BR Fernsehen - Gesundheit!


3

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht Zu viel Leid am Lebensende?

Der Fall Sening hat für Diskussionen gesorgt: Der schwer demenzkranke Vater von Heinz Sening war jahrelang durch künstliche Ernährung am Leben gehalten worden. Das war zu viel unnötiges Leid, sagt der Sohn und fordert zusammen mit seinem Anwalt Schadensersatz und Schmerzensgeld vom behandelnden Arzt. Nächste Woche entscheidet der Bundesgerichtshof, ob der Arzt tatsächlich belangt wird.

Von: Veronika Keller

Stand: 25.03.2019

Ob und wie lange Therapien am Lebensende angewandt werden, entscheiden zwei Faktoren: die Indikation, die der Arzt stellt, und der Wille des Patienten. Für Rechtsanwalt Wolfgang Putz, der den Kläger Heinz Sening vor Gericht vertritt, ist dieser Fall besonders interessant, denn der Patientenwille war nicht ermittelbar. Heinrich Sening selbst hatte vor seiner Erkrankung mit niemandem über seine Wünsche fürs Lebensende gesprochen. Die Entscheidung über lebensverlängernde Maßnahmen traf also der Arzt allein.

"Der Arzt muss in allen Bereichen des Handelns Leitlinien beachten. Wenn er abweichen will, dann muss er es begründen. Und es gibt, was viele eben nicht wissen, längst Leitlinien, wie ich mit einem verlöschenden Leben umgehe, wann kein Therapieziel mehr zu beschreiben oder zu erreichen ist. Und so ein Fall lag hier vor."

Wolfgang Putz, Fachanwalt für Medizinrecht, München

Welche Therapien brauchen Patienten am Lebensende?  

Prof. Frank Erbguth betreut immer wieder Patienten, die wegen einer neurologischen Erkrankung selbst keine Entscheidungen mehr treffen können. Oft stellt sich dann auch die Frage: Wie viel lebenserhaltende Maßnahmen sind sinnvoll? Und was wäre zu viel?

"Es wird viel im medizinischen Alltag übertherapiert mit dem Argument: im Zweifelsfall lieber mehr machen. Deutschland hat im Vergleich mit anderen europäischen Ländern die höchste Magensondenquote. Skandinavische Länder liegen da bei einem Viertel. Also wir sind da schon sehr automatistisch unterwegs. Wenn der Patient nicht mehr gescheit isst, dann gib es gleich eine Sonde."

Prof. Dr. med. Frank Erbguth, Neurologe, Klinikum Nürnberg

Patientenverfügung: Regelungen für die letzte Lebenszeit

Damit Ärzte im Fall der Fälle einen Anhaltspunkt haben, um solche Entscheidungen im Sinn des Patienten zu treffen, gibt es die Möglichkeit einer Patientenverfügung. Eva Eberle hatte eine. Sie war Patientin bei Prof. Erbguth und ist im November gestorben. Sie und ihr Mann hatten schon Jahre vorher Patientenverfügungen verfasst, um ihren Willen fürs Lebensende festzuhalten.

"Wir haben uns beide vorgestellt, wir wollen nicht mehr leben, wenn wir kein selbstbestimmtes Leben mehr haben können. Dann soll man uns nicht maschinell oder künstlich am Leben halten."

Martin Eberle

Als Eva Eberle einen schweren Schlaganfall erlitt, war für ihre Familie relativ bald klar, dass man sie gehen lässt, denn man hatte ja vor der Erkrankung mit ihr darüber gesprochen. Martin Eberle ist heute froh, dass seine Frau das Thema Sterben nicht verdrängt hatte und er ihre Wünsche kannte.

"Ich habe auch kein schlechtes Gewissen deswegen, überhaupt nicht. Ich bin froh, dass es so über die Bühne ging. Es ist ein Glück, wenn man so sterben darf, wenn man einfach einschläft."

Martin Eberle

Wer mitten im Leben steht, denkt meist nicht gern ans Ende. Doch ein offener Umgang mit dem Tod kann den eigenen Angehörigen und auch den behandelnden Ärzten helfen. Eine Patientenverfügung empfiehlt Medizinrechtler Putz allen Menschen, gerade den gesunden. Denn sie ist für den Fall gedacht, dass man plötzlich nicht mehr selbst entscheiden kann. Einen Vordruck kann man beim Bayerischen Justizministerium bestellen oder herunterladen. Ankreuzen ist dabei sicherer als es selbst zu formulieren.

"Es gibt sehr viele Patientenverfügungen, die sind ungefähr so formuliert: ‚Wenn keine sinnvolle Lebenserhaltung mehr möglich ist, dann möchte ich von Maschinen und Schläuchen abgehängt werden.‘ Da stolpert der Jurist schon über das Wort ‚sinnvoll‘, denn es gibt keine Definition von sinnvoll. Man muss bei solchen Fällen eine Lösung finden, indem man die Angehörigen fragt: Was hat der Verfasser gemeint?"

Wolfgang Putz, Fachanwalt für Medizinrecht, München

Vorsorgevollmacht: oft wichtiger als Patientenverfügung

Wichtiger als die Patientenverfügung ist deshalb die Vorsorgevollmacht. Sie beauftragt eine Vertrauensperson, im Zweifel zu entscheiden. Alfred Gruber hat das berücksichtigt. Er ist krebskrank und lebt im Hospiz. Neben der Patientenverfügung hat er auch eine Vorsorgevollmacht für seine Tochter ausgestellt.

"Mit der Tochter habe ich schon geredet. Ich habe gesagt: Wenn es soweit ist, lass mich bitte gehen. Ich bilde mir ein, dass es für sie dann vielleicht leichter ist."

Alfred Gruber

Schwer gefallen ist ihm das Gespräch nicht. Und dank der beiden Dokumente macht er sich keine Sorgen um sein Lebensende.

Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht sollte man an einem Ort aufbewahren, der Vertrauenspersonen bekannt ist, zum Beispiel in der Schreibtischschublade. Denn nur wenn es Menschen gibt, die darüber Bescheid wissen, können die Dokumente auch zum Arzt gelangen und seine Entscheidung mit beeinflussen. Der Neurologe Prof. Erbguth jedenfalls sieht dem BGH-Urteil positiv entgegen:

"Im Moment wird eher gefürchtet: Wenn man zu wenig macht, gibt es Probleme. Und in Zukunft wird sich vielleicht auch gefragt - und das ist vielleicht eine gute Balance – mache ich zu viel? Für ganz schlecht halte ich das nicht."

Prof. Dr. med. Frank Erbguth, Neurologe, Klinikum Nürnberg


3