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Chance oder Überforderung Digitale Bildung in Kindergarten und Schule

Die Digitalisierung ist eine der größten Veränderungen in unserer Gesellschaft. Sie verändert, wie wir leben, wie wir arbeiten, und auch wie wir lernen. Längst gehören digitale Geräte zur Grundausstattung in Universitäten und Hochschulen. Aber auch in jungen Jahren kommen die Kinder mit der digitalisierten Form des Lernens in Kontakt. Doch wie gut ist es, wenn selbst dreijährige schon über das Tablett wischen?

Von: Robert Grantner

Stand: 11.11.2019

Welche Chancen und welche Risiken bringt die Digitalisierung des Lernens mit sich?

"Ich denke, dass digitale Medien ein großes Potenzial haben, aber nur dann, wenn sie auch wirklich richtig eingesetzt werden. Und da bleibt die Verantwortung leider wieder am pädagogischen Fachpersonal hängen. Was teilweise gar nicht richtig darauf vorbereitet wurde. Da würde ich gar nicht die Lehrer in der Pflicht sehen, sondern Ausbildungsinstitute, die Politik damit da gut gelehrt wird und die das dann gut einsetzen können. Dann kann das den Kindern zu Gute kommen."

Prof. Dr. Frank Niklas, Pädagogische Psychologie und Familienforschung, LMU München

Tablets schon im Kindergarten?

Im integrativen Kindergarten St. Josef in München sind Tablets selbstverständlich. Die Caritas, Träger der Einrichtung, hat sich ganz bewusst dafür entschieden, die digitalen Geräte schon bei den Jüngsten einzusetzen.

"Wir haben es mit den Eltern diskutiert und haben ihnen auch erklärt, was das Ziel ist: Dass wir die Tablets nicht als Spielzeug einsetzen und die Kinder jetzt nicht die ganze Zeit davor sitzen, sondern dass wir das nur für bestimmte Sachen verwenden möchten, und dass wir den Kindern so auch einen sinnvollen Umgang damit zeigen wollen."

Julia Staufer, Integrationskindergarten St. Josef, München

Keines der Kinder komme ohne Vorerfahrung mit digitalen Medien in den Kindergarten, so Leiterin Julia Staufer weiter. Selbst die Kleinsten beherrschen demnach schon die Bedienung der Tablets mit der typischen Wischbewegung. Deshalb wählte man hier einen präventiven Ansatz, nach dem Motto: Wenn die Kinder digitale Medien eh schon kennen, dann lenken wir die Nutzung wenigstens in eine sinnvolle Richtung.

Dazu wurde das pädagogische Personal, wie die Umweltpädagogin Julia Fritzemeyer, gezielt geschult.

"Die Kinder bringen von zuhause sehr viel Erfahrung mit dem Tablet mit. Und wenn ich sie frage, was sie damit machen, dann spielen sie oder schauen Videos. Und hier haben wir die Möglichkeit, auch andere Dinge damit zu machen und den Kindern zu zeigen, dass man Tablets auch sehr gut als Werkzeug hernehmen kann. Ich zum Beispiel bin als Umweltpädagogin hier im Kindergarten tätig und habe das Tablet dabei. Wenn es sich ergibt, dann hole ich es heraus und zeige den Kindern, dass man damit noch viel mehr machen kann als nur Filme schauen."

Julia Fritzemeyer, Umweltpädagogin

Tablets im Kindergarten: Umstrittener Ansatz

Doch dieser Ansatz ist nicht unumstritten. Kritiker sagen, in diesem Alter sei jede Minute vor digitalen Geräten zu viel, weil das junge Gehirn dem noch nicht gewachsen sei. Prof. Frank Niklas von der LMU in München sieht das differenzierter:

"Bei unter dreijährigen Kindern sprechen wir auf jeden Fall von einer Phase, wo man sagen kann, je weniger Zeit vorm Bildschirm, desto besser und geschickter ist das. Auf der anderen Seite passiert das, wie gesagt, in den Familien ohnehin. Insofern kann ein sinnvoller Einsatz, der dann von einer pädagogischen Fachkraft geleitet wird, durchaus sinnvoll sein, wenn die Zeiten begrenzt sind. Also, wir sprechen hier wirklich von einer Aufmerksamkeitsspanne von ein paar Minuten, zehn Minuten bei sehr kleinen Kindern. Und dann muss das auch darauf begrenzt sein. Und sehr wichtig dabei ist: Das Lernen funktioniert nicht über das Tablet, sondern über die Interaktion in diesem Alter. Das bedeutet, es muss ein Erwachsener dabei sein, der das steuert, der Informationen an die Hand gibt, die Kinder an die Hand nimmt und führt. Und dann sind auch keine negativen Effekte zu erwarten."

