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Knick-, Senk-, Plattfuß Knick-Senk-Fuß: Wenn Gehen zum Problem wird

Wenn etwas mit den Füßen nicht stimmt, merken wir das meist sofort. Eine verbreitete Fehlstellung: der Knick- und Senkfuß. Patienten bekommen das oft konservativ, mit speziellen Übungen in den Griff. Manchmal hilft aber nur noch eine Operation. Gesundheit! zeigt, was wann am besten hilft.

Von: Julia Richter

Stand: 04.06.2018

Anita Koschar ist eigentlich fit. Die 68-Jährige bewegt sich viel, ist den ganzen Tag auf den Beinen. Bis ihr der rechte Fuß einen Strich durch die Rechnung macht.

Knick- und Senkfuß: Das sind die Symptome

Anita Koschar hat vor allem im vorderen Bereich Schmerzen.

"Ich bekomme Schmerzen, wenn ich länger laufe. Das ist eher so ein stechender Schmerz. Und ich kann auch nicht mehr in die Berge gehen, was mir besonders weh tut, weil ich die Berge sehr liebe. Tanzen geht auch nicht mehr, und ich kann auch nicht so lange auf den Füßen sein."

Anita Koschar, Patientin

Der Physiotherapeut Jens Wippert hat eine Erklärung für die Beschwerden. Er sieht bei der Ganganalyse sofort, dass Anita Koschar einen Knick-Senk-Fuß hat.

"Beim normalen Fuß steht die Ferse hinten senkrecht. Der Groß- und Kleinzehenballen stehen auf dem Boden, so dass sich dann diese innere Längswölbung bildet. Bei der Patientin haben wir gesehen, knickt die Ferse nach innen rein. Gleichzeitig senkt sich der Fuß in der Mitte herunter. In den extremen Fällen, wenn der Fuß ganz nach unten kommt, sprechen wir von einem Plattfuß."

Dr. phil. Jens Wippert, Physiotherapeut, München

Bei Michael Birnmeyer war es noch schlimmer. Er konnte vor Schmerzen kaum noch  gehen, schon einhundert Meter sind zu viel. Für den Geschäftsmann, der viel unterwegs ist, ein zunehmendes Problem.

"Jede Bewegung mit dem rechten Fuß ist eine Tortur. Das ist so ein bummernder Schmerz, der sehr dauerhaft und leider auch nicht nur im rechten Sprunggelenk ist, sondern über die Sehne in das ganze Bein in die Hüfte ausstrahlt."

Michael K. Birnmeyer, Patient

Immer häufiger muss er sich deswegen aus der Familie ausklinken, längere Unternehmungen gehen gar nicht mehr.

Knick- und Senkfuß: Die Diagnose

Ganganalyse bei Knick-Senk-Fuß: links Druck- und Auftrittsflächen eines gesunden, rechts die eines Knick-Senk-Fußes.

Die Ganganalyse auf dem Laufband macht es besonders deutlich. Aus drei Perspektiven kann das Aufkommen und das Abrollen des Fußes untersucht werden. Der gesunde Fuß hat innen eine Art „Aussparung“ – die Innenseite berührt nicht den Boden. Beim Knick-Senk-Fuß liegt quasi der ganze Fuß auf und wird dadurch anders belastet. Das hat Folgen für den ganzen Körper.

"Die Hauptprobleme zeigen sich zuerst am Fuß selbst. Sehnen und Gelenke des Fußes werden beeinträchtigt. Knöchel und Sprunggelenk folgen, die benachbarten Gelenke wie Knie- und Hüftgelenke leiden darunter. Und wenn man das statisch betrachtet ist es wie bei einer Brücke: Wenn ich den Pfeiler, sprich wenn ich die Füße verändere, dann leidet alles nach oben bis hin zur Wirbelsäule."

Dr. phil. Jens Wippert, Physiotherapie München

Knick-Senk-Fuß: Das Fußgewölbe bricht ein, die Mittelfußknochen sinken nach unten.

Neben Röntgen- und MRT-Aufnahmen macht der Orthopäde einen wichtigen Funktionstest, den Einbein-Zehenstand. Die Patienten müssen versuchen, sich abwechselnd auf die Zehenspitzen zu stellen, rechts dann links. Ein gesunder Fuß schafft das problemlos. Ist die Sehne des Fußes, die für die Aufrichtung der Längswölbung zuständig ist, schon geschädigt, ist das ein deutliches Anzeichen für einen Knick-Senkfuß. Dann kommt der Patient nicht mehr hoch. Die Ferse knickt nach innen ein.

Knick- und Senkfuß: Die Ursachen

Die Fehlstellung kann verschiedene Ursachen haben. Zum einen steigt mit zunehmendem Alter das Risiko. Haben die Patienten eine falsche Haltung, falsches Schuhwerk oder stehen viel, verstärkt das im Laufe der Jahre die Fehlhaltung immer mehr. Die Kraft der Muskeln im Fuß lässt nach. Aber auch Übergewicht oder entzündliche Gelenkerkrankungen können einen Knick-Senk-Fuß begünstigen.

Knick-Senk-Fuß: Wann muss operiert werden?

Daneben gibt es angeborene Knick-Senk-Füße, so wie bei Michael Birnmeyer. Damit können Patienten lange gut zurecht kommen. Allerdings reicht dann oft ein Trauma aus wie zum Beispiel eine Sportverletzung, ein Umknicken oder eine längere Überlastung und die Patienten bekommen Schmerzen.

"Der Patient hatte immer ein sehr flaches Gewölbe, sein Leben lang. Dadurch musste diese Sehne, die das Längsgewölbe aufrichtet, immer sehr viel arbeiten. Dadurch degeneriert sie früher. Und dann hat in seinem Fall eine kleine Sportverletzung ausgereicht, dass diese degenerierte Sehne einreißt. In dem Moment, wo sie eingerissen ist, kann ich sie mit Krankengymnastik nicht mehr verbessern und muss sie operativ konstruieren."

Prof. Dr. med. Markus Walther, Fußchirurg, Schön Klinik, München Harlaching

Knick- und Senkfuß: Übungen und Einlagen helfen

Wann ein Knick-Senk-Fuß operiert werden muss, entscheidet sich im Einzelfall. Es gibt keinen festen Wert, ab welchem „Grad“ des Knickens operiert wird. Bei Anita Koschar ist es vor allem ein muskuläres Problem. Sie muss ihre Fußmuskeln wieder trainieren.

Drei Übungen für die Fußmuskulatur

1. Die Fußschraube: Bei der sogenannten Fuß-Schraube werden Fuß und Gelenke mobilisiert und wieder in die richtige Richtung bewegt. Die eine Hand zur Stabilisierung an die Ferse – die andere bewegt den Vorfuß Richtung Boden.
2. Der Fuß-Zug: Beim Fuß-Zug sollen die Muskeln gekräftigt werden. Und die Patientin lernt, diese wieder aktiv anzusteuern. Der Goßzehenballen wird dabei Richtung Boden bewegt – gegen den Widerstand eines Therabands.
3. Das Fuß-Pendel: Beim Fuß-Pendel sitzt man auf der Matte, das Knie fällt nach außen und lehnt an einem Ball oder Stuhl. Der Fuß drückt auf das Theraband. Der Ballen drückt das Band runter auf den Boden. Auch das ist eine Kräftigungsübung.

Wenn die Patienten die Übungen wie vorgeschrieben wiederholen, sollte sich nach etwa drei bis vier Monaten eine Besserung einstellen. Bei Fußfehlstellungen können außerdem Einlagen helfen. Bei Knick-Senkfüßen kommen vor allem stützende oder sensomotorische Einlagen infrage.

"Im Bereich der stützenden Einlagen stützen wir die Fußgewölbe passiv an. Im Bereich der sensomotorischen Einlagen werden diese durch gezielte Reizpunkte muskulär angesteuert und wir haben somit auch einen Trainingseffekt."

Marco Hartwig, Orthopädietechnik-Meister, München

Welche Einlagen man wann braucht, zeigt die individuelle Beratung. Fest steht: Einlagen sind zwar ein sinnvolles Hilfsmittel, ersetzen aber kein Training.

Knick- Senkfuß: Operation als letzte Möglichkeit

Bei Michael Birnmeyer hat all das nichts gebracht, er musste operiert werden. Gut zwei Stunden dauerte der minimal invasive Eingriff. Knapp 25 Prozent der Patienten kommen um eine OP nicht herum.

"Was wir bei dieser Operation machen ist, dass wir diese Sehne wieder reparieren, also verstärken. Dann wird die knöcherne Fehlstellung korrigiert, indem wir das Fersenbein durchtrennen, an die richtige Stelle schieben und dann mit zwei Schrauben wieder festmachen."

Prof. Dr. med. Markus Walther, Fußchirurg, Schön Klinik, München Harlaching

Knick- Senkfuß: Nach der OP braucht es Geduld

Knick-Senk-Fuß: Nach der Operation ist Geduld gefragt. Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis der Fuß wieder belastet werden kann.

Nach der OP muss Michael Birnmeyer Geduld haben. Fast ein Jahr dauert es, bis er den Fuß wieder voll belasten kann und sich an die korrigierte Fußstellung gewöhnt hat. Rund drei Monate trägt er einen Gips-Schuh, danach muss er viel Krankengymnastik machen, um die Gelenke wieder zu mobilisieren. Heute geht es ihm wieder richtig gut.

"Ich habe meine Lebensqualität zurückbekommen. Ich kann am Leben teilnehmen, zum Beispiel mit meinen beiden Töchtern ins Schwimmbad gehen. Also die OP machen zu lassen, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens."

Michael K. Birnmeyer, Patient

Knick- und Senkfuss: Ist Vorbeugen möglich?

Bei angeborenen Fehlstellungen lässt sich wenig machen, ansonsten kann jeder selbst etwas zur Vorbeugung tun.

Tipps: Was Füßen gut tut und was nicht

Barfußlaufen

So oft es geht draußen barfuß laufen. Das Gehen auf unebenem Grund trainiert die Fußmuskulatur perfekt.
Aber: Barfußlaufen zu Hause auf einem harten, festen Boden oder gar auf Beton bringt hingegen nichts. Der Fuß sollte also nicht nur den ganzen Tag in gedämpften Schuhen unterwegs sein, sondern draußen zum Beispiel beim Strandspaziergang bewegt werden.

Kinder ohne Schuhe

Kinder sollten nicht zu früh Schuhe tragen müssen – der kindliche Fuß entwickelt sich noch. So oft es geht, sollte das Kind barfuß laufen dürfen, damit sich eine gute Muskulatur aufbaut.

Wenn Schuhe, dann ...

In jedem Alter gilt: Weite, bequeme Schuhe mit einem stabilen Halt sind eine Wohltat für Füße.

Das tut den Füßen nicht gut: Kortison-Injektionen

Was nichts bringt, sind Kortison-Injektionen. Die lindern zwar kurzfristig die Beschwerden der Sehnenschmerzen, machen sie aber langfristig porös und sind deswegen kontraproduktiv.


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