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Naturlatexallergie Eine Latexallergie kann lebensgefährlich sein

Handschuhe, Kondome, Kosmetika, Medizinprodukte: In vielen Produkten, denen man es auf den ersten Blick gar nicht ansieht, ist Naturlatex enthalten. Das wird für Menschen mit einer Naturlatexallergie zum Problem: Sie können Kreuzallergien entwickeln oder einen allergischen Schock erleiden.

Von: Bernd Thomas

Stand: 05.03.2018

Rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leidet an einer Naturlatexallergie. Überall lauert die Gefahr, denn Naturlatex ist in vielen Produkten enthalten. Die allergieauslösende Latexmilch ist natürlicher Bestandteil verschiedener, auch einheimischer Pflanzen, wird aber hauptsächlich aus dem Kautschukbaum Hevea brasiliensis gewonnen.

Medizinische Berufe: Erhöhtes Risiko für eine Latexallergie

Auch Rita Christmann und Ruth Arnold haben eine schwere Naturlatexallergie. Beide arbeiteten in medizinischen Berufen. Hier liegt das Risiko, eine Naturlatexallergie zu bekommen, sogar noch deutlich über dem Durchschnitt. Auch Menschen, die oft operiert werden oder zum Beispiel die Behinderung Spina bifida haben, den sogenannten offenen Rücken, sind besonders gefährdet. Prof. Franziska Rueff von der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der LMU München kennt die Auslöser und Folgen dieser tückischen Erkrankung.

"Naturlatex enthält eine ganze Reihe von Allergenen, von denen einige hochpotent sind. Sie können schon bei relativ kurzem Kontakt an Haut, den Schleimhäuten oder bei Operationen zu einer Sensibilisierung führen."

Prof. Dr. med. Franziska Rueff, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, LMU München

Als in den 80er- und 90er-Jahren durch die HIV-Epidemie vermehrt Latexhandschuhe benutzt wurden, stieg auch die Zahl der Allergien schnell an. Der Grund: Damals waren Latexhandschuhe noch gepudert. Mit dem Staub kamen die wasserlöslichen Allergene über Haut und Atemwege in den Körper und lösten so die Allergien aus. Gepuderte Latexhandschuhe sind inzwischen verboten und die Zahl der Neuerkrankungen ist deutlich zurückgegangen.   

Diagnose und Therapie einer Latexallergie

Eine Latexallergie lässt sich durch Blutuntersuchungen und Tests eigentlich leicht feststellen. Aber:

"Eine Therapie gegen eine Naturlatexallergie gibt es leider nicht. Es gibt also keine Möglichkeiten, die allergischen Reaktionslagen wieder dauerhaft zu beseitigen. Deswegen ist es so wichtig, das Allergen zu meiden."

Prof. Dr. med. Franziska Rueff

Rita Christmann arbeitete als Krankenschwester, wechselte aber nach der Diagnose vor rund 30 Jahren nicht den Beruf:

"Damals nahm man das noch nicht so ernst. Da hieß es nur, 'stell dich nicht so an'. Und außerdem hatte ich viel investiert in meine Ausbildung. Da wollte ich nicht so schnell aufgeben. Das ist ja ein schleichender Prozess. Es beginnt mit einem kleinen Ekzem, dann wird es langsam größer, manchmal klingt es wieder etwas ab. Ich fing an, meine Hautausschläge mit Kortison zu behandeln. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war."

Rita Christmann, Patientin

Einschränkungen durch eine Latexallergie im Alltag

Ein alltäglicher Besuch beim Friseur, Arzt oder Zahnarzt kann für Rita Christmann heute schnell schmerzliche Folgen haben. Ihre Allergie weitete sich immer mehr aus, wurde schwerer und komplexer.

"Es passiert leider immer mal wieder, dass ich mit einem Latexprodukt in Berührung komme. Die Reaktionen spüre ich dann gleich. Innerhalb von 20 Sekunden bekomme ich Ausschläge auf der Haut, besonders an den Händen."

Rita Christmann, Patientin

Ruth Arnold dagegen stellte ihr Leben nach der Diagnose konsequent um und nutzte nur noch latexfreie Produkte. Aber auch sie muss bei jedem Einkauf, jedem Besuch in einem Restaurant oder einer Eisdiele, die sie nicht kennt, besonders aufmerksam sein:

"Für mich ist es schon gefährlich, wenn jemand ein Lebensmittel mit Latexhandschuhen anfasst. Im schlimmsten Fall würde ich wieder einen allergischen Schock bekommen. Wenn es nicht so schlimm ist, bekomme ich nur Quaddeln oder Atemnot. Aber das alles möchte ich natürlich vermeiden."

