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Gentests Krankheitsrisiken per Speichelprobe

Erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Herzinfarkt oder Diabetes? Mit einem Gentest kann man in die gesundheitliche Zukunft blicken. Doch das Wissen um das eigene Schicksal kann enorm belastend sein. Gesundheit! über Vor- und Nachteile von Speicheltests.

Von: Herbert Hackl

Stand: 26.03.2018

Kommerzielle Gentestanbieter versprechen im Internet, Krankheitsrisiken zuverlässig abschätzen zu können. Eine Speichelprobe genügt, und der Kunde weiß in sechs Wochen darüber Bescheid, wie seine gesundheitliche Zukunft aussehen könnte.

Experten aber warnen: Die Ergebnisse solcher Tests sind alles andere als verlässlich. Sie verunsichern nur. Oder noch schlimmer: Sie können die Menschen in falsche Sicherheit wiegen.

Krankheitsrisiken in den Genen

Unbestritten ist, dass bestimmte Eigenschaften oder Veränderungen in der Erbinformation mit vielen Erkrankungen in Zusammenhang stehen. Von Alzheimer bis Zöliakie (eine Allergie gegen Gluten, das in vielen Getreidesorten steckt) - immer sind auch verschiedene Gene mit beteiligt. In vielen Fällen aber nicht alleine.

Gerade bei Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus (Altersdiabetes), Bluthochdruck oder koronaren Herzerkrankungen spielen auch die Lebensgewohnheiten eine wesentliche Rolle. Oft sind diese Lebensgewohnheiten die Hauptfaktoren für den Ausbruch einer Erkrankung und nicht die Gene.

Erbliche Krankheitsrisiken

Daneben gibt es aber Krankheiten, bei denen die Gene, genauer deren Veränderungen (Mutationen), den Haupteinfluss darauf haben, ob eine Krankheit ausbricht oder nicht. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Tumorerkrankungen. Liegen solche genetischen Veränderungen im Erbgut eines Menschen vor, kann er sie weitervererben. Die Familiengeschichte und die vorkommenden Erkrankungen geben also Hinweise darauf, dass erbliche Krankheitsrisiken vorliegen könnten.

Spezifischer Gentest

In diesen Fällen gibt es die Möglichkeit, das persönliche Krankheitsrisiko feststellen zu lassen. Die dafür nötigen Gentests werden von spezialisierten Labors durchgeführt. Sie untersuchen gezielt die Veränderungen in bestimmten Genen. Je nachdem, welche Veränderung vorliegt, können die Genetiker ein statistisches Risiko für eine spätere Erkrankung errechnen. Diese Berechnungen beziehen sich auf große wissenschaftliche Studien. Sie sind also in ihrer Aussage sehr verlässlich.

Beim erblichen Dickdarmkrebs zum Beispiel kann der Patient dann ein hohes Risiko von 60 bis 90 Prozent oder ein eher geringes Risiko von 20 bis 30 Prozent in sich tragen. Darauf abgestimmt empfehlen die Ärzte den Beginn von Früherkennungsuntersuchungen - und auch in welchem Abstand sie durchgeführt werden sollen. So lässt sich, zumindest bei dieser Erkrankung, Vorsorge treffen und ein einigermaßen unbeschwertes Leben führen.

Kommerzielle Gentest-Anbieter

Kommerzielle Gentest-Anbieter werben meist mit einem ziemlich umfassenden Angebot. Vom Vaterschaftstest über die Berechnung von Krebsrisiken bis hin zur Veranlagung für bestimmte Volkskrankheiten – alles scheint ganz einfach und verlässlich möglich zu sein.

Speichelprobe

Nachdem der Kunde ein paar Daten preisgegeben und den Test bezahlt hat, bekommt er die Utensilien für eine Speichelprobe geschickt. Eine Probe seines Speichels – und damit auch Zellen mit seiner Erbinformation – schickt der Kunde wieder zurück an den Anbieter. Der sitzt meist im Ausland, denn in Deutschland sind Gentests, bei denen es um die Gesundheit geht, verboten.

