BR Fernsehen - Gesundheit!


5

Schmerzen, Schmerztherapie Was bringen TENS-Geräte?

Zwischen zehn und 15 Millionen Menschen leiden hierzulande unter Schmerzen. Können TENS-Geräte helfen? Die transkutane elektrische Nervenstimulation, kurz TENS, ist seit Jahrzehnten bekannt und hat keine Nebenwirkungen. Die Anwendung wird von der Krankenkasse bezahlt, die kleinen Geräte kosten nicht viel und sind überall zu haben. Aber was bringen die Geräte wirklich?

Von: Bernd Thomas

Stand: 20.07.2020

Nese Kocaaslan hatte vor eineinhalb Jahren zwei Bandscheibenvorfälle. Seither leidet sie unter starken Schmerzen, inzwischen am ganzen Rücken. Sie ist Patientin der Schmerztagesklinik der München Klinik Schwabing. Ein Element ihrer Therapie: ein TENS-Gerät. Das soll sie auch zu Hause nutzen.

"TENS ist zum einen ein Verfahren, das gut belegte Wirksamkeit hat an verschiedenen Stellen im Nervensystem, das ist unbestritten. Und TENS ist zum zweiten etwas, was den Patienten im wahrsten Sinne des Wortes einen Teil der Therapie wieder selbst in die Hand gibt."

Dr. med. Martin Steinberger MBA, Interdisziplinäre Schmerztagesklinik, München Klinik Schwabing

TENS: Kassen zahlen Anwendung

Über Elektroden fließen leichte Ströme auf die Haut und regen Nervenfasern an. Es gibt nur wenige Gegenindikationen, die Krankenkassen bezahlen die Anwendung, wenn sie vom Arzt verschrieben wird.

Wichtig ist: Patienten müssen in den Gebrauch eingewiesen werden. Wohin gehören die Elektroden, welches Impulsmuster ist wofür und bei wem wirksam? Welche Stromstärke ist die individuell richtige? Der Einsatz erfordert durchaus Training, Geschick und etwas Erfahrung. In der München Klinik Schwabing wurde eine Studie zum Gebrauch und Nutzen der Geräte durchgeführt.

"Es hat sich in unserer Studie gezeigt, dass es viele Vorurteile und Unsicherheiten bei Patienten gibt: Kann ich mir mit dem Strom schaden? Hilft so ein kleines Gerät, das nicht viel kostet, überhaupt? Deshalb ist es wichtig und notwendig, dass Patienten eine fundierte Einführung bekommen und auch immer wieder mal nachfragen können. Denn Vorurteile vermindern die Wirkung."

Dr. med. Martin Steinberger MBA, Interdisziplinäre Schmerztagesklinik, München Klinik Schwabing

Patienten erfahren dabei auch, ob und wie sie die Behandlung variieren können, um einen möglichen Gewöhnungseffekt zu verhindern. Aber können die kleinen Geräte Schmerzen wirklich effektiv lindern oder sogar heilen?

Chronische Schmerzen: komplexe Therapie für komplexe Vorgänge

Die Antwort ist kompliziert, denn auch schon länger bestehende Schmerzen sind eine vertrackte Angelegenheit. Schmerzen gelten als chronisch, wenn sie länger als drei bis sechs Monate anhalten. Sie verschwinden, wenn überhaupt, nur langsam. Schmerzempfindung und –erfahrung sind sehr komplexe Vorgänge. Die Behandlung chronischer Schmerzen dauert Wochen bis Monate und umfasst unterschiedliche Therapien.        

"Chronische Schmerzen spielen sich auf allen Ebenen der Signalverarbeitung ab. Da können die Nerven eine Rolle spielen, die Muskeln, die Verarbeitung im Rückenmark, aber ganz besonders auch die Verarbeitung dieser Signale im Gehirn. Und es entstehen oft Teufelskreise, die das Ganze zusätzlich verändern. Das gesamte Umfeld spielt eine Rolle. Zum Beispiel bekomme ich durch Schmerzen Ärger im Beruf, in der Familie. Ich bekomme Stress mit mir selbst, weil ich nicht mehr so leistungsfähig bin. Das sind alles Faktoren, die an der Chronifizierung beteiligt sind, die letztlich zu einer Änderung der Signalverarbeitung im Nervensystem und im Gehirn führen, und das bei jedem Patienten ganz individuell. Je komplizierter das ist und je mehr Teufelskreise da hineingekommen sind, desto wichtiger ist es, dass man alle Ebenen gleichzeitig angeht, mit einer sogenannten multimodalen Schmerztherapie."

Dr. med. Martin Steinberger MBA, Interdisziplinäre Schmerztagesklinik, München Klinik Schwabing

TENS- Geräte sind bei der Behandlung chronischer Schmerzen also nur ein Zusatzelement, allerdings ein wichtiges.

"In erster Linie geht es bei der bei der Therapie insgesamt darum, die Schmerzen zu verstehen. Was passiert da im Körper? Bei chronischen Schmerzen ist es häufig so, dass unser Gehirn Warnsignale erzeugt für Dinge, die eigentlich nicht oder nicht mehr bedrohlich sind. Und wenn ich weiß, warum diese Reaktion stattfindet, welche Erfahrungen Schmerzen noch befeuern können, dann hat man schon einmal einen Teil dieser Bedrohlichkeit genommen. Und zum Zweiten hat man dann eine ganze Menge Ansatzpunkte, um dagegen vorzugehen. TENS gehört dazu und hat großes Potential, wirklich Schmerzen zu verändern und auch Chronifizierung zu bremsen."