Ruth Arnold, Patientin

Tückische Folge einer Latexallergie: Kreuzallergien

Die ersten Jahre nach der Diagnose hatte Ruth Arnold die Allergie ganz vergessen. Bis die in anderer Form wieder zurückkam:

"Ich war eingeladen zu einem südamerikanischen Buffet und habe mir da verschiedene Lebensmittel genommen. Kurz nachdem ich gegessen hatte, bekam ich Juckreiz in den Handinnenflächen, dann am ganzen Körper. Ich bekam Atemnot, mir wurde schlecht, schwindelig …"

Ruth Arnold, Patientin

Eine Avocado hatte bei Ruth Arnold allergische Reaktionen ausgelöst.

Ruth Arnold hatte einen anaphylaktischen Schock, die gefährlichste und lebensbedrohliche allergische Reaktion. Sofort wurde sie als Notfall in die Klinik eingeliefert. Ursache für ihre Reaktion war aber nicht Latex, sondern eine Avocado. Ruth Arnold hatte eine Kreuzallergie bekommen.   

"Zwischen zehn und 30 Prozent der Naturlatexallergiker sind davon betroffen. Die meisten haben ihre Allergie schon längst im Griff und fast vergessen, und plötzlich fangen sie dann an, auf Lebensmittel zu reagieren."

Prof. Dr. med. Franziska Rueff

Allergische Reaktionen bis hin zum allergischen Schock

Obstsorten wie Kiwis können bei einer Latexallergie eine Kreuzallergie auslösen.

Bananen, Mangos, Kiwis, Maronen, Avocados sind nur einige der Früchte, die eine Kreuzallergie auslösen können. Auch Pflanzen wie der Weihnachtsstern oder die Birkenfeige, die Allergene über die Blätter an die Luft abgibt, können zur Gefahr werden.

Sie alle enthalten Eiweiße, die den allergieauslösenden Latexmolekülen im Aufbau ähnlich sind. Dadurch können auch sie von der körpereigenen Abwehr als Fremdstoffe erkannt werden und zu allergischen Reaktionen führen. Dazu gehören Hautausschläge, Quaddeln, Schwellungen oder auch Magenschmerzen - bis hin zum gefährlichen allergischen Schock. Wann und ob das passiert, lässt sich aber nicht voraussagen.

"Solange noch nichts passiert ist, raten wir keinem Patienten, diese Lebensmittel wegzulassen. Denn es ist möglich, dass der regelmäßige Verzehr eine sogenannte 'immunologische Toleranz', das bedeutet eine Verträglichkeit, aufrecht erhält. Wenn es allerdings so weit gekommen ist, dass der Patient eine allergische Reaktion darauf hat, dann muss er das Lebensmittel konsequent meiden."

Prof. Dr. med. Franziska Rueff

Notfallset und Allergieausweis

Ruth Arnold hat bereits dreimal einen allergischen Schock erlitten, ausgelöst durch ganz unterschiedliche Lebensmittel und Situationen. Die einzige Möglichkeit, sich zu schützen, besteht darin, gut vorbereitet zu sein.      

"Ich habe immer mein Notfallset dabei. Darin sind mein Allergieausweis, latexfreie Handschuhe, eine Spritze mit Adrenalin, Kortison zum Trinken und ein Antihistaminikum. Und auch ein Notfall-Armbandkettchen, das ich eigentlich immer tragen sollte. Darin stehen Informationen für Ärzte und Sanitäter, falls ich selbst nicht mehr sprechen kann."

Ruth Arnold, Patientin

In Angst leben will sie nicht. Am meisten stört sie die Reaktion vieler Mitmenschen.

"Viele meinen, ich übertreibe, oder glauben, ich sei psychisch krank. Sie verstehen nicht, wie gefährlich bestimmte Dinge für mich sind. Inzwischen erkläre ich das oft auch gar nicht mehr. Ich für mich habe einfach die schweren Reaktionen angenommen. Ich lasse mich davon nicht beeinflussen, auch wenn ich auf Vieles heute verzichten muss, wie Reisen oder spontane Besuche in Restaurants. Trotzdem will ich Lebensqualität haben und mein Leben genießen."

Ruth Arnold, Patientin


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