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Freiverkäufliche Schmerzmittel Gefährliche Nebenwirkungen von Schmerzmitteln

527 Millionen Euro gaben die Deutschen 2016 für Schmerzmittel aus. Die Bestseller: Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und Diclofenac. In der Apotheke gibt es diese Medikamente freiverkäuflich, ohne Rezept. Doch das bedeutet nicht, dass die bewährten Schmerzmittel unbedenklich sind. Magen-Darm-Blutungen, Magengeschwüre, Schwindel, Kopfschmerz sowie Leber- und Nierenschäden gehören zu den möglichen Nebenwirkungen. Denn nicht jeder Wirkstoff passt zu jedem Schmerz.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 16.04.2018

Schmerzmittel | Bild: Screenshot BR

Laut Bundesverband der Arzneimittelhersteller e.V. wurden im Jahr 2016 hierzulande 526,7 Millionen Euro für Schmerzmittel ausgegeben. Darunter fallen mehrheitlich Tabletten und Kapseln, aber auch Zäpfchen, Tropfen und Säfte, die vorzugsweise an Kinder verabreicht werden.

Die Bestseller:

Der größte Anteil dieser Ausgaben, nämlich 516,5 Millionen Euro, fiel auf diese vier Wirkstoffe:
- Ibuprofen (263,9 Millionen Euro)
- Acetylsalicylsäure (163,2 Millionen Euro)
- Paracetamol (131,4 Millionen Euro)
- Diclofenac (32,5 Millionen Euro)

Medikamente mit diesen Wirkstoffen sind die mit Abstand beliebtesten Schmerzmittel, und sie sind rezeptfrei in Apotheken erhältlich.

Schmerzmittel ist nicht gleich Schmerzmittel

Eine Umfrage unter Passanten zeigt: Bei vielen sind persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten entscheidend bei der Wahl des Schmerzmittels.

"Man meint immer, die Schmerzmittel sind alle gleich. Doch das sind sie nicht. Sie haben andere Wirkungen und andere Nebenwirkungen, daher ist es wichtig zu wissen, welches wofür geeignet ist."

Dr. Silvia Sagner-Grehn, Apothekerin, Gerner Apotheke, München

Im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien, in denen diese Medikamente im Drogeriemarktregal lagern, sind Schmerzmittel hierzulande apothekenpflichtig. Das hat den großen Vorteil, dass sich Patienten fachkundig beraten lassen können. Denn Schmerzmittel ist nicht gleich Schmerzmittel.

Die Wirkstoffe Ibuprofen, Acetylsalicylsäure sowie Diclofenac gehören zur Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (kurz NSAR). Die Bezeichnung leitet sich aus der einstigen Anwendung her. NSAR wurden vorwiegend zur Behandlung von Patienten mit rheumatoider Arthritis eingesetzt.

Der schmerzstillende Wirkmechanismus besagter Wirkstoffe beruht im Wesentlichen auf der Hemmung eines Enzyms namens Cyclooxygenase (kurz COX), von dem es zwei Unterenzyme gibt: COX-1 und COX-2.

Cyclooxygenasen sind entscheidend an der Synthese von Prostaglandinen beteiligt. Sie werden als Gewebshormone bezeichnet, weil sie nur in den betroffenen Gewebeabschnitten ausgeschüttet werden und auch nur dort wirken. Prostaglandine sind für eine Vielzahl körperlicher Abläufe zuständig. Sie erhöhen unter anderem die Schmerzwahrnehmung, fördern das Entzündungsgeschehen, beeinflussen die Blutgerinnung sowie die Körpertemperatur.

Wirkungen und Nebenwirkungen von NSAR

Tabletten

Aus der Vielzahl der Funktionen – die zum Teil gegensätzlich verlaufen, weil beispielsweise Prostaglandine der Serie 1 Entzündungen hemmen und die Blutgerinnung verringern, während Prostaglandine der Serie 2 entzündungsfördernd wirken und die Blutgerinnung verstärken – resultieren sowohl positive, unter anderem schmerzstillende Wirkungen der nicht-steroidalen Antirheumatika, als auch unerwünschte Nebenwirkungen. NSAR blockieren vorwiegend COX-2, aber auch COX-1. Diese Enzyme sind beispielsweise bei Entzündungsprozessen aktiv.

Die synthetisierten Prostaglandine erhöhen unter anderem die Körpertemperatur, das Schmerzempfinden sowie das Entzündungsgeschehen. Das erklärt, warum eine Entzündung der Mandeln oder eine schwere Gelenkentzündung häufig mit Fieber und mit erheblichen Schmerzen einhergehen.

Wird die COX durch einen entsprechenden Wirkstoff, etwa Ibuprofen, gehemmt, wird in der Folge die Synthese der Prostaglandine gedrosselt und so die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren verringert und damit die Schmerzwahrnehmung gesenkt. Im Ergebnis gehen die Schmerzen zurück.

Prostaglandine erfüllen viele Funktionen

Im Magen sorgen Prostaglandine beispielsweise für die Bildung von Schleim, wodurch die Magenschleimhaut vor der aggressiven Magensäure geschützt wird. Wird die Bildung dieser Prostaglandine unterdrückt, werden die Schleimhäute im Magen-Darmtrakt empfindlicher und angreifbar.