Dr. med. Martin Steinberger MBA, Interdisziplinäre Schmerztagesklinik, München Klinik Schwabing

TENS: So funktionieren die Geräte

Gertraud Gürzer hatte 2010 eine Gürtelrose am Rücken. Der Hautausschlag heilte ab, die Schmerzen blieben. Sie ist Patientin im Zentrum für interdisziplinäre Schmerztherapie im Klinikum rechts der Isar der TU München. Sie nutzt neben Medikamenten ebenfalls ein TENS-Gerät. Das wird möglichst vielen Patienten als Zusatzelement zur Therapie angeboten.   

"Das Verfahren ist unter dem Gesichtspunkt der Gegenirritationen zu sehen. Jeder kennt das aus eigener Erfahrung oder der Erfahrung mit Kindern: Wenn man heftig über eine Hautstelle reibt, hat das einen schmerzlindernden Effekt. Das heißt, das Nervensystem versucht, alle Eingänge, die es bekommt, gleich zu bewerten. Und wenn konkurrierende Eingänge da sind, wie Schmerz und gleichzeitig der eines anderen starken Reizes, dann werden die in Verrechnung gebracht und können sich dadurch natürlich auch ein bisschen in ihrer Wirkung mindern. Und das führt dann dazu, dass der Schmerz geringer wird."

Prof Dr. med. Dr. rer. nat Thomas Tölle, Zentrum für interdisziplinäre Schmerztherapie, Klinikum rechts der Isar, TU München

TENS: für viele Patienten geeignet

Professor Thomas Tölle hat zu TENS geforscht und vergleicht die Wirkung mit der der Akkupunktur. Die Forscher legen dabei die sogenannte Gate-Control-Theorie zugrunde: Elektrische Impulse reizen Nervenfasern der Haut. Die konkurrieren mit schmerzleitenden Nervenfasern, und verschließen dabei sogenannte Schmerztore zum Gehirn. Außerdem werden vermehrt Endorphine, körpereigene Schmerzmittel, ausgeschüttet. Die Folge beider Effekte: Schmerzen lassen nach oder verschwinden zeitweise ganz. Aber profitieren von TENS-Geräten alle Patienten?

"TENS wird vor allem eingesetzt bei oberflächlichen Schmerzen, bei Kopfschmerzen, Gürtelrose oder auch bei diabetischer Polyneuropathie an den Füßen beidseits. Nicht ganz so effektiv ist es bei Rückenschmerzen. Aber es kann auch da Effekte haben. Es lassen sich keine klaren Voraussagen machen, kein Krankheitsbild wirklich ganz ausschließen. Man muss einen Versuch machen und sehen, ob der Patient anspricht. Insgesamt würde ich sagen, dass 50 Prozent der Patienten überhaupt ansprechen, 30 Prozent eine Verbesserung ihrer Schmerzen erleben. Und 20 Prozent sind diejenigen, die berichten, dass sie dann dauerhaft davon profitieren."

Prof Dr. med. Dr. rer. nat Thomas Tölle, Zentrum für interdisziplinäre Schmerztherapie, Klinikum rechst der Isar, TU München

TENS: Reize richtig setzen

Bei Getraud Gürzer wirkt die Behandlung der schmerzenden rechten Seite am Rücken nur zeitweise und begrenzt. Um die Wirkung zu steigern, wenden ihre Ärzte einen Trick an. Statt direkt auf der schmerzenden, rechten bringen sie die Elektroden an der gegenüberliegenden, nicht schmerzenden Seite des Rückens an. Die Wirkung ist verblüffend.      

"Das hat total gewirkt. Obwohl ich die Elektroden auf der linken Rückenseite hatte, ist der Schmerz auf der rechten Seite total weg. Ich bin wirklich überrascht!"

Gertraud Gürzer, Patientin  

Den Effekt kennen und nutzen viele Therapieverfahren. Er lässt sich durch den Aufbau von Rückenmark und Gehirn erklären: Das Gehirn und auch das Rückenmark sind doppelgleisig aufgebaut. Von einem Reiz auf einer Seite profitiert von der Information immer auch die Gegenseite.

Viele Patienten schätzen TENS als Zusatzmöglichkeit vor allem deshalb, weil die Anwendung, ganz im Gegensatz zu Schmerzmedikamenten, keine Nebenwirkungen hat.

TENS-Geräte aus dem Supermarkt?

Geräte gibt es immer wieder günstig in Supermärkten und natürlich online zu kaufen. Auch wenn das keine Medizinprodukte sind, können sie nach Meinung vieler Ärzte unbedenklich und durchaus wirksam eingesetzt werden. Voraussetzung ist ein CE Zeichen, also die Zulassung für den europäischen Markt. Und:     

"Man sollte auf jeden Fall mit jemandem, der kompetent ist, darüber reden. Was kann so ein Gerät im Einzelfall bewirken und was nicht. Und natürlich sollte jeder auch wissen, wie man es richtig einsetzt und benutzt."

Dr. med. Martin Steinberger MBA, Interdisziplinäre Schmerztagesklinik, München Klinik Schwabing


5