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Gefährliche Autoabgase Stickstoffoxide: Herzinfarkte und Todesfälle

Ganz Deutschland diskutiert über Dieselfahrverbote. Viele Fahrer von Dieselautos sind durch die Debatte verunsichert und wollen nicht die Leidtragenden des Dieselskandals sein, gleichzeitig sorgen sich viele Bürger um ihre Gesundheit. Eine aktuelle Studie des Helmholtz Zentrums im Auftrag des Umweltbundesamts zeigt: Die Gefahren von Stickoxiden aus Dieselfahrzeugen lassen sich nicht wegdiskutieren.

Von: Florian Heinhold

Stand: 19.03.2018

Dr. Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum in München ist die Erstautorin der Studie, die aktuell für Schlagzeilen sorgt. Die Forscher haben die Gesundheitsfolgen von Stickstoffoxiden in Deutschland genau unter die Lupe genommen und die Auswirkungen auf die kardiovaskuläre Mortalität geschätzt. Das Ergebnis: Rund 6000 frühzeitige Todesfälle durch Herzkreislauferkrankungen sind in Deutschland in nur einem Jahr auf Stickstoffoxide zurückzuführen, auf die gesamte Bevölkerung gerechnet entspricht das rund 50.000 verlorenen Lebensjahren.

6.000 vorzeitige Todesfälle durch Stichstoffoxide

Stickstoffoxide können viele negative Wirkungen auf die Gesundheit haben.

Diese Zahlen wurden in der öffentlichen Debatte auch kritisiert, weil es sich um eine Schätzung handelt. Doch die Forscher am Helmholtz Zentrum verweisen darauf, dass sie in der Fachwelt anerkannte Berechnungsmodelle der Weltgesundheitsorganisation angewandt haben. 

"Was wir geschätzt haben, ist das absolute Minimum an Todesfällen, die durch Stickstoffdioxid ausgelöst werden, das heißt wir haben eine sehr konservative Schätzung betrieben. Man muss also etwas unternehmen, weil man ja möchte, dass die Bevölkerung in Deutschland gesund bleibt."

Dr. hum. biol. Alexandra Schneider, Humanbiologin, Helmholtz Zentrum München

Und nicht nur im Zusammenhang mit Herzkreislauferkrankungen, sondern auch im Bereich der Atemwege, im Zusammenhang mit Schlaganfällen und sogar bei der Entstehung von Diabetes haben Stickstoffoxide oder NO2 einen entscheidenden Einfluss.

"Natürlich steht dann nicht auf dem Totenschein, als Todesursache Stickstoffoxid. Vielmehr wirken Luftschadstoffe im Prinzip als letzter Trigger. Also wenn jemand schon einmal einen Herzinfarkt hatte und das Herz schon vorbelastetet ist, dann können Luftschadstoffe dazu führen, dass ein weiterer Herzinfarkt ausgelöst wird."

 Dr. hum. biol. Alexandra Schneider, Humanbiologin, Helmholtz Zentrum München

Risikogruppe Asthmatiker

Vor allem für Menschen mit Atemwegserkrankungen sind Stickoxide ein Problem. In der Lungenpraxis am Diako in Augsburg erlebt Pneumologe Dr. Sebastian Hellmann an Tagen mit hoher Stickstoffoxidbelastung regelmäßig einen Anstieg der Patientenzahlen. Gesundheit! begleitet den Lungenarzt zum Lungenfunktionstest mit einer jungen Asthmatikerin. Sie spürt die Auswirkungen des Reizgases aus dem Straßenverkehr ständig am eigenen Leib.

Vor allem Asthmatiker leiden unter der hohen Stickstoffoxidbealstung.

Das Tückische: Während man allergisches Asthma im besten Fall sogar heilen kann, in dem die Patienten durch Hyposensiblisierung an Allergene wie Pollen gewöhnt werden, gibt es keine Möglichkeit, den Körper gegen Reizgase wie Stickstoffoxide zu immunisieren. Den Ärzten bleibt nur, die Entzündungsreaktion symptomatisch zu behandeln.

Und an besonders verkehrsreichen Tagen steigen nicht nur die Stickstoffoxid-Emissionen, sondern auch die Feinstaubwerte. Vor allem bei Asthmatikern sorgen NO2 und Feinstaubpartikel aus dem Straßenverkehr oft für eine deutliche Verschlechterung der Symptome.

"Stickoxide heften sich an Feinstaubpartikel und gelangen gemeinsam bis zur Lungenschleimhaut. Es kommt zu einer chemischen, toxischen Reaktion auf der Schleimhaut. Die Partikel lösen eine direkte Entzündung aus, durch oxidativen Stress, durch ihre Eigenschaft, sehr stark zu reagieren und Moleküle zu zerstören."

Dr. med. Sebastian Hellmann, Pneumologe, Augsburg

Stickstoffoxide: Lösungsansätze

Dabei hat sich die Luftqualität in Bayern insgesamt in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert. Es sind die Verkehrshotspots in den Städten, an denen immer wieder Grenzwertüberschreitungen festgestellt werden. Das Landesamt für Umweltschutz misst mit Messstationen im ganzen Freistaat die Konzentrationen verschiedener Schadstoffe in der Luft und analysiert die Ursachen.

"Wir haben 2017 noch Überschreitungen in München, Augsburg, Nürnberg und Regensburg festgestellt. Von diesen Stickstoffkonzentrationen, die wir messen, werden etwa zwei Drittel durch den lokalen Verkehr verursacht. Wenn man das wiederum aufsplittet, kann man feststellen, dass der größte Verursacher mit einem Anteil von drei Vierteln die Diesel-PKWs sind."

Dr. rer. nat. Roland Fischer, Abteilung Luftreinhaltung, Landesamt für Umweltschutz

Fahrverbote sind nur ein möglicher Lösungsansatz, um dem Problem Herr zu werden, genau wie eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs und des Netzes an Radwegen in Städten. Der einzelne Bürger kann nur wenig unternehmen.

Die meisten Stickstoffoxide entstehen durch den Verkehr.

Gesundheit! trifft eine Familie, die am Mittleren Ring in der Nähe eines der Verkehrshotspots in München lebt. Um den Luftschadstoffen zu entgehen, machen die Eltern mit ihren Kindern täglich Ausflüge in Parks und Grünanlagen der Stadt. Daheim wird beim Lüften der Wohnung darauf geachtet, dass die Fenster nicht zu den Hauptverkehrszeiten geöffnet sind. Das sind kleine Schritte, um vor allem Kinder weniger Schadstoffen auszusetzen. Für eine nachhaltige Lösung des Abgasproblems ist dagegen die Politik gefragt.


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