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Long Covid Genesen – nicht gesund: Corona und die Langzeitfolgen

Das größte Rätsel nach einer Ansteckung mit dem Sars-Cov-2 Virus sind die Langzeitfolgen. Untersuchungen für Deutschland gehen von jedem zehnten Patienten aus. Das wären über 400.000 Menschen. Sie gelten als genesen, sind aber noch lange nicht gesund. Internationale Studien sprechen sogar von 30 Prozent. Die Betroffenen leiden auch sechs Monate später unter Atemnot, chronischer Müdigkeit und psychischen Problemen. Man spricht auch vom Post Covid Syndrom.

Von: Tom Fleckenstein

Stand: 02.01.2022

Chronische Müdigkeit

Karl Baumann lag drei Wochen wegen Corona im Koma. Der 53-Jährige Unternehmer aus der Oberpfalz kommt selbst beim Spazierengehen aus der Puste. Treppensteigen fällt ihm schwer. Er schläft schlecht.

"Die Atemnot, die Müdigkeit, das Fatigue Syndrom, das ist das schlimmste."

Karl Baumann, Long Covid-Patient

Fachambulanzen

In der Fachambulanz in Donaustauf wird bei Karl Baumann regelmäßig das Lungenvolumen untersucht. Dabei wird auch festgestellt, wie viel Sauerstoff er aus der Luft herausholen kann. Und: Wie viel Sauerstoff überhaupt ins Blut gelangt und den Körper versorgt. Der Vorteil einer Fachambulanz: Alle Fachärzte sind an einem Ort und arbeiten zusammen – Pneumologen, Kardiologen, also Experten für Lunge und Herz, aber auch Psychologen. Leiter der Klinik ist Professor Dr. Michael Pfeifer, ein weltweit anerkannter Facharzt für Lungenheilkunde:

"Das große Rätsel ist wirklich, dass die Akuterkrankung überwunden ist. Dass wir relativ wenige Organstörungen noch messen und erkennen können. Aber dass die Patienten trotzdem extrem wenig belastbar sind, ganz schnell erschöpfen, diese Konzentrationsstörungen haben. Das fassen wir auch als Fatigue Syndrom zusammen, aber das ist mehr als wir früher als Fatigue Syndrom gesehen haben, das ist in den Schattierungen und Ausprägungen teilweise ganz unterschiedlich."

Prof. Dr. med. Michael Pfeifer, Chefarzt Pneumologie, Klinik Donaustauf

Noch gibt es viel zu wenige solche Fachambulanzen in ganz Deutschland. In Bayern sind die Unikliniken Ansprechpartner, wie etwa in München, Erlangen-Nürnberg, Regensburg und Würzburg. Ziel ist es, in jedem der sieben Regierungsbezirke eine Fachambulanz einzurichten. Auf die psychotherapeutische Betreuung hat sich die Bezirksklinik Aichach spezialisiert. Für Kinder und Jugendliche sind neben Jena auch die TU München und das Josefinum in Augsburg zuständig. 

Reha-Kliniken

Die Langzeitfolgen betreffen immer öfter auch jüngere Menschen, in der Mehrzahl Frauen wie Christina aus Tiefenbach bei Passau. Die 27-jährige Verwaltungsangestellte lief früher Halbmarathon. Jetzt versucht sie in der Schön-Klinik bei Professor Rembert Koczulla im Berchtesgadener Land wieder auf die Beine zu kommen. Die Ursachen sind unklar, sagt der Lungenfacharzt.

"Man diskutiert Autoimmun-Phänomene, dann eine Hyper-Infiammation, also das heißt, dass vermehrt eine Entzündung vorhanden ist, es gibt möglicherweise auch genetische Ursachen, aber zu welchem Anteil das bei den einzelnen Patienten vorliegt, wissen wir de facto nicht."

Prof. Dr. med. Rembert Koczulla, Chefarzt Fachzentrum für Pneumologie, Schön-Klinik Berchtesgadener Land

Christina ist drei Wochen auf Rehabilitation. Bei der Niederbayerin verlief Corona mild. Doch ein halbes Jahr später fühlt sie sich nur noch schlapp und ist überhaupt nicht mehr belastbar: 

"Es war zwischendurch eine wahnsinnig große psychische Belastung für mich, weil man erstens nicht weiß, was hat man, wie lange dauert es, es ist auch eine große Belastung, wenn man krankgeschrieben ist, nicht arbeiten kann, man fühlt sich ein Stück weit abgeschoben und hat Zukunftsängste."

Christina, Long Covid Patientin

In Reha-Kliniken lernen die Patienten auch Entspannungstechniken und haben Termine bei Psychologen. Das Problem sind jedoch die langen Wartezeiten von bis zu einem halben Jahr und mehr bei einer möglichen psychotherapeutischen Anschlussbehandlung.

Long Covid und Kinder

Kinder leiden deutlich weniger als Erwachsene unter dem Long oder Post Covid Syndrom. Schätzungen sprechen von bis zu zwei Prozent der Infizierten. Aber genaue Zahlen gibt es nicht. Der 10-jährige Jason aus der Nähe von Görlitz ist ständig müde und hat Konzentrationsstörungen. Seine Mutter Christin macht sich Sorgen:

"Jason hat durch die Corona-Erkrankung massive Konzentrationsschwierigkeiten. Hauptsächlich in der Schule, wo er sich dann schon eine Weile konzentrieren muss, was im Moment überhaupt nicht funktioniert. Die Lehrer schildern ihn teils wie apathisch, also dass er auf eine Stelle starrt und überhaupt nicht ansprechbar ist. Die sprechen ihn mehrmals an, auch mit Namen, aber er  reagiert überhaupt nie."

Christin, Mutter

Viele junge Patienten kommen zu Dr. Daniel Vilser in die Fachambulanz in der Universitätsklinik in Jena. Er misst die Gehirnströme und testet die Lungen im Lungenfunktionstest. Per Ultraschall wird das Herz untersucht.

"Die gute Nachricht ist, dass in den allermeisten Fällen das eine Erkrankung ist, die von selbst besser wird. Das heißt mit jeder Woche, die vergeht, hat man eine Chance, dass sich das bessert. Das hilft jetzt nicht den schweren Fällen, die wir wochen- oder monatelang sehen und die keinerlei Besserung erfahren. Die Frage ist, was kann man denen anbieten, dass man das rein symptomatisch im Moment behandeln kann? Es gibt keine kausale Behandlung. Ich kann nicht die reine Ursache behandeln."

Dr. med. Daniel Vilser, Leitender Oberarzt, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Jena

Forschung

Es gibt noch keine Therapie gegen Long Covid. Auf der Suche nach den Ursachen gibt es verschiedene Theorien. Eine davon: Das Immunsystem hat Corona nicht ausreichend bekämpft. Deshalb könnte das Virus die Lunge oder andere Organe angreifen. Die zweite Möglichkeit: Das Immunsystem hat zu stark reagiert. Und kämpft jetzt gegen den eigenen Körper. Es könnten aber auch Entzündungen der innersten Gefäßschichten eine Rolle spielen, vermutet Dr Daniel Vilser, der die Gefäße am Augenhintergrund untersucht:

"Die Erstinfektion verursacht, das wissen wir mittlerweile, eine Entzündung der innersten Gefäßschicht, des sogenannten Endothels. Eine Endotheliitis. Und wir glauben, Gefäße sind überall im Körper, die gibt´s im Kopf, am Herz und in der Leber. Und dass diese Gefäßentzündung wahrscheinlich persistiert bei Long Covid."

Dr. med. Daniel Vilser, Leitender Oberarzt, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Jena

Wer ist betroffen?

Unter Langzeitfolgen leiden zunächst viele Patienten, die einen schweren Verlauf hatten und sogar auf der Intensivstation lagen. Doch auch wer einen milden Verlauf mit Halsschmerzen und Fieber zeigte, kann betroffen sein.  Hier sind vor allem Frauen zwischen 20 und 55 Jahren in der Überzahl. Außerdem sind Übergewichtige gefährdet und Menschen, die schnarchen, sagt der Schlafmediziner Professor Dr. Michael Arzt von der Uni-Klinik Regensburg:

"Man weiß eben, dass die Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe, was wir hier meistens behandeln, circa ein 70-80 Prozent höheres Risiko haben, einen schweren Covid Verlauf zu bekommen und dann ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass dieses sogenannte Post Covid Syndrom, diese lang anhaltenden Probleme nach der akuten Covid Infektion, auftreten."

Professor Dr. med. Michael Arzt, Schlafmediziner, Uni-Klinik Regensburg

Selbsthilfegruppen

In Wenzenbach in der Oberpfalz haben Karl Baumann und Birgit Birner die erste Selbsthilfegruppe für Long Covid Patienten gegründet. Mittlerweile gibt es fünf solche Anlaufstationen in Bayern. Dort unterhalten sich Betroffene über Therapiemöglichkeiten, tauschen Erfahrungen aus oder geben Tipps bei Problemen am Arbeitsplatz. Corona und die Langzeitfolgen wird die gesamte Gesellschaft noch weiter beschäftigen, auch über die akute Pandemie hinaus, unabhängig von sinkenden Infektionsraten. Experten hoffen, dass sich immer mehr Menschen impfen lassen. Denn das ist nicht nur der beste Schutz vor einer Infektion, sondern beugt auch den Langzeitfolgen vor.

Adressen, Quellen und Ansprechpartner

Klinik Donaustauf – Zentrum für Pneumologie sowie Fachambulanz für Long und Post Covid, Ludwigstr 68, 93093 Donaustauf. Tel. 09403-80-0

Schön Klinik Berchtesgadener Land, Malterhöh 1, 83471 Schönau am Königsee, Tel. 08652-930

Universitätsklinikum Regensburg , Schlaflabor. Franz Josef Strauß Allee 11, 93053 Regensburg. Tel. 0941-944-0

Universitätsklinikum Jena: Long – Post Covid Fachambulanz  für Kinder. Kastanienstr 1, 07747 Jena. Tel. 036419-300

Das Bayerische Gesundheitsministerium informiert über medizinische Unterstützung, Reha-Einrichtungen oder Selbsthilfegruppen im Freistaat:


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