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Immunzellen gegen Krebs CAR-T-Zell-Therapie bei Lymphdrüsenkrebs und Leukämie

Rund 18.000 Menschen erkranken in Deutschland pro Jahr an einem Non-Hodgkin-Lymphom, Lymphdrüsenkrebs. Zur Behandlung haben die Ärzte jetzt neben Chemo- und Strahlentherapie, sowie Stammzelltransplantation eine weitere Möglichkeit: die CAR-T-Zell-Therapie. Wem kann diese neue Form der Krebstherapie helfen?

Von: Monika Hippold

Stand: 01.07.2019

Bei der Gartenarbeit bekam er plötzlich keine Luft mehr. Peter Linkert ging zum Hausarzt. Die Diagnose kam schnell: Er hatte ein Non-Hodgkin-Lymphom, genauer ein B-Zell-Lymphom. Lymphdrüsenkrebs. Ein Schock für den damals 60-Jährigen.

"Ich dachte, dass irgendwas am Herzen ist. Aber dann hat sich herausgestellt, dass es ein Tumor unterm Brustbein ist. Damit rechnet man nicht."

Peter Linkert

Non-Hodgkin-Lymphom: Wenn die Standardtherapien nicht helfen

Wie Peter Linkert erkranken knapp 18.000 Menschen in Deutschland pro Jahr an einem Non-Hodgkin-Lymphom, die meisten im höheren Alter mit etwa 70 Jahren.
Die Standard-Behandlung dagegen: Chemotherapie, Strahlentherapie oder, bei einem Rückfall, eine Stammzelltransplantation. Bei rund zwei Drittel der Erkrankten kann damit eine Remission, also ein kompletter Rückgang der Erkrankung, erreicht werden. Nicht so bei Peter Linkert: Die erste Chemotherapie verlief zwar gut. Doch zwei Jahre später kam der Krebs zurück. 

"Die zweite Chemotherapie ging über ein halbes Jahr. Und das war teilweise die Hölle. Letzten Endes war dann die Diagnose: Der Krebs ist nach wie vor da. Das war schlimm, das wollte man nicht hören. Mir wurde gesagt, wir können sie palliativ betreuen. Dann sind wir auf die Suche gegangen, ob es nicht doch noch irgendwelche Möglichkeiten gibt."

Peter Linkert

CAR-T-Zell-Therapie gegen Lymphdrüsenkrebs

Er und seine Frau fanden eine Möglichkeit: die CAR-T-Zell-Therapie, die neueste Behandlungsmethode bei Lymphdrüsenkrebs, Peter Linkerts letzte Hoffnung. Seit 2017 ist die Therapie in den USA zugelassen, seit Mitte 2018 auch in Europa.  In der Medizinischen Klinik III (Schwerpunkt Hämatologie/Onkologie) in Großhadern behandeln die Onkologen seit Januar geeignete Patienten mit der Therapie. Ungefähr 30 Menschen haben sie seitdem in ihr Programm aufgenommen.

Die Zulassung gilt aktuell für das diffus-großzellige B-Zell-Lymphom und bei Patienten unter 25 Jahren auch für die akute lymphatische Leukämie. Die Behandlung ist bisher nur als Drittlinien-Therapie zugelassen. Das bedeutet, dass die Ärzte bei den Patienten alle anderen Behandlungsmöglichkeiten schon ausgeschöpft haben müssen, ohne Erfolg.

"Das muss eigentlich bei jedem neuen Medikament sichergestellt sein, dass die etablierten Standard-Therapien nicht geholfen haben, dass der Patient auf jeden Fall Zugang zu den Therapien hatte, von denen wir seit Jahren wissen, dass sie funktionieren."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Klinikum der Universität München

CAR-T-Zell-Therapie: letzte Chance für Patienten

Prof. Marion Subklewe leitet das CAR-T-Zell-Therapie-Programm am Klinikum der Universität München. Peter Linkert war einer ihrer ersten Patienten.

"Die CAR-T-Zell-Therapie war die einzige Chance, die Herr Linkert noch hatte. Es gibt aktuell keine zugelassene, alternative Therapie in dieser Situation, die mit auch nur annähernd der gleichen Wahrscheinlichkeit ein Ansprechen erreichen könnte. Es gibt für die CAR-T-Zell-Therapie der Lymphome im Gegensatz zu den Akuten Leukämien aktuell zwar keine Altersbeschränkung, aber es muss eine gewisse Fitness des Patienten vorhanden sein. Aber auch das Lymphom muss eine gewisse Zeit stabil sein, damit die Therapie Zeit hat, zu wirken. Eine Erkrankung, die so rasch fortschreitet, dass wir nicht vier bis acht Wochen Zeit haben, diese Therapie zu planen und durchzuführen, wird durch CAR-T-Zellen nicht erfolgreich therapiert werden. Da laufen wir der Erkrankung leider hinterher."

Prof. Dr. med. Marion Subklewe, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Arbeitsgruppe für Translational Cancer Immunology am Genzentrum der LMU, Klinikum der Universität München

CAR-T-ZELL-Therapie – Immuntherapie: Eigene Abwehr greift Krebszellen an

CAR-T-Zell-Therapie: So funktioniert die Therapie

Die CAR-T-Zell-Therapie gehört zu den Immuntherapien, bei der der Mensch mit seinen eigenen Abwehrkräften die Krebszellen bekämpft. Die Ärzte entnehmen den Patienten dafür bestimmte weiße Blutkörperchen, sogenannte T-Zellen. Sie statten diese im Labor mit Genen für einen neuen Zellrezeptor aus, dem Chimären Antigen Rezeptor - kurz CAR. Der Rezeptor kann wie ein Sensor Tumorzellen erkennen und vernichten.
Die so veränderten T-Zellen werden im Labor vermehrt, eingefroren und dem Patienten per Infusion zurückgegeben. Die neuen Zellen vermehren sich im Körper des Patienten dann weiter und bekämpfen die Krebszellen.

Eine hochspezifische Therapie, erklärt Immunonkologe Prof. Michael von Bergwelt.

"Es gelingt, das eigene Abwehrsystem, das der Patient schon in sich hat, durch diese genetische Veränderung zu aktivieren, es deutlich spezifischer zu machen und es extrem powervoll wieder zurück in den Patienten zu geben. Das Besondere ist, dass man wirklich 100 von 100 Zellen, die man so behandelt, genau gegen den Tumor abrichtet. Und damit eine Spezifität und auch eine Aktivität erreicht, die gesunde T-Zellen so normalerweise nicht bieten können."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Klinikum der Universität München

Die ersten Studienergebnisse zeigen: Viele Patienten profitieren von der Therapie. Rund 40 Prozent sind nach zwei Jahren lymphomfrei. Wem genau die Therapie hilft, daran forschen die Ärzte noch.

"Wir sind noch am Anfang bei dieser Therapie und wissen viele Dinge noch nicht. Wir können Therapieergebnisse statistisch für tausend behandelte Patienten vorhersagen, aber für den individuellen Patienten können wir es häufig noch nicht."

Prof. Dr. med. Marion Subklewe, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Arbeitsgruppe für Translational Cancer Immunology am Genzentrum der LMU, Klinikum der Universität München

CAR-T-ZELL-Therapie: Offener Ausgang der Therapie

Auch Monika Baumgartner hofft auf die neue Therapie. Im März 2018 bekam die 46-Jährige die erste Krebs-Diagnose: Ein Non-Hodgkin-Lymphom in der Brust. Im August hieß es, das Lymphom sei weg. Doch im Dezember, kurz nach Weihnachten, kam die erneute Diagnose.

"Ich hatte immer Schmerzen am Kopf beim Haarewaschen. Mein Hausarzt hat mich gleich zum CT geschickt. Dann kam die erneute Diagnose: Ein Rezidiv, ein Rückfall, wieder das Non-Hodgkin-Lymphom."

Monika Baumgartner

Das Lymphom hatte sich diesmal im Kopf ausgebreitet. Die zweite Chemotherapie wirkte bei Monika Baumgartner nicht. Der Tumor wuchs weiter.

"Mit so einer Diagnose hatte ich nie und nimmer gerechnet. Ich bin sportlich. Ich ernähre mich gesund. Man plant – und plötzlich von einem Tag auf den anderen wird einem der Boden weggezogen. Es ist eine ziemliche Achterbahnfahrt der Gefühle."

Monika Baumgartner

Die Hoffnung: in drei Monaten gesund sein

Seit drei Tagen liegt sie im Klinikum Großhadern, gestern hat sie die Infusion mit den CAR-T-Zellen bekommen. Ob die Therapie bei ihr anschlägt, weiß sie noch nicht.

"Wenn ich vor einem Jahr krank gewesen wäre, hätte es diese Therapie noch nicht gegeben. Dann hätte ich keine Überlebenschance gehabt. Ich hoffe, dass genau diese Therapie jetzt wirkt und ich in drei Monaten sagen kann, dass ich gesund bin."

Monika Baumgartner

CAR-T-ZELL-Therapie: Nebenwirkungen der Therapie

Die Behandlung mit CAR-T-Zellen in der Klinik dauert rund zwei Wochen, wenn es keine Komplikationen gibt. Doch oft treten Nebenwirkungen wie Fieber oder Müdigkeit auf. Und:

"In sehr seltenen Fällen können schwere, neurologische Nebenwirkungen auftreten. Wo Patienten Krampfanfälle bekommen haben, ins Koma gefallen sind. Und in einigen Studien gab es auch vereinzelt Todesfälle infolge dieser neurologischen Nebenwirkungen."

Prof. Dr. med. Marion Subklewe, Klinikum der Universität München

Der Grund: Das Immunsystem reagiert oft so stark, dass sich eine Entzündung im ganzen Körper ausbreitet, ein sogenannter Zytokinsturm. Um die Nebenwirkungen so effektiv wie möglich zu bekämpfen, arbeiten die Onkologen am Klinikum Großhadern eng mit Internisten, Hämatologen, Intensivmedizinern und Neurologen zusammen.

CAR-T-ZELL-Therapie: auch bei anderen Krebsarten wirksam?

Die Therapie ist sehr teuer. Sie kostet pro Patient rund 300.000 bis 400.000 Euro. Forscher und Ärzte hoffen aber, dass die Kosten sinken, wenn die Therapie öfter eingesetzt wird, in Zukunft vielleicht auch bei anderen Krebsarten. Studien laufen zu Tumoren in Lunge, Gehirn-, Haut, Nieren, Darm, Brust, Eierstöcken und Bauchspeicheldrüse.

"Wir versuchen, dieses Prinzip gegen eine Reihe von anderen Tumorerkrankungen zu wenden. Ob das funktioniert, wissen wir nicht. Aber zumindest vom Ansatz her erscheint es momentan prinzipiell möglich."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Klinikum der Universität München

Hoffnung, aber noch nicht für alle Krebspatienten

Bei Peter Linkert hat die Therapie angeschlagen. Sein Tumor ist verschwunden. Er fühlt sich endlich besser.

"Ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe, dass der Tumor nicht wiederkommt, dass ich wieder meine alte Fitness bekomme. Und dass man noch möglichst viele Jahre miteinander genießen kann."

Peter Linkert

Vier Wochen später - wir fragen bei Monika Baumgartner nach. Und: Auch ihr geht es schon besser. Die Lymphome sind nur noch minimal vorhanden.

Die CAR-T-Zell-Therapie schafft neue Hoffnung für einige Krebspatienten. Doch bis viele von dieser Therapie profitieren können, ist noch viel Forschungsarbeit nötig.


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