Prof. Dr. Frank Niklas, Pädagogische Psychologie und Familienforschung, LMU München

Lernapps für Kinder: rasant wachsender Markt

Doch nicht immer benutzen Kinder die Geräte unter pädagogischer Aufsicht. Gerade der Markt bei Lern-Apps für die Kleinsten explodiert förmlich. Die Eltern sind bereit, hierfür viel Geld auszugeben. Doch nicht alle diese Apps sind wirklich gut gemacht und geeignet für Kinder, ganz im Gegenteil.

"Die allermeisten Apps, die hier verfügbar sind, wurden nie untersucht, nie wissenschaftlich getestet und man weiß eigentlich gar nicht, was für Effekte sie haben. Was man weiß ist, dass sehr viele davon nicht optimal gemacht wurden. Es gibt dafür klare Richtlinien, an denen man sich orientieren kann: Was ist eine gute App, was nicht. Und bei sehr vielen trifft eben zu, dass sie nicht gut sind. Sehr viele dieser Apps haben irgendwelche Geräusche, visuelle Stimulationen, die vom eigentlichen Inhalt nur ablenken und insbesondere bei Kindern dieser Altersgruppe den Lerneffekt komplett zu Nichte machen. Also insofern muss man sagen, ist das ein kritischer Bereich."

Prof. Dr. Frank Niklas, Pädagogische Psychologie und Familienforschung, LMU München

Flipped Classroom: Wenn Hausaufgaben mit dem Lehrer gemacht werden

Und wie sieht es bei älteren Kindern aus? In der Realschule in Neunburg vorm Wald in der Oberpfalz gehören Smartphone, Laptop und Tablet zu den ganz normalen Unterrichtsmaterialien. Wenn Ferdinand Stipberger seinen Schülern der 7. Klasse Mathematik näherbringt, dann macht er das nicht mehr klassisch an der Tafel, geschweige denn im Frontalunterricht. Seine Methode nennt sich „Flipped Classroom“.

"Flipped Classroom heißt ganz einfach, dass der grobe Input, die Ideenbörse zuhause passiert und die klassischen Hausaufgaben in die Schule verlagert werden. Das heißt, da wo der Lehrer gebraucht wird, zuhause, ist er ja im Regelfall nicht dabei. Und wir versuchen das Ganze einfach so zu machen, dass der Lehrer sozusagen als Feuerwehr in der Schule noch mit dabei ist und die Schüler sich auch noch gegenseitig helfen können."

Ferdinand Stipberger, Studienrat(RS), Realschule Neunburg vorm Wald

Das Ganze ist also genau die Umkehrung des klassischen Vorgehens: Die Schüler bereiten den Stoff zuhause vor und in der Schule wird gemeinsam geübt und gerechnet. Damit das funktioniert, bereitet Ferdinand Stipberger regelmäßig Lernvideos vor, die die Schüler dann zuhause anschauen und sich so auf den Unterricht vorbereiten können. Für den Lehrer hat das viele Vorteile.

"Erstens habe ich den Blick auf die Schüler, ich bin in der Klasse. Und ich habe die Möglichkeit, mich individuell einem Schüler zu widmen, nicht nur für zehn Sekunden, sondern mich auch einmal hinzusetzen und konkret an ein Problem ranzugehen, während alle anderen beschäftigt sind und arbeiten und sich dann auch untereinander austauschen."

Ferdinand Stipberger, Studienrat(RS), Realschule Neunburg vorm Wald

Auch Experten sehen darin große Chancen.

"Die Methode Flipped Classroom ist eine Methode mit sehr viel Potenzial! Auch hier wissen wir aus Studien, dass das eine sehr effektive Methode sein kann, weil die Lehrer-Schüler-Interaktion eine große Rolle spielt, Feedback mit hineinkommt, reziprogressives Lernen stattfindet: diskutieren und gegenseitig lernen. All das sind Maßnahmen, die mit einem höheren Lernerfolg verbunden sind und in diesem System Flipped Classroom gut umgesetzt werden können. Aber da sind wir genau am entscheidenden Punkt: Sie können gut umgesetzt werden! Es kommt wie bei jeder Methode sehr stark darauf an, wie das gemacht wird. Wenn eine Lehrkraft sich wirklich die Zeit nimmt und eigene Videos der Lerninhalte den Kindern zur Verfügung stellt, die sie sich zuhause anschauen können, und das dann gut in der Klasse nacharbeitet, dann ist das etwas sehr Sinnvolles."

Prof. Dr. Frank Niklas, Pädagogische Psychologie und Familienforschung, LMU München

Ein Allheilmittel ist allerdings auch diese Form der digitalen Bildung nicht. Denn am Ende nimmt keine Maschine der Welt dem Menschen das Lernen ab.


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