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Corona-Impfstoff Wie funktionieren kommende Corona-Impfstoffe?

Die Fallzahlen bleiben hoch und auch Bayerns Krankenhäuser bekommen die zweite Welle immer deutlicher zu spüren. Doch jetzt gibt es gleich doppelte Hoffnung aus der Impfstoff-Forschung. Zwei Impfstoffe stehen kurz vor der Zulassung. Aber halten die Impfstoffe, was sie versprechen? Und wer sollte sie zuerst bekommen?

Von: Florian Heinhold

Stand: 17.11.2020

Schichtbeginn für Pfleger Haris Huskic auf der Infektionsstation des Klinikums rechts der Isar der TU München. Hier werden zurzeit jeden Tag neue Corona-Fälle eingeliefert.

"Momentan ist viel los. Wir haben mittlerweile 22 Patienten. Wir kommen immer wieder an unsere Grenzen, aber bis jetzt haben wir das gemeistert."

Haris Huskic, Pfleger

Corona: Steigende Patientenzahlen

Im Zimmer treffen wir Axel Mahler. Er ist in der Klinik, weil er neben Covid an Multipler Sklerose leidet und immunsupprimierende Medikamente nehmen muss. Er ist Risikopatient.

"Mein Immunsystem ist ganz schön angegriffen, also geschwächt. Und man kennt die ganzen Wechselwirkungen nicht. Und das versucht man jetzt zu minimieren, die ganzen Gefahren, die damit einhergehen."

Axel Mahler, Patient

Wenn sich der Zustand eines Patienten deutlich verschlechtert, geht es von der Normal- auf die Intensivstation. Axel Mahlers Zimmernachbar Erdogan Fettan wird genau beobachtet. Seine Sauerstoffsättigung ist an der Grenze, obwohl er schon Sauerstoff bekommt.

"Da wird der Arzt entscheiden, was weitergemacht wird. Weil wir müssen bedenken, das ist mit Sauerstoff. Ohne Sauerstoff wären wir wahrscheinlich bei unter 90 und das wollen wir nicht haben."

Haris Huskic, Pfleger

Corona-Infektionen und Intensivversorgung

Wird die zweite Welle unsere Kliniken überlasten? Auf den Infektions- und Intensivstationen entscheidet sich, ob Corona eine handhabbare Krise bleibt. Oder ob die Pandemie auch bei uns drastische Formen annimmt. So wie in Teilen der USA und Europas schon jetzt.

In Belgien und den Niederlanden waren bereits im Oktober viele Intensivstationen überlastet. Aus beiden Ländern wurden Patienten nach Deutschland geflogen. In Frankreich arbeiten viele Kliniken am Limit. Und auch in Italien spitzt sich die Lage wieder dramatisch zu. In Neapel werden Covid-Patienten im Auto auf der Straße mit Sauerstoff versorgt, weil die Kliniken heillos überlastet sind, die Kranken schon auf den Gängen liegen, wie diese Handyvideos dokumentieren. Deutschland wirkt im Vergleich dazu wie eine Insel der Glückseeligen. Aber auch bei uns beobachten Experten den Anstieg der Zahlen mit Sorge.

"Wir werden sicherlich mehr ältere Patienten sehen über die Zeit, jetzt waren es mehr jüngere Reiserückkehrer. Wenn es mehr ältere gibt, wird es auch schwerere Verläufe geben. Wir haben ein sehr gutes Netzwerk zwischen den Krankenhäusern und können einander aushelfen. Das geht natürlich nur solange, wie irgendwo noch freie Kapazitäten da sind."

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Michael von Bergwelt, Infektiologe und Intensivmediziner, Klinikum Großhadern der LMU München

Und schon jetzt spüren Prof. von Bergwelt und sein Team von der Intensivstation in Großhadern den Anstieg der Patientenzahlen deutlich. Ein harter Job, ununterbrochen in Schutzkleidung und mit FFP2 Maske.

"Natürlich sind wir alle belastet, wir hätten uns gefreut, wenn die Welle nicht nochmal loslaufen würde."

Dr. med. Stephanie-Susanne Stecher, Intensivmedizinerin, Klinikum Großhadern der LMU München

Während wir drehen, wird der nächste Corona-Patient auf Intensiv verlegt. Um das Ansteckungsrisiko zu verringern, transportieren die Helfer ihn unter einer Decke durch die Isolationsschleuse.