Nach etwa sechs Wochen erhält der Kunde eine komplette Auswertung seiner genetischen Veranlagungen und daraus berechnete mögliche Krankheitsrisiken. Eine Auswertung, die vorgibt, Krankheitsrisiken abschätzen zu können.

Falsche Sicherheit durch Gentests

Tatsächlich werden bei solchen Tests auch bestimmte Gene nach bestimmten Veränderungen abgesucht. Zum Beispiel, um das Risiko für Brustkrebs zu berechnen. Doch kommerzielle Gentestanbieter prüfen meist nur einige der möglichen Veränderungen in den Brustkrebsgenen. Liegen diese spezifischen Mutationen nicht vor, wird die Kundin die Auskunft erhalten, dass sie nur ein sehr geringes oder gar kein Risiko hat, an Brustkrebs zu erkranken.

Dabei kann es aber sein, dass das Brustkrebsgen auf eine Weise verändert ist, welche vom Testanbieter gar nicht geprüft wurde. Die Mutation ist an einer anderen Stelle. Die kommerziellen Testergebnisse gaukeln also eine falsche - und vielleicht fatale - Sicherheit vor.

Gentests: Berechnung ohne Grundlage

Wenn es um Risiken von Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus, Hochdruck oder koronare Herzerkrankungen geht, verfahren die kommerziellen Gentests auf eine andere Weise. Das Erbgut wird nach zufälligen kleinsten Mutationen durchsucht. Anhand der Kombination dieser Veränderungen berechnen die Anbieter dann das statistische Risiko für die jeweilige Erkrankung. Für diese Art der Berechnung gibt es aber keine verlässlichen wissenschaftlichen Untersuchungen und Studien. Weder ist abschließend bekannt, welche Gene mit welchen Krankheiten tatsächlich in Verbindung stehen, noch ist klar, welches Risiko mit welcher Kombination von genetischen Veränderungen einhergeht.

Diese Art der Berechnung von Krankheitsrisiken ist nach Meinung von Experten alles andere als wissenschaftlich abgesichert.

Halbe Wahrheit durch Gentests

Gerade bei Volkskrankheiten spielen auch Lebensgewohnheiten eine große Rolle. Ob jemand jung ist und viel Sport treibt, oder ob jemand älter ist und unter Übergewicht leidet, hat sicherlich etwas mit dem Herzinfarktrisiko zu tun. Solche Daten werden aber bei kommerziellen Gentests gar nicht abgefragt.

Die Berechnungen finden ohne medizinische Grundlage statt, ohne Einbeziehung der Lebensgewohnheiten und des körperlichen Zustands des Kunden. Der Einfluss der Gene, wenn er denn in der Form überhaupt gegeben ist, entspricht günstigstenfalls nur der halben Wahrheit. Die Ergebnisse führen oft zur Verunsicherung. Die Kunden können sie nicht deuten. Eine Beratung findet nicht statt.

Beratung bei Gentests vorgeschrieben

Auch beim spezifischen Gentest im Falle von erblichen Krankheitsrisiken ist nie sicher, ob die Krankheit dann auch wirklich ausbricht. In solchen Fällen mag es natürlich als unnötige Belastung erscheinen, wenn man um das Krankheitsrisiko weiß. Deshalb sollte auch vor der Entscheidung für einen Gentest eine ausführliche Beratung stattfinden. Erst wenn man sich klar gemacht hat, wie das Wissen um ein Krankheitsrisiko das Leben beeinflussen kann, sozial wie beruflich, sollte man sich entscheiden.

Eine Beratung nach dem Gentest wiederum, kann die Weichen für den Kampf gegen das Krankheitsrisiko stellen. In Deutschland sind beide Beratungen vorgeschrieben.


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