Die Wirkstoffe Ibuprofen, Acetylsalicylsäure und Diclofenac unterbinden durch die COX-Hemmung die Synthese jener Prostaglandine, die für den Schutz der Magenschleimhaut zuständig sind und erhöhen damit das Risiko der Entstehung von Magengeschwüren.

Im Fall von Acetylsalicylsäure kommt ein weiterer Risikofaktor hinzu:

"Acetylsalicylsäure hemmt die Blutgerinnung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite führt es zu einer Schädigung der Magenschleimhaut. Und in der Summe kommt es dann zu Blutungen im Gastrointestinaltrakt."

Dr. med. Bernhard Arnold, Schmerzmediziner, Helios Amper-Klinikum Dachau

Ein weiteres Problem, dass vor allem durch die dauerhafte Einnahme von Ibuprofen aber auch durch andere COX-Hemmer hervorgerufen werden kann, ist die Beeinträchtigung der Nierenfunktion. Durch die gedrosselte Bildung von Prostaglandinen, die maßgeblich für die Durchblutung der Nieren verantwortlich sind, kann es zu Einschränkungen der Nierentätigkeit kommen. Das Tückische daran ist, dass Patienten, die COX-Hemmer über einen langen Zeitraum oder auch überdosiert einnehmen, nichts davon merken.

"Ibuprofen hat wie auch Aspirin und Diclofenac eine Nebenwirkung an der Magenschleimhaut. Aber weitaus gefährlicher, vor allem heimtückischer, sind Auswirkungen auf die Nierenfunktion. Der Angriff auf die Magenschleimhaut wird von den Patienten durchaus gespürt, weil sie Magenschmerzen bekommen. Der Angriff auf die Nierenfunktion ist nicht zu spüren und wird meist als Zufallsbefund entdeckt."

Dr. med. Bernhard Arnold, Schmerzmediziner, Helios Amper-Klinikum Dachau

Paracetamol in hohen Dosen kann der Leber schaden

Im Gegensatz zu Ibuprofen, Acetylsalicylsäure und Diclofenac gehört Paracetamol nicht zur Gruppe der NSAR.

Schmerzmittel: Paracetamol

Paracetamol eignet sich nicht für Entzündungsbedingte Schmerzen, etwa bei rheumatischen Erkrankungen und damit einhergehenden Entzündungen an Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern sowie Verletzungsbedingten Schmerzen, die häufig von Entzündungen flankiert werden.

Die Wirkung von Paracetamol ist bislang nicht vollumfänglich erforscht. Als gesichert gilt indes, dass es im Gegensatz zu den NSAR weder die Schleimhäute des Magen-Darmtraktes angreift, noch zu Beeinträchtigungen der Nieren führt.

Paracetamol in Schwangerschaft und Stillzeit

Paracetamol ist zudem das bevorzugte rezeptfreie Schmerzmittel, das während der Schwangerschaft und Stillzeit eingenommen werden darf.

Vorsicht mit Schmerzmitteln in der Schwangerschaft

Allerdings werden immer wieder Studien publiziert, die eine potentielle Gefahr für die Entwicklung des werdenden Kindes vermuten lassen. So soll die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft unter anderem die sprachliche Entwicklung der Kinder beeinträchtigen und das Risiko erhöhen, Asthma zu entwickeln oder das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS).

Bislang gibt es keine entsprechenden Empfehlungen gegen eine Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft. Trotzdem sollten sich werdende Mütter nach Möglichkeit mit ihrem betreuenden Arzt oder Apotheker beraten, ob und in welchen Dosen die Einnahme von Paracetamol in ihrem konkreten Fall ratsam ist. Wer aufgrund anhaltender bzw. immer wiederkehrender Schmerzen auf die Einnahme entsprechender Medikamente angewiesen ist, sollte in jedem Fall einen Arzt aufsuchen.

Arzt und Patientin bei der Anamnese

Eine sorgfältige Anamnese, um den Ursachen der Beschwerden auf den Grund zu gehen, ist grundsätzlich angebracht. Denn nicht jeder Schmerz muss oder darf mit einem Schmerzmedikament behandelt werden. Ist beispielsweise eine Beeinträchtigung der Nerven ursächlich für Schmerzen des Bewegungsapparates – also an Muskeln, Gelenken oder Bändern – helfen die vier Wirkstoffe nur bedingt.

Multimodale Schmerztherapie

Für Patienten mit chronischen Schmerzen wurden zudem multimodale Schmerztherapien entwickelt, in denen die Betroffenen auch psychotherapeutisch betreut werden. Denn Schmerzen sind nicht nur eine enorme Belastung für die Psyche, sie können auch aus psychischen Belastungen resultieren.

Entspannungstechniken helfen, Schmerzen zu behandeln

Im Rahmen solcher Therapien erlernen Patienten auch einen anderen Umgang mit ihren Schmerzen. Entspannungstechniken versetzen sie in die Lage, Spannungen abzubauen, die häufig ursächlich für Schmerzen sein können – vor allem für Kopfschmerzen.

Für die dauerhafte Einnahme von Schmerzmedikamenten gilt grundsätzlich: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.


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