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Pferde, Reiten Reittherapie: Wie Pferde helfen können

Pferde als Co-Therapeuten bei ADHS, Angststörungen oder Autismus. Dazu braucht es vor allem Vertrauen zwischen Patienten und Tieren. Gesundheit! Reporterin Veronika Keller möchte heute dieses Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Pferd kennenlernen.

Von: Manuel Steiger

Stand: 11.02.2019

Pferde sind seit Jahrtausenden Begleiter des Menschen

Menschen mit psychischen oder körperlichen Einschränkungen haben, je nach Krankheitsbild, die Wahl aus einer Vielzahl an Therapien. Pferde flößen den meisten Menschen Respekt ein. Viele Menschen, wie auch Gesundheit! Reporterin Veronika Keller, halten deshalb eher Abstand. Heute wird sich das für sie ändern. Sie schaut sich auf dem Spitzauer Hof bei Vaterstetten bei Reittherapeut Martin Pröttel an, wie Pferdetherapie funktioniert.

Pferde als Co-Therapeuten

Sich auf etwas einlassen, Verhalten und Reaktion seines Gegenübers richtig deuten, das vermittelt der Psychomotorik- und Reittherapeut Martin Pröttel  mit Hilfe seiner Vierbeiner seinen Patienten. Was ist das Besondere an Pferden, dass sie bei Therapien helfen können?

"Wir machen Reittherapie oder pferdegestützte Therapie. Zu uns kommen Menschen, die eine Grenzerfahrung hinter sich haben, posttraumatische Belastungsstörung haben oder unter Depressionen leiden.
Pferde locken uns im Rahmen der Beziehungsgestaltung, also dem Umgang mit dem, wie wir miteinander in Kontakt gehen, wie wir uns zeigen, wie wir unsere Körpersprache einsetzten. Und da dienen Pferde als Motivator, geben Feedback und öffnen auch emotionale Prozesse."

 Martin Pröttel, Psychomotoriktherapeut/Mototherapeut, Reittherapeut für Heilpädagogisches Reiten DKThR

Auch Veronika Keller hat ziemlichen Respekt vor den großen Tieren. Die Gelegenheit, ihre Angst zu überwinden und dabei am eigenen Leib zu erleben, wie Reittherapie funktioniert, will sie sich nicht entgehen lassen. Dazu muss sie aber erst einmal Vertrauen zu Ramses aufbauen. Ziel für sie ist es, den mächtigen Vierbeiner zu longieren und zum Galoppieren zu bringen, aber das erst später.

Adrian und Ramses: Was kann ein Pferd bewirken?

Striegeln und Putzen: Zeit des Kennenlernens

Der 25-jährige Adrian ist Autist und kann nur schwer Nähe zulassen. Auch er wird heute mit Ramses arbeiten. Unterstützt wird er dabei von Therapeutin Judith Goßmann. Seit fünf Jahren ist er bei ihr in Behandlung. Adrian zeigt Veronika Keller, wie man ein Pferd putzt. Inwiefern hat das aber mit der Therapie zu tun?

"Putzen verbinden wir immer gleich mit Saubermachen. Es kommt uns aber nicht darauf an, ob das Pferd jetzt sauber ist. Wir nutzten das Putzen, damit das Pferd und der Reiter miteinander in Kontakt kommen, Vertrauen aufbauen und Nähe entstehen kann. Nähe zulassen ist ein ganz großes Thema. Dem einen fällt es leicht und dem anderen ganz schwer."

Martin Pröttel, Psychomotoriktherapeut/Mototherapeut, Reittherapeut für Heilpädagogisches Reiten DKThR

Für Adrian ist Kontinuität der Schlüssel zum Erfolg. Er arbeitet immer nur mit Ramses. Was gefällt ihm an Ramses?

Öffnen emotionale Prozesse und geben direktes Feedback: Pferde in der Therapie

"Ramses ist so ruhig und neugierig. Der schaut auch immer nach mir. Der passt auf mich auf. Das Pferd jetzt so zu berühren, das ist auch angenehm, dieses weiche und warme Fell zu spüren. Er hat ja schon seinen eigenen Willen, aber ich kriege das gut hin."

Adrian

Reittherapie: Mit Ruhe und Kontinuität

Reittherapie: Chancen für Menschen mit unterschiedlichsten Handicaps

Adrian hat das mächtige Tier gut im Griff. Bei Martin Pröttel und seinem Therapeutenteam läuft eine Therapiestunde in der Regel immer gleich ab: Zunächst führt er ein Vorgespräch. Dann geht es in eine Begrüßungsphase mit dem Pferd, zu dem auch das Putzen gehört. Erst dann geht es ans eigentliche Reiten. Für Adrian ist besonders Schmutz und Nässe ein Problem. Doch wenn er bei Ramses ist, spielt das keine Rolle mehr. Aber kann das Pferd Adrian wirklich heilen?

Reittherapie: unmittelbare Beziehung ohne Worte

"Für mich, in meiner Anschauung, ist das Pferd einfach nur Pferd, in keinster Weise heilsam. Das Pferd ist einfach nur da und die Art, wie wir das Pferd einsetzten, als Zugang zu mehr Emotionalität, als Zugang zu mehr Motivation oder das Pferd als Feedbackgeber, das macht die ganze Sache therapeutisch. Für uns als Therapeuten öffnet das Pferd Türen zu den Emotionen der Menschen und das in relativ kurzer Zeit. Und davon profitieren wir sehr.
Jetzt zum Beispiel sehe ich gerade, wie Adrian Ramses streichelt und sein ganzes Gewicht an ihn abgegeben hat, und da ist gerade so viel Gefühl drin. Und dann sehe ich, wie Ramses das genießt. Das tut dem gerade richtig gut."

Martin Pröttel, Psychomotoriktherapeut/Mototherapeut, Reittherapeut für Heilpädagogisches Reiten DKThR

Therapie mit Pferden auch für Familien

Reittherapie: Chance auch für Familien

Eine Therapie kann man aber nicht nur als Einzelperson machen, sondern auch als Familie. Eine ganz besondere Art der Reittherapie ist die Eltern-Kind-Arbeit. Bei Problemen zwischen Eltern und Kindern können Pferde manchmal Wunder wirken. Das Geheimnis dabei ist, dass sich dabei alle auf Augenhöhe begegnen können. Oft stellt sich die Frage, wer welche Rolle in der Familie einnimmt. Auch bei Mutter Andrea und Tochter Katharina geht es um die Gestaltung ihrer Beziehung. Wie ist das bei ihnen als Mama-Tochter-Team, warum machen sie das hier?

"Katharina hat den Wunsch gehabt zu Reiten, was für mich eine unglaubliche Hürde war, weil ich mich noch nicht einmal in den Pferdestall getraut habe. Und zu sagen: jetzt bin ich mal mutig und hüpfe über die Hürde und lasse mich begleiten, deswegen sind wir hier.

Also ich finde, das drückt auch sehr viel Liebe aus, das man sagt: Ich mach das jetzt! Also ich weiß ja, wie das war. Ich habe da jetzt Angst und mittlerweile ist das so, dass die Mama ein bisschen mutiger ist als ich."

Andrea und Katharina, , Mutter und Tochter

Oft fehlt es im Alltag auch einfach an Leichtigkeit und Einfühlungsvermögen. Welche Menschen kommen noch zur Pferdetherapie?

"Da hinten trabt gerade die kleine Johanna und da geht es ganz viel um Gleichgewicht fühlen, um die Motorik zu schulen, aber auch darum, Leichtigkeit zu spüren, Freude, in eine Leichtigkeit zu kommen, die sich gut anfühlt."

Martin Pröttel, Psychomotoriktherapeut/Mototherapeut, Reittherapeut für Heilpädagogisches Reiten DKThR

Reittherapie: Freude, Leichtigkeit und Einfühlungsvermögen

Diese Leichtigkeit hat Johanna etwas verloren. Sie lebte die vergangenen drei Jahre in China. Hier hatte sie immer einen Sonderstatus. Sie soll sich wieder erden. Fühlen, wie man sich selbst wahrnimmt, aber auch wie das Pferd auf einen reagiert, dass soll sie in der Reittherapie erfahren.

Reittherapie: Chance für viele

Therapiepferde auf der Koppel

Man kann sicher nicht jede Krankheit auf dem Rücken eines Pferdes heilen, aber Menschen mit Depressionen, ADHS oder Autismus können von Pferdetherapie profitieren. Doch wo liegen die Grenzen? Gibt es auch Menschen, für die eine Pferdetherapie nicht geeigent ist? Und wenn doch eine Reittherapie geeigent ist, zahlt das die Krankenkasse?

"Das gibt es natürlich auch, gerade Menschen, die mit Pferden von Vorneherein einfach nichts zu tun haben wollen, die finden mit Sicherheit eine Therapieform, die sich für sie besser anfühlt.
Eine Kostenübernahme wäre schön. Leider sind wir in Deutschland noch nicht soweit. In Österreich ist es so, dass die Krankenkassen das übernehmen. Wir haben letztendlich Selbstzahler oder auch Stiftungen, die einen Therapievertrag finanzieren."

Martin Pröttel, Psychomotoriktherapeut/Mototherapeut, Reittherapeut für Heilpädagogisches Reiten DKThR

Zum Abschluss ist Veronika Keller selbst dran, mit ihrer eigenen Aufgabe. Sie soll  Ramses longieren, auf der Kreisbahn halten und ihn ohne Berührung zum Galoppieren bringen. Auf geht’s Ramses, los ...

Ungewohnte Kommunikation: Pferde reagieren auf kleinste Bewegungen und Änderungen der Körpersprache.

Gesundheit! Reporterin Veronika Keller hat der Ehrgeiz gepackt. Sie möchte zeigen, dass sie sich in Ramses einfühlen kann. Ganz klappt das mit dem Galoppieren zwar nicht, aber zumindest zum Traben hat ihn Veronika Keller gebracht. Aufgabe erfüllt. Sie hat ihre Challenge bestanden und dabei nicht nur etwas über Pferdetherapie gelernt, sondern auch darüber, wie wichtig Vertrauen und Offenheit zwischen Mensch und Tier sind.


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