"Es ist so, dass die Covid-Patienten, die auf eine Intensivstation kommen, häufig sehr komplex und sehr schwer krank sind und lange dort liegen. Das bedeutet, dass sie also noch mehr Ressourcen und Personal binden als manch anderer Intensivpatient, der dort nur drei, vier Tage nach einer Operation verbringt."

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Michael von Bergwelt, Infektiologe und Intensivmediziner, Klinikum Großhadern der LMU München

Gestern mussten in Deutschland über 3400 Covid-Patienten auf Intensivstationen behandelt werden, mehr als während der ersten Welle, Tendenz stark steigend. Aber: Es gibt bei eine große Notfallreserve an Intensivbetten: aktuell über 12.000. Trotzdem mahnen Intensivmediziner wie Dr. Lahmer vom Klinikum rechts der Isar, sich bei dieser Zahl angesichts des Pflegekräftemangels nicht in falscher Sicherheit zu wiegen.  

"Man muss ganz klar sagen, dass das Betten sind, die nicht alle betrieben werden können. Das ist eine Reserve, die da ist, aber für die im Großteil der Fälle leider nicht das Personal vorhanden ist."

PD Dr. med. Tobias Lahmer, Intensivmediziner, Klinikum rechts der Isar TU München

Und Personal wird schließlich nicht nur für Corona, sondern auch im restlichen Klinikbetrieb gebraucht. Aber jetzt gibt es eine ganz neue Hoffnung: Impfstoffe.

Impfstoffentwicklung in Rekordzeit

Gleich zwei Impfstoffentwickler haben erste Ergebnisse veröffentlicht. Zu über 90% sollen beide Vakzine Schutz bieten. Prof. von Bergwelt kennt einige der Forscher hinter den Impfstoffen seit vielen Jahren.

"Ganz ehrlich, das hätte ich mir im Sommer so nicht vorstellen können, dass wir jetzt schon ein so positives Ergebnis haben. Die kritischen Fragen sind jetzt: Wie sieht es aus mit dem Impfstoff bei Risikopatienten, bei älteren Menschen. Können die auch eine so gute Immunantwort produzieren und wie lange hält eine solche Immunantwort an."

Prof. Dr. Dr. med. Michael von Bergwelt, Infektiologe und Intensivmediziner, Klinikum Großhadern der LMU München

 Neue Corona Impfstoffe: So funktionieren sie

Bei den neuen Vakzinen handelt es sich um mRNA-Impfstoffe – ein komplett neues Verfahren. Die Schwachstelle des Coronavirus sind die typischen Spikes, Proteine an der Virenoberfläche. Den genetischen Bauplan für diese Spikes macht sich der Impfstoff zunutze. Bei der Impfung wird Botschafter-RNA gespritzt, die den Zellen den Befehl gibt, dieses für das Coronavirus typische Eiweiß zu produzieren. Darauf reagiert dann das Immunsystem, bildet Antikörper und T-Zellen gegen das Protein. Die gleiche Immunantwort soll dann bei einem Kontakt mit dem echten Coronavirus schützen.  

Zuerst sollen Risikogruppen und medizinisches Personal geimpft werden.

"In meinen Augen macht es durchaus Sinn, diejenigen, bei denen das Risiko schwer zu erkranken am größten ist, als erste zu impfen."

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Michael von Bergwelt, Infektiologe und Intensivmediziner, Klinikum Großhadern der LMU München

Corona-Impfung: Studien zu weiteren Impfstoff-Typen

Am Klinikum rechts der Isar der TU München soll in den kommenden Wochen eine Studie zu einem anderen Impfstoff-Typ starten, der Adenoviren als Vektor nutzt. Ein ähnlich erfolgversprechendes Verfahren. 

"Es wird von einem einzigen Impfstoffhersteller nicht genug Impfstoffe für die ganze Welt geben. Es wird also darauf ankommen, dass wir einen Mix haben, dass wir besser verstehen, wann genau wirkt welcher Impfstoff am besten. Dass man ihn vielleicht auch passgenau anbieten kann. Kinder werden vielleicht auch einen anderen bekommen, als ältere Menschen."

PD Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum rechts der Isar, TU München

Aber Impfstoff hin oder her, gestern hat die Politik das Land darauf eingestimmt, dass der Winter hart wird. 

"Corona hat jeden bestraft, der geglaubt hat, es sei schon vorschnell vorbei. Ich habe wenig Hoffnung, dass Ende November alles wieder gut ist."

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident

Die nächsten Monate werden wir also noch durchhalten müssen. Aber immerhin: Der Impfstoff bietet langfristig Hoffnung auf Normalität.


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