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Dokumentation Die süße Verführung der Zuckerlobby

Er ist in Limonade und Süßigkeiten. Aber er versteckt sich auch in Fertiggerichten und vermeintlich gesunden Lebensmitteln: der Zucker. Warum nur? Eines ist klar: Zu viel Zucker macht uns krank. Doch die Zuckerlobby ist mächtig.

Stand: 02.01.2018

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt: Wir nehmen zu viel Zucker zu uns – durch Limonaden, Süßigkeiten, Fast Food und Fertiggerichte. Doch zu viel Zucker kann krank machen. Aber anstatt etwas gegen Diabetes, Übergewicht oder andere Krankheiten zu tun, lässt sich die Politik in Berlin und Brüssel auf die Argumente der Zuckerlobby ein.

Durch gesponserte Studien, geschicktes Internetmarketing und dem Verhindern von Steuern schafft es die Lobby, in Deutschland und auf EU-Ebene den Zuckerkonsum konstant hoch zu halten. Verbraucher durchschauen oft nicht, wie viel Zucker tatsächlich in Fertigprodukten, Energy-Drinks und sogar Babynahrung steckt.

Zucker wird in vielen Produkten künstlich als günstiger Inhaltsstoff und Geschmacksträger hinzugesetzt. Deutschland droht damit eine massive Zunahme von teuren Krankheiten. Schon jetzt kosten Diabetes und seine Folgekrankheiten die deutschen Sozialkassen nach Daten der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) pro Jahr mehr als 20 Milliarden Euro.

Gesundes Frühstück?

Dieses Frühstück enthält viel versteckten Zucker.

Ein, zwei Tassen Cappuccino, Müsli light gemischt mit Fruchtjoghurt, ein Glas Multivitamin-Saft: Was nach einem gesunden Frühstück aussieht, enthält bereits mehr als die empfohlene Tagesmenge an Zucker. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt höchstens acht Würfelzucker am Tag. Durchschnittlich nimmt ein Deutscher fast das Vierfache täglich auf: Das macht 35 kg Zucker im Jahr. Ohne dass wir es oft merken, ist vor allem in Fertigprodukten eine Menge Zucker.

Eine der wichtigsten Strategien der Zuckerlobby zielt auf die Nährwertangaben auf Verpackungen, sagen Verbraucherschützer wie Oliver Huizinga.

"Eine Strategie, wie uns die Kennzeichnung in die Irre führen soll, ist, dass so getan wird, als wären besonders kleine Portionen realistisch. Aber: 30 Gramm Frühstücksflocken ist ungefähr die Hälfte von dem, was Kinder tatsächlich essen."

Oliver Huizinga, Verbraucherschützer

Übergewicht durch zu viel Zuckerkonsum

Der hohe Zuckerkonsum kann sich schädlich auf unsere Gesundheit auswirken, warnt Prof. Hans Hauner. Die WHO befürchtet sogar eine Übergewichtskrise enormer Ausmaße in Europa. Hoher Zuckerkonsum fördert Übergewicht, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, die viel Zucker konsumieren - meist in Form von Getränken. Aber auch bei jungen Erwachsenen kann zu viel Zucker ungünstige Folgen haben, bis hin zu Herzkreislaufkrankheiten und Karies.

Viele Kinder und Jugendliche konsumieren zu viele zuckerhaltige Getränke.

In Deutschland sind bereits ein Viertel aller Erwachsenen stark übergewichtig. Und auch immer mehr Jugendliche sind von Adipositas, extremer Fettleibigkeit, betroffen. Inzwischen gibt es 330.000 adipöse Kinder und Jugendliche in Deutschland. Auf den deutschen Staat kommt durch Übergewicht und Diabetes eine enorme gesundheitspolitische Herausforderung zu.

Versteckter Zucker in Lebensmitteln

Zwar ist seit den 70er-Jahren der Haushalts-Zucker-Verzehr gleichbleibend hoch, aber wir konsumieren immer mehr versteckten Zucker. Hinter vielen Bezeichnungen vermuten die meisten Verbraucher keinen Zucker. Ein Müsli enthält zum Beispiel zehn Zutaten, die zum Zuckergehalt beitragen: Neben Zucker sind das Glukose-Fruktose-Sirup, Dextrose, Magermilch-Joghurtpulver, gefriergetrocknete Himbeeren, Himbeersaft-Konzentrat, Fruktose, Invertzuckersirup, Gerstenmalzextrakt und Glukose-Sirup.

Zuckerindustrie macht Milliarden-Umsätze

Die Zucker-Lobby soll mit millionenschweren Kampagnen die zuständigen EU-Behörden umwerben, um industriefreundliche Regelungen durchzusetzen. Der Coup der Zuckerlobby: Sie gibt sich einen wissenschaftlichen Anstrich, unter anderem über das "International Life Sciences Institute". Mitglieder sind Coca-Cola, Pepsi,Nestlé, Red Bull, Danone und Südzucker.

Die Zuckerindustrie ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Rund 30.000 Landwirte bauen Zuckerrüben an, die in 20 Zuckerfabriken in Deutschland verarbeitet werden. Bis zu 180.000 Jobs gibt es in der gesamten Wertschöpfungskette rund um Zucker. Es geht um Milliarden-Umsätze.

Bisher kaum Regulierungen

Rund 18 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Adipositas.

Obwohl Adipositas und deren Folgeerkrankungen rund 22 Mrd. Euro jährlich an Behandlungskosten verursachen, braucht die Zuckerlobby in Deutschland bisher kaum mehr Regulierung zu fürchten.

Oliver Huizinga kontrolliert für die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch Lebensmittel und Getränke auf ihren Zuckergehalt. Mit erschreckenden Erkenntnissen. Die Getränkehersteller haben bisher kaum Anreize, den Zucker in den Getränken zu senken.

Einige Länder - wie Großbritannien, Irland, Portugal und Finnland - testen gerade ein Modell, das von vielen empfohlen wird, auch von der WHO. Und zwar: Die Hersteller müssen Geld bezahlen, wenn sie zu viel Zucker beimischen. Sie bekommen somit einen Anreiz, weniger Zucker in die Getränke zu mischen und leisten dadurch einen Beitrag für die öffentliche Gesundheit.


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