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Im Fall der Fälle Vorsorgevollmacht: Was ist wichtig?

Eine Vorsorgevollmacht legt fest, wer wichtige Lebensentscheidungen trifft, wenn man es selbst nicht mehr kann. Warum das so wichtig ist, zeigt "Gesundheit!".

Von: Veronika Keller

Stand: 03.12.2018

Karin und Andreas Sax stehen mitten im Leben, sie reisen gern, zwei der drei volljährigen Kinder wohnen noch zu Hause. In letzter Zeit fragen sich die Eltern, was wäre, wenn sie einen Unfall hätten oder schwer krank würden. Wer darf dann Entscheidungen treffen, zum Beispiel über lebensverlängernde Maßnahmen?

"Ich möchte in erster Linie meinen Partner und die ganze Familie schützen, insofern dass ich sage: Ich entscheide das heute mal so, dass ich bestimmte Maßnahmen nicht haben möchte, wenn eine Notsituation eintritt. Ich möchte diese Entscheidung nicht auf andere Familienangehörige abwälzen."

Karin Sax

Vorsorgevollmacht: gemeinsames Besprechen und Vertrauen

Dass es für Angehörige sehr schwierig sein kann, im Krankheitsfall über die Gesundheit und das Leben eines Partners oder Elternteils zu entscheiden, kann sich Karin Sax gut vorstellen. Schließlich hatte sie selbst mit dem Thema zu tun, als ihre Mutter schwer krank wurde.

Bevor sie ins Koma fiel, hatte sie geäußert, dass ihr Leben nicht mit einer Magensonde verlängert werden solle. Über das Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht haben sie und ihr Mann deshalb schon gesprochen, auch mit ihren Kindern.

"Es ist wirklich kein schönes Thema, und man will auch gar nicht daran denken, dass es irgendwann dazu kommt, dass man es braucht. Aber ich denke, es ist schon wichtig, dass man Bescheid weiß."

Nina Sax, Tochter von Karin Sax

Fehlende Vorsorgevollmacht: Oft wird es schwierig

So offen wie Familie Sax gehen nicht alle mit diesem schwierigen Thema um. Prof. Volker Thieler ist Anwalt für Betreuungsrecht und macht immer wieder die Erfahrung, dass die Deutschen sich mit solchen Fragen ungern beschäftigen. Oft gehen sie davon aus, dass es Vorkehrungen für solche Fälle gar nicht braucht.

"Der Durchschnittsbürger in Deutschland denkt, mein Ehepartner, mein Sohn, mein Vater, sind für mich tätig, wenn ich einen Unfall habe, wenn mir irgendwas passiert. In Deutschland hat man aber keine gesetzliche Stellvertretung. Der Ehepartner vertritt nicht, der Vater nicht, der Sohn nicht, sondern man muss eine Vorsorgevollmacht haben, sonst ist die Vertretung so geregelt, dass ein gesetzlicher Betreuer vom Gericht herbestellt wird. Das kann der Ehepartner sein, das kann aber auch oft ein anderer sein."

Prof. Dr. jur. utr. Volker Thieler, Anwalt für Betreuungsrecht, München

In der Familie von Heike Schall ist genau das eingetreten. Ihre Mutter konnte sich nach einer Gehirnblutung nicht mehr selbst versorgen. Das Gericht setzte einen fremden Betreuer ein, der sich um das Vermögen, die Gesundheitsversorgung und den Aufenthaltsort ihrer Mutter kümmern sollte. Mit dem Heim, in dem er die Frau unterbrachte, war die Familie unzufrieden.

"Meine Mutter hat nicht mehr gelacht, sie hat auch nichts mehr gesagt. Sie war einfach nur noch ruhig. Sie hat sich nur noch bewegt vom Bett zum Essen und vom Essen ins Bett, fertig. Mehr war da nicht mehr."

Heike Schall

Keine Vorsorgevollmacht: Bestellter Betreuer nicht aus der Familie  

Die Familie fühlte sich hilflos. Lange konnte sie nichts unternehmen, um ihrer Mutter zu helfen, schließlich war der Betreuer rechtmäßig eingesetzt worden. Erst mit Hilfe mehrerer Anwälte konnte sich die Familie die Betreuung der Mutter erkämpfen. Die Mutter von Heike Schall ist inzwischen in einem neuen Heim untergebracht, wo die Pflege der Familie gut erscheint. Hätte ihre Mutter den Kindern rechtzeitig eine Vorsorgevollmacht ausgestellt, hätten Entscheidungen wie die über den Wohnort von Anfang an bei der Familie gelegen.

Vorsorgevollmacht: Handlungsfreiheit in Krisenzeiten

Familie Sax will im Fall der Fälle selbst füreinander entscheiden können und holt sich deshalb juristischen Rat. Wolfgang Putz ist Anwalt für Medizinrecht und soll ihnen erklären, wie man eine Vorsorgevollmacht richtig ausstellt. Sein erster Tipp für Familie Sax: Die Ehepartner sollten nicht nur sich gegenseitig bevollmächtigen, sondern zur Sicherheit mehrere Vollmachten ausstellen.

"Wenn einer einen Schlaganfall hat, wird der andere wohl gesund sein, aber wenn man einen gemeinsamen Autounfall hat, geht es ganz schnell, dass man sagt: Jetzt bräuchte man noch einen weiteren Bevollmächtigten. Und deswegen sollten die Kinder auch Vollmachten haben."

Wolfgang Putz, Anwalt für Medizinrecht, München

Vorsorgevollmacht: Tipps vom Experten

Keine Bedingungen

Eine Vollmacht darf keine Bedingungen enthalten. Es sollte zum Beispiel nie darin stehen. „Für den Fall, dass ich einmal schwer krank bin und nicht mehr entscheiden kann...“ oder ähnliches. Eine Vollmacht hat ohnehin den Grundgedanken, dass sie erst dann gilt, wenn der Vollmachtgeber nicht mehr entscheiden kann.

Vordrucke nutzen

Um Fehler beim Formulieren zu vermeiden, sollte man auf Vordrucke zurückgreifen. Aber Vorsicht, im Internet kursieren alle möglichen Formulare, auch fehlerhafte. Sicher sind zum Beispiel die auf der Website des Justizministeriums.

Aufbewahrung

Ist die Vollmacht unterschrieben, sollte man sie an einem leicht zugänglichen Ort aufbewahren, den der Bevollmächtigte kennt, zum Beispiel in der Schreibtischschublade.

Reden, reden, reden

Damit der Bevollmächtigte über den Willen des Vollmachtgebers Bescheid weiß, hat Wolfgang Putz noch einen besonders wichtigen Tipp:
„Drei Dinge sind am wichtigsten: Reden, reden, reden.Man muss die Bevollmächtigten an einen Tisch bringen und sagen: Leute, ihr dürft nur das machen, was ich wollte, das ist mein Wille. Das muss man besprechen, auch wenn es kein angenehmes Thema ist.“ Wolfgang Putz, Anwalt für Medizinrecht, München

Jeder sollte ...

... wie schon erwähnt, eine Vorsorgevollmacht haben. Denn bei einem Autounfall können zum Beispiel auch beide Eltern einer Familie betroffen sein.

Heike Schall hat aus der Geschichte mit ihrer Mutter gelernt. Alle volljährigen Familienmitglieder haben sich inzwischen gegenseitig Vorsorgevollmachten ausgestellt. Denn alle sind sich einig: Innerhalb der Familie ist bei ihnen das Vertrauen am größten.

Vordrucke für eine Vorsorgevollmacht finden Sie hier:


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