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Tabu-Thema Mundgeruch Wie Mundgeruch entsteht und was hilft

Auch wenn keiner gern darüber spricht – Mundgeruch ist weit verbreitet. Doch darüber zu reden ist nach wie vor tabu. Dabei kann Betroffenen in der Regel schnell geholfen werden.

Von: Susanne Wimmer

Stand: 22.06.2020

Beim Thema Mundgeruch gibt es keine regionalen Unterschiede, sagt Prof. Andreas Filippi. Rund jeder Vierte weltweit leidet zu bestimmten Tageszeiten an einem unangenehm riechenden Atem, etwa fünf Prozent Tag und Nacht. Er muss es wissen, seit fast 20 Jahren erforscht der Leiter der Klinik für Oralchirurgie im Schweizerischen Basel die Ursachen von Halitosis (lateinisch halitus: Atem, Hauch). Filippi gibt Kurse, hat Bücher geschrieben und sogar eine App entwickelt. Mehrere hundert Mails erreichen ihn jedes Jahr.  

"Der Leidensdruck wird oder ist dann hoch, wenn im privaten Umfeld den Betroffenen immer wieder gesagt wird, dass sie Mundgeruch haben oder noch unangenehmer, wenn der Arbeitgeber dies kommuniziert und sogar der Arbeitsplatz auf dem Spiel steht."

Prof. Dr. med. dent. Andreas Filippi, Klinikleiter der Klinik für Oralchirurgie, UZB Basel  

Mundgeruch kommt fast nie aus dem Magen

Mundgeruch: Die Ursache liegt tatsächlich bei den meisten im Mund.

Anders als viele meinen, liegt die Ursache dafür übrigens fast nie am Magen. Doch weil das selbst unter Ärzten nicht ausreichend bekannt ist, verschlimmern sie die Pein ihrer Patienten oft. Dabei müsste der erste Weg immer zum Zahnarzt führen. Denn in rund 90 Prozent der Fälle kann er weiterhelfen.   

"Noch immer ist die Zahl der Magenspiegelungen, die wegen Mundgeruch gemacht werden, zu hoch. Die häufigste Ursache für Mundgeruch ist eben tatsächlich der Mund und dort haben wir Bakterien, die in Biofilmen leben. Der bekannteste Biofilm ist die Plaque auf den Zähnen und in diesen Biofilmen leben Bakterien, die Mundgeruch produzieren können."

Prof. Dr. med. dent. Andreas Filippi, Klinikleiter der Klinik für Oralchirurgie, UZB Basel  

Wie erkennt man eigenen Mundgeruch?

Eigenen Mundgeruch zu erkennen ist nicht leicht.

Der Haken: Wer unter Mundgeruch leidet, merkt es selbst oft gar nicht. Von vermeintlichen Tipps wie das Handgelenk ablecken, einen Löffel anhauchen oder am Zahnbelag riechen, hält Halitosis-Experte Filippi nichts. Er rät dazu, den Partner oder Freunde danach zu fragen. Das kostet zwar Überwindung, ist aber ein guter Indikator.

Die Airbag-Methode: wirksamer Mundgeruch-Selbsttest

Wirksamer Selbsttest für Mundgeruch: Die Airbag-Methode

Verlässlicher als die oben genannten Tipps ist dem Fachmann zufolge die sogenannte Airbag-Methode. Dazu benötigt man einen geruchsfreien Plastikbeutel mit mindestens sieben Liter Fassungsvermögen. Den bläst man auf und hält ihn mit der Hand zu. Danach für ein paar Minuten die Nase an der frischen Luft neutralisieren oder an Kaffeebohnen riechen. Dann den Beutelinhalt langsam vor der Nase ausdrücken und den eigenen Atem beurteilen.

Professionelle Mundgeruch-Sprechstunden    

Wer Gewissheit braucht, sollte eine professionelle Mundgeruch-Sprechstunde aufsuchen. Dort wird der Entstehungsort des Mundgeruchs ermittelt und therapiert.

In professionelle Mundgeruch-Sprechstunden wird die Ursache von Mundgeruch systematisch ermittelt.

Leider gibt es davon immer noch viel zu wenige. Andreas Filippi vermutet, dass das Thema im Zahnmedizinstudium zu wenig beachtet findet und somit die Grundlagen der Thematik nicht präsent sind. In der Zahnarzt-Praxis von Maximilian Spänle in Friedrichshafen spielt das Thema eine große Rolle. Neben Zungenbelägen gilt Parodontitis als häufigster Grund für schlechten Atem.  

"Unter Parodontitis versteht man den Knochenabbau oder eine Entzündung des Zahnhalte-Apparats, eine Zahnfleischentzündung. Alles Dinge, die in den meisten Stadien nicht wehtun. Deswegen kommen die Patienten auch meistens nicht zum Zahnarzt und lassen das behandeln. Und deshalb haben wir auch so viele Patienten, die eigentlich ein Problem mit Mundgeruch haben."

Dr. med. dent. Maximilian Spänle, Zahnarzt, Friedrichshafen   

Mundgeruch: So wird die Ursache ermittelt

Mundgeruch: Auch die Untersuchung der Atemluft aus der Mundhöhle kann helfen, die Ursache von Mundgeruch zu finden.

Ein Fragebogen soll dem Behandler erste Hinweise über die Ursache des Mundgeruchs geben. Es folgt eine Untersuchung der Mundhöhle und es wird die Atemluft überprüft. Einerseits durch die Geruchswahrnehmung des Behandlers, andererseits mit speziell dafür entwickelten Geräten, die den Anteil von Schwefelverbindungen in der Ausatemluft messen. Im Durchschnitt werden nur zwei Sitzungen benötigt, um den Mundgeruch erfolgreich zu bekämpfen. Allerdings ist eine Mundgeruch-Sprechstunde keine Kassenleistung.

Weitere Ursachen für Mundgeruch

Mandelsteine sind eher selten, können aber auch Ursache für Mundgeruch sein.

Ungefähr vier Prozent aller Ursachen für Mundgeruch kommen aus dem HNO-Bereich. Entzündete Rachenmandeln sind hier mit Abstand am Häufigsten. Wesentlich seltener spielen die Nasennebenhöhlen eine Rolle oder Mandelsteine. Dabei handelt es sich um weißliche Ablagerungen in den Gaumenmandeln, die von Bakterien verstoffwechselt werden. Sie sind völlig harmlos, können aber einen unangenehmen Geruch verbreiten.

Der Magen-Darm-Trakt ist bei weniger als einem Prozent der Fälle eine Ursache für Mundgeruch, wie etwa bei einem gastro-ösophagealen Reflux. Daneben können selten Diabetes mellitus Typ 1 und im Einzelfall schwere Organerkrankungen Mundgeruch verursachen. 

Es gibt jedoch eine Reihe von Faktoren, die eine Halitosis begünstigen können: Dazu zählen beispielsweise ein geringer Speichelfluss, falsche Ernährung, Rauchen oder Stress. Auch viele Psychopharmaka führen zu Mundtrockenheit und damit Mundgeruch.  

Mundgeruch: Was hilft?

Aus Angst vor schlechtem Atem greifen viele Betroffene zu Mund- und Duftwässern. Diese wirken jedoch nur kurzzeitig und greifen nicht an der Ursache an. Spezielle Mundspüllösungen hingegen können Bakterien teilweise vernichten, sollten aber nicht als Dauertherapie eingesetzt werden.  

Mundgeruch: In den meisten Fällen hilft eine entsprechende Zahnbehandlung und die Umstellung der Zahnhygiene.

Ist Parodontitis Ursache des Mundgeruchs, sollte man eine professionelle Zahnreinigung durchführen lassen und falls erforderlich eine Parodontalbehandlung. Für zu Hause ist die kontinuierliche Anwendung von Zahnzwischenraumbürsten oder Zahnseide zu empfehlen. Die umfassende Mundhygiene erweitern kann auch ein Zungenreiniger.  

Mundgeruch: Halitosis in Corona-Zeiten

Mit speziellen Filtern lässt sich Mundgeruch auch in Corona-Zeiten untersuchen.

Da es für Behandler derzeit nicht ratsam ist, sich Mundgeruch-Patienten ohne Mundschutz zu nähern, wurde an der Uniklinik in Basel nach Möglichkeiten gesucht, die auch virensicher sind. Das Ergebnis ist ein Virenfilter, der mit einer Einmalspritze verbunden ist. Damit können Andreas Filippi und seine Mitarbeiter Luftproben aus der Mundhöhle der Patienten entnehmen und diese in einem Nebenraum auf unangenehm riechende Gerüche hin untersuchen, ohne sich dabei selbst zu gefährden.

Psychisch bedinger Mundgeruch

Manche Patienten haben keinerlei organische Ursachen und dennoch leiden sie oft ein Leben lang. Sie sind davon überzeugt, unerträglichen Mundgeruch zu haben, den aber niemand in der Umgebung wahrnehmen kann. Wichtig sei es daher, so Halitosis-Experte Andreas Filippi, dass dies in Zahnarztpraxen oder professionellen Mundgeruch-Sprechstunden frühzeitig erkannt wird, weil es in solchen Fällen eine psychologische und oder psychiatrische Betreuung brauche. 


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