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Tätowierungen Wie riskant sind Tattoos für die Gesundheit?

In Deutschland ist gut jeder Fünfte tätowiert. Für die meisten sind Tattoos Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Doch bisher ist kaum erforscht, welche Wirkungen die Farbpigmente haben, die in die Haut gestochen werden. Epidemiologischen Studien zufolge kommt es bei 0,5 bis 6 Prozent aller Tätowierten zu einer Infektion. Auch Allergien und Hautgranulome können entstehen. Um Tattoos sicherer zu machen, tritt ab Januar 2022 eine neue EU- Verordnung in Kraft, die gefährliche Chemikalien in Tätowiermitteln verbietet.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 23.11.2021 10:48 Uhr

Sabine Krist ist ein gefragtes Tattoo-Model. Ihr erstes Tattoo hat sie sich mit 19 Jahren stechen lassen, viele weitere folgten. Probleme hatte sie bisher keine.

"Meine Tätowierungen bedeuten für mich Ausdruck meiner Persönlichkeit und ich fände es sehr schade, diesen Körper geschenkt bekommen und ihn nicht zu bemalen. Das ist für mich die Frage, warum sollte man es nicht tun. Andere Leute tragen Ohrringe als Schmuck und ich gehe einfach ein paar Schritte weiter und bemale meinen Körper mit schönen Bildern."

Sabine Krist, Tattoo-Model

Tätowiermittel als Allergieauslöser

Die Vorgaben des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuches (LFGB) sagen aus, dass Tätowiermittel, an deren gesundheitlicher Unbedenklichkeit Zweifel bestehen, nicht verwendet werden dürfen. Da es jedoch bislang keine verbindlichen Kriterien gibt, nach denen eine Sicherheitsbewertung von Tätowiermitteln erfolgen soll, ist eine gesundheitliche Risikobewertung nicht möglich. Es fehlen Studien, die untersuchen, welche Wirkung die Mittel im Körper haben können.

Die Tätowiermittel bestehen aus puderähnlichen Farbpigmenten denen Lösungsmittel, Bindemittel und Additive beigemischt werden. Es sind circa 100 schwer lösliche partikuläre Substanzen, unter anderem auch Metallsalze, die Reaktionen im Körper provozieren können. Um den genauen Auslöser lokalisieren zu können, arbeitet derzeit das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin mit der Universitätsklinik Regensburg zusammen. In einer Art Allergietest auf Blutebene soll ermittelt werden, welche T-Lymphozyten mit der Farbe stimuliert werden und somit eine Reaktion im Reagenzglas ausgelöst werden kann. Dies würde die Ursachensuche bei Patienten erleichtern. Belastbare Daten dazu gibt es noch nicht.  

"Das ganze Geschehen spielt sich nicht nur in der Haut ab, sondern die Haut versucht, dieses Fremdkörper Material loszuwerden. Und der einfachste und übliche Weg ist der lymphatische Transport. Das heißt, das Fremdkörpermaterial wird dann in die Lymphknoten abtransportiert und färbt diese genauso bunt wie die Haut. Und es ist leider bis jetzt noch nicht wirklich untersucht, was es bedeutet, wenn ein Mensch über Jahre oder Jahrzehnte hinweg die Lymphknoten voller Tattoo-Farbe hat."

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Bäumler, Diplom-Physiker, Universitätsklinikum Regensburg

An die Universitätsklinik Regensburg kommen Patienten mit Allergien und Fremdkörpergranulomen, die im Zusammenhang mit Tätowierungen entstanden sind. Kerstin Engl hat einige Monate nach dem Stechen eines Tattoos plötzlich Hauterhebungen auf der Farbe rot wahrgenommen. Sie hatte keine Schmerzen, kein Jucken oder Brennen an der betroffenen Stelle. Die behandelnde Ärztin hat Cortisontherapie vorgeschlagen. Nach der fünften Spritze flacht sich das Granulom deutlich ab. Einige weitere Spritzen stehen noch an, um die Hautveränderung wieder in den Griff zu bekommen.

"Es ist eine typische Fremdkörperreaktion auf irgendeine Substanz, die in dieser Tätowierfarbe enthalten ist. Das kann entweder von selbst verschwinden oder es kann mit Cortison behandelt werden. Wenn es dann gar nicht besser wird und permanent auch Probleme bereitet, Juckreiz, brennenden Schmerz, dann gibt es zum Beispiel die Möglichkeit es chirurgisch zu entfernen. Und dann ist in der Regel auch die Reaktion auch weg."

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Bäumler, Diplom-Physiker, Universitätsklinikum Regensburg

Tattoo-Entfernung per Laser

Bei einer chirurgischen Tattooentfernung kommt es zu Narbenbildung. Wer sich ein störendes Tattoo schonender entfernen lassen möchte, dem bleibt es nur die Laserbehandlung. Es gibt unterschiedliche Lasertechnologien, die mit unterschiedlichen Wellenlängen arbeiten und damit weniger oder mehr Hitze im Gewebe erzeugen. Diana Polster begann ihre Laserbehandlungen in einem Kosmetikinstitut.

Mit der Verordnung zum Schutz vor schädlichen Wirkungen nichtionisierender Strahlung bei der Anwendung am Menschen (NiSV) dürfen seit dem 1. Januar 2021 nur noch Ärzte Tattoo-Entfernungen per Laser durchführen. Für die Fortführung der Tattoo-Entfernungen ist Diana Polster jetzt in der dermatologischen Praxis von Dr. Stefanie Meyer in Behandlung. Hier hat sich bereits drei Termine absolviert.

Die Medizinerin verwendet vorwiegend einen Pikosekundenlaser, damit können auch bunte Tattoos relativ gut beseitigt werden. Der Pikosekundenlaser arbeitet mit einer Wellenlänge von 755 Nanometern und zerschießt die Farbpigmente unter der Haut in billionstel Sekunden. Dabei entsteht kaum Hitze im Gewebe, sodass dieser Laser aktuell der Schonendste bei der Tattoo-Entfernung ist. Dennoch ist das Lasern nicht risikofrei:

"Man weiß, dass diverse Spaltprodukte von den Tattoo-Farben giftig oder toxisch sein können. Die meisten Studien, die es in diesem Zusammenhang gibt, basieren auf dem Rubin Leser. Der macht sehr viel Hitze im Gewebe bei der Tattoo-Entfernung und durch Hitze werden Pigmente, wenn sie angeschossen werden, auch noch mal intensiver behandelt und auf die Art und Weise mehr toxischen Spaltprodukte freigesetzt. Der Pikosekunden Laser arbeitet dagegen mit sehr kurzen Impulsen und dabei entsteht kaum Hitze im Gewebe, sodass hier das Risiko von Spaltprodukten deutlich geringer ist."

Dr. med. habil. Stefanie Meyer, Fachärztin für Dermatologie, Allergologie, Ästhetische Medizin und Lasertherapien, Regensburg

De Toxizität kann nicht abgeschätzt werden. Es können Hautreaktionen, Pigmentverschiebungen, also weiße oder schwarze Verfärbungen auftreten. Möglich ist auch, dass es zu einer anaphylaktischen Reaktion kommt oder krebserregenden Substanzen ausgeschleust werden. Blasen-, Nieren- oder Lymphknotenkrebs könnten die Folge sein.

Das Entstehen von Blasen während oder nach einer Lasersitzung ist nichts Ungewöhnliches. Auf diese Weise versucht der Körper die Pigmente aus dem Körper zu schleusen. Die kleinen Brandblasen sollten sich nicht infizieren, damit keine Bakterien und Keime in den Körper gelangen. In Absprache mit der Dermatologin kann die Blase mit einer sterilen Kanüle punktiert werden.

Nicht alle Farben lassen sich gleich gut entfernen. Schwarz ist am Einfachsten. Je bunter die Farben, umso schwieriger ist es, diese zu entfernen – das gilt nicht nur für Tattoos, sondern auch für Permanent Make up. Ockertöne und hautfarbene Töne sind oft ein Problem. Aber vor allem farbenfrohe Tattoos sind meistens in mehreren Lagen und in unterschiedlichen Schichten pigmentiert, was die Behandlung langwierig und kostspielig macht. Zwischen 150 und 400 Euro muss man für eine Laserbehandlung zahlen. Diana Poster hat bereits 15 Sitzungen hinter sich und es kann nicht abgeschätzt werden, wie viele sie noch braucht.

Laser-Vergleichsstudie der Uniklinik Regensburg  

An der Uniklinik Regensburg wurde letztes Jahr eine Vergleichsstudie zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Nanosekunden- und Pikosekunden-Laserpulsen durchgeführt. Die Studie umfasste 23 Probanden mit 30 schwarzen oder farbigen Tattoos, die in zwei Hälften aufgeteilt wurden und entweder mit einem neuen PSL (532, 1064 nm) oder einem Standard-NSL (694 nm) behandelt wurden. Die Laser wurden in regelmäßigen Zeitabständen von vier Wochen für bis zu acht Behandlungen eingesetzt. Das Ergebnis und die Nebenwirkungen wurden durch Ärzte und Probanden beurteilt und zusätzlich wurden nach jeder Sitzung eine Fotodokumentation und ein Fragebogen erstellt. Beide Lasersysteme funktionieren sehr ähnlich. In der Untersuchung schnitt der Pikosekundenlasers besser ab, als der deutlich Nanosekundenlaser – positiver bewertet wurden u.a. die Schmerzstärke während der Sitzung sowie die Nebenwirkungen direkt nach der Laserbehandlung.  

"Selbst wenn man mit der Lasertherapie dieses Pigment in der Haut zerstört und es wird einigermaßen ausreichend abtransportiert, sodass die Tätowierung fast nicht mehr sichtbar ist: Die Farbe ist nach wie vor im Körper vorhanden, es wird umgelagert und die Lymphknoten bleiben ein Leben lang voll. Da muss man sich fragen, ob ein Lymphknoten, der voll von Tattoo-Farbe ist: Funktioniert der noch richtig?"

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Bäumler, Diplom-Physiker, Universitätsklinikum Regensburg

Tattoofarben-Verbot ab 2022

Ab dem 4. Januar 2022 werden durch die neue EU-Verordnung (REACH-Verordnung) ca. 4200 Pigmente verboten, dadurch sollen Tattoos sicherer gemacht werden, denn viele Tätowiermittel enthalten derzeit gefährliche Chemikalien, wie Konservierungsmittel oder Schwermetalle. Durch das Verbot erhofft sich das BfR, dass etwa 1.000 Fälle von chronischen allergischen Reaktionen durch Inhaltsstoffe von Tattoofarben verhindert werden können.

"Die REACH-Verordnung ist an sich sinnvoll. Alles, was der Gesundheit nicht zuträglich ist, sollte eigentlich in diesen Tätowierfarben nicht enthalten sein. Das Problem ist nur, dass manche der REACH-Entscheidungen auf Basis von fehlenden Dokumentationen gefallen sind. Also es ist gar nicht so klar, ob diese Farben, die jetzt verboten werden, tatsächlich für den Menschen eine Gefahr darstellen. Zwar laufen aktuell in Frankreich und Deutschland Studien in diesem Bereich, jedoch wird es noch Jahre dauern, bis man weiß, ob ein Mensch, der sich tätowieren lässt, ein zusätzliches Risiko hat oder nicht."

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Bäumler, Diplom-Physiker, Universitätsklinikum Regensburg

Sabine Krist wird sich weiterhin tätowieren lassen – auch mit der eingeschränkten Farbpalette. Und Tattoos, die ihr nicht mehr gefallen, lässt sie sich nicht entfernen, sondern durch ein neues Tattoo überdecken.

"Diesen Arm habe ich mir stechen lassen als ich 23 war. Diese Bilder haben mir irgendwann mal nicht gefallen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, ein sogenanntes Blas Over zu machen, das ist Englisch 'Drauf geklatscht'. Heißt, man lässt bewusst die alten Sachen drunter durchscheinen und macht was Neues drüber. Und das ist meine Art und Weise, wie ich damit umgehe, wenn mir was Altes nicht mehr gefällt, kann man immer wieder etwas Schwarzes drüber machen."

Sabine Krist, Tattoo-Model


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