitzt auszusehen: Das wäre toll, darauf würde ich mich sehr freuen. Wenn das klappt, wäre das ein riesiger Stein, der mir da vom Herzen fällt."

Julia Leitschuh

Bislang ist die Thermotherapie kaum verbreitet und wird nur von wenigen Ärzten angeboten. Dementsprechend erstatten die Krankenkassen die Kosten für diese Behandlung nicht. So muss Julia die 1.300 Euro selbst bezahlen.

So unterschiedlich die Ausprägung der Hyperhidrose ausfällt, so individuell ist auch ihre Behandlung. Ob Anwendungen von Cremes und Deos genügen oder Eingriffe mit Botolinumtoxin, Mikrowellen oder eine Sympathikusblockade notwendig sind, hängt nicht nur vom Geldbeutel ab, sondern vielmehr vom persönlichen Leidensdruck der Betroffenen. In jedem Fall ist es wichtig, sich nicht zu verstecken, offen damit umzugehen und sich bei Bedarf beraten zu lassen.


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