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Impfpflicht, Masern Masernschutz per Gesetz

Ab März 2020 wird in Deutschland eine Impfpflicht gelten. Das Ziel: Das Masernvirus ausrotten. Für wen gilt die Regelung? Und sollte man wirklich zum Impfen zwingen?

Von: Veronika Keller

Stand: 02.12.2019

Die kleine Hira muss heute tapfer sein: Sie wird bald ein Jahr alt und bekommt gleich die erste von zwei nötigen Masernimpfungen. Ihrer Mutter ist der Schutz sehr wichtig.

"Das beruhigt mich als Mutter. Ich habe es bei meinen anderen Kindern auch machen lassen, und es ist immer gut gegangen."

Kevser Dalgin, Mutter

Impfung: vorher wird untersucht

Sollen Kinder gegen Masern geimpft werden?

Kinderärztin Dr. Brigitte Dietz untersucht die kleine Patientin, bevor sie die Spritze gibt. Denn nur wer gesund ist, kann geimpft werden. Dann klärt sie Hiras Mutter über die Nebenwirkungen auf. Hohes Fieber, Müdigkeit und Gliederschmerzen können vorkommen, in seltenen Fällen auch die so genannten Impfmasern, eine abgeschwächte Form der Masernerkrankung, die harmlos ist und schnell abklingt. Schwere Komplikationen wie eine Gehirnentzündung bekommt einer von einer Million Impflingen. Verglichen mit den Risiken einer Maserninfektion eine sehr geringe Gefahr.

Masern-Impfpflicht kommt

Die Impfpflicht für Masern wurde vom Bundestag beschlossen.

Der Bundestag hat beschlossen: Ab nächstem Jahr muss jedes Kind, das eine Betreuungseinrichtung besucht oder in die Schule geht, vor Masern geschützt sein. Das gilt auch für Erwachsene, die dort arbeiten, für medizinisches Personal und für Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften leben. Das Gesetz soll auch die schützen, die zu jung oder zu krank sind, um geimpft zu werden. Dr. Brigitte Dietz findet das eine gute Idee.

"Ich habe mich schon länger dafür ausgesprochen, aus dem ganz einfachen Grund, dass die ganzen Beratungsmaßnahmen und Aufklärungskampagnen nicht ausreichend genützt haben, um die Impfrate auf ein erforderliches Niveau zu heben."

Dr.med.  Brigitte Dietz, Kinder- und Jugendärztin, München.

543 Masern-Infektionen gab es in Deutschland letztes Jahr. Etwa 93 Prozent der Schulanfänger haben beide nötigen Masernimpfungen bekommen. Um die Krankheit auszurotten, müssten es mindestens 95 Prozent der Bevölkerung sein.

Unterschätzte Gefahr: Masernvirus

Wie gefährlich das Masernvirus sein kann, weiß Virologin Prof. Ulrike Protzer von der TU München. Schlimmstenfalls kann es zu lebensbedrohlichen Gehirn- oder Lungenentzündungen führen. Die Krankheit hat aber noch andere Konsequenzen:

"Eine neue Studie hat gezeigt, dass zwischen 11 und 70 Prozent unserer Antikörper - das ist das, was uns vor Infektionen schützt - nach einer Masernvirusinfektion verloren gehen und dass das ganze Immunsystem sich erst wieder neu aufbauen muss. Das macht die Masern so gefährlich: Zum einen die Maserninfektion an sich, aber vor allem auch der Immunschaden, der danach entsteht, der uns empfänglich macht für andere Infektionen."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München

Diese Gefahr soll das neue Gesetz eindämmen – vor allem da, wo Kinder mit anderen in Kontakt kommen. Wer sich nicht daran hält, riskiert künftig ein Bußgeld von 2500 Euro oder gar den Ausschluss des Kindes aus der Einrichtung.

Impfpflicht: Ethikrat skeptisch

Doch der Deutsche Ethikrat ist skeptisch, ob eine gesetzliche Impfpflicht für Kinder zum Ziel führt.  

"Wir haben nur eine ganz kleine Zahl von Menschen, die wirklich radikale Impfgegner sind, die wir kaum überzeugen können. Aber wir haben einen doch recht viele, etwa 20 Prozent, die Impfskeptiker sind. Und wir haben die Befürchtung, dass aus dieser recht großen Gruppe zu viele Menschen dann sagen: Wenn ich gezwungen werden soll, dann steigt bei mir der Widerstand."

Prof. Dr. theol. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Er plädiert stattdessen für einen leichteren Zugang zur Impfung und für mehr Aufklärung. Dass es daran oft mangelt, weiß Hausarzt Dr. Weier. Der Pieks und das gelbe Heftchen werden oft verdrängt.

"Viele Leute wissen nicht, wie sie das angehen sollen: Irgendwo ist da ein Ausweis, man will nicht zu viele Impfungen, man findet ihn nicht mehr. Dann bleibt das so im Standby-Modus. Und dann ist es erforderlich, dass ein Impuls von außen kommt, nämlich durch den Arzt, der sagt: Ich habe eine Lösung für Dich."

Dr. med. Michael Josef Weier, Allgemeinmediziner, München

Masern: Gefahr auch für Erwachsene

Masern können besonders für Erwachsene gefährlich werden.

Denn auch unter Erwachsenen gibt es Nachholbedarf, was die Masernimpfung angeht. Sein Patient Christian Binder lässt heute seinen Impfschutz kontrollieren – aus Überzeugung.

"Niemand hat das Recht, sich aus ideologischen Gründen dieser Verantwortung der Gesellschaft gegenüber zu verweigern."

Christian Binder

Es stellt sich heraus: Eine Masern-Impfung ist bei ihm nicht nötig. Wer wie er vor 1970 geboren ist, ist meist durch Kontakt mit dem echten Virus immun. Andere Auffrischungen lässt er aber machen – ein Blick in den Impfpass kann sich lohnen – für sich selbst und für andere.


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