BR Fernsehen - Gesundheit!


2

Steigende 7-Tage-Inzidenz Britische Corona-Variante auf dem Vormarsch

Binnen weniger Wochen sind die Infektionszahlen mit dem Coronavirus in vielen bayerischen Landkreisen und Städten rasant angestiegen. Großen Anteil am Anstieg hat die britische Coronavariante, denn diese ist ansteckender und gefährlicher. Die Politik reagiert nun mit einer „Notbremse“ und strengeren Regeln.

Von: Veronika Scheidl, Sina-Felicitas Wende

Stand: 23.03.2021 15:41 Uhr

Bis tief in die Nacht hinein hatten Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und –präsidenten debattiert und miteinander gerungen. Am frühen Dienstagmorgen dann das Ergebnis: Der Corona-Lockdown wird bis zum 18. April verlängert.

Ostern: Öffentliches Leben wird heruntergefahren

Über Ostern gelten noch strengere Regeln, der Gründonnerstag und der Karsamstag werden zu Ruhetagen, ähnlich Feiertagen, um möglichst das öffentliche Leben vollständig herunterzufahren und Kontakte zu beschränken. „Wir leben jetzt in der gefährlichsten Phase der Pandemie überhaupt. Viele unterschätzen die derzeitige Situation“, erklärte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder auf der nächtlichen Pressekonferenz. Die Inzidenzen würden steigen, und danach folge die Krankenhausbelegung. „Und die Intensivmediziner schlagen eindeutig Alarm“, warnte Söder.

Inzidenzen steigen, Notbremse und strengeren Regeln

Ein kurzer Rückblick: Anfang März machte sich bei vielen Menschen in Bayern wieder etwas Hoffnung breit, denn die Infektionszahlen mit dem Coronavirus waren vielerorts gesunken – und die bayerische Staatsregierung reagierte mit ersten Lockerungen: Zum Beispiel Friseure, aber auch Baumärkte oder Gärtnereien durften wieder für Kunden unter gewissen Vorgaben öffnen. Doch jetzt, Mitte März, sieht das Infektionsgeschehen deutlich schlechter aus. Beispiel Regensburg: Die Stadt hatte Mitte Februar noch eine 7-Tages- Inzidenz von 17,6. Am 1. März lag der Wert bei 58,1, nun ist er auf 177,7 (Stand 23.03.21) gestiegen.

Weit mehr als die Hälfte der 96 bayerischen Landkreise und Städte hat den Inzidenzwert von mehr als 100 überschritten und gilt so als Corona-Hotspot. Dort greift dann eine „Notbremse“: Lockerungen werden zurückgenommen, viele Geschäfte dürfen nur noch „Call oder Click and Collect“ anbieten, es gilt eine Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr, Kontakte sind beschränkt, bis auf die Abschlussklassen gibt es für alle Schülerinnen und Schüler nur Distanzunterricht.

Uniklinikum Regensburg: Intensivstation am Limit

Am Universitätsklinikum Regensburg ist die Corona-Intensivstation voll, alle 27 Betten sind belegt. Der Infektiologe Bernd Salzberger beobachtet die dritte Infektionswelle mit großer Sorge.

"Wir fürchten, dass wir hohe Krankheitszahlen bekommen. Wir haben ein hohes Krankheitsrisiko bei den Menschen über 50, 60, 70 Jahren. Und in diesen Gruppen sind praktisch noch keine Menschen geimpft. Das sind die, die ins Krankenhaus kommen werden. Und wenn diese Welle schwer wird, dann werden wir ein richtiges Problem haben."

Prof. Dr. med. Bernd Salzberger, Infektiologe, Universitätsklinikum Regensburg

Überwiegend britische Mutante

Am Uniklinikum Regensburg werden Patientinnen und Patienten aus der Oberpfalz, Niederbayern und der tschechischen Grenzregion behandelt. Mehr als 75 Prozent von ihnen hatten sich mit der britischen Mutante B.1.1.7. infiziert. Diese Virus-Variante breitet sich seit mehreren Wochen rasant in Deutschland aus. Auch die Proben, die die Mikrobiologen in Regensburg untersuchen und sequenzieren, bestätigen mittlerweile hauptsächlich die britische Mutante. Das liegt wohl daran, dass diese Coronavirus-Variante Zellen leichter infizieren kann und deswegen ansteckender ist, sagt der Regensburger Mikrobiologe André Gessner. Deswegen mache man sich große Sorgen.

"Leider ist es so, dass neue Studien gezeigt haben, dass die Krankheit, die man dann erleidet, im Schnitt schwerer verläuft und häufiger schwere, komplizierte Fälle auftreten können."

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. André Gessner, Universitätsklinikum Regensburg

Britische Mutante besonders bei Jüngeren

Auch der SPD-Politiker Karl Lauterbach macht sich Sorgen. In der Corona-Krise gilt er als der „ewige Mahner“ und sieht Deutschland am Beginn einer „fulminanten dritten Welle“. Er forderte stets auch angesichts der grassierenden britischen Mutante einen härteren Lockdown.

"Die britische Mutante befällt auch sehr stark Schülerinnen und Schüler, junge Menschen, auch Kita-Kinder sind sehr stark betroffen."

Prof Dr. med. Karl Lauterbach, MdB  

Darum sei es wichtig, dass nur dort Schulen geöffnet werden, an denen zweimal pro Woche die Schülerinnen und Schüler getestet werden können. Dann liesen sich Ausbrüche in Schulen um 75 Prozent reduzieren, das zeigten Studien, so Lauterbach.  

Mehr Schnelltests sollen kommen

Nach den aktuellen Beschlüssen der Bund-Länder-Chefs soll es nach den Osterferien umfangreiche Testungen geben – sowohl in Bürgertestzentren als auch in Unternehmen sowie Kitas und Schulen.

"Hier soll das flächendeckende Testsystem dazu dienen, dass wir weitere Öffnungen dann auch ins Auge fassen können."

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Am Von-Müller-Gymnasium in Regensburg hat sich die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zum Präsenzunterricht schon vergangene Woche zerschlagen, denn der hohe Inzidenzwert erlaubt in der Stadt nur Distanzunterricht, bis auf die Abschlussklassen.

Schnelltests hätte Schulleiter Ralf Krottenthaler den Lehrkräften und Schulkindern gerne schon längst angeboten. Das große Problem sei aber, dass es noch keinen einzigen Test im Haus gibt, der irgendwie eingesetzt werden könnte. Solche Tests seien aber bereits angekündigt. Wenn das jetzt wirklich umgesetzt werde, sei man auf dem richtigen Weg, sagt Krottenthaler. Der Schulleiter wünscht sich, dass bald alle Klassen wieder in den Wechselunterricht zurückkehren können, eben dank einer guten Teststrategie.

"Wir haben dann zumindest einen Teil der Schülerinnen und Schüler immer in Präsenzform im Unterricht und haben dann auch einen direkten Kontakt, was auch für den sozialen Kontakt sehr, sehr wichtig ist."

Ralf Krottenthaler, Schulleiter, Von-Müller-Gymnasium, Regensburg

Können bis zum Herbst alle geimpft werden?

Doch Schnelltest in den Schulen und anderswo reichen nicht aus. Auch die Impfungen sind ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen das Coronavirus. Politiker Karl Lauterbach ist sich sicher, dass alle Menschen in Deutschland bis Ende September ein Impfangebot bekommen werden, trotz der Unsicherheiten und des vorübergehenden Stopps des AstraZeneca-Impfstoffes.

"Das Vertrauen wird wieder aufgebaut werden können. Wir haben den Impfstoff von BionTech und von Moderna, der bisher sehr gut verimpft wird."

Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, MdB

Der Impfstoff von Johnson und Johnson soll schon im Mai eingesetzt werden können und zwei weitere Impfstoffe seien in der Vorbereitung.

Impfungen halten dritte Welle nicht auf

Am Universitätsklinikum Regensburg geht man davon aus, dass selbst mit raschen Impfungen die „dritte Welle“ in Deutschland nicht mehr aufgehalten werden könne. Darum sei der entscheidende Punkt, die Kontakte zu reduzieren, sagt der Infektiologe Bernd Salzberger. „Do not go out, stay home!“, appelliert Salzberger.

Bund und Länder haben sich nun zwar auf härtere Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus geeinigt. Doch am 12. April wollen sich Kanzlerin Merkel und die Länderchefs wieder treffen. Dann wollen sie prüfen, ob die „Notbremse“ ihre Wirkung entfaltet hat – oder ob es noch weitere Einschränkungen braucht